Jugendliche und ihr erstes Mal: Mythos früher Sex

Immer eher, immer öfter? Das Klischee von den frühreifen Jugendlichen ist Unfug, zeigt eine neue Studie. Im Gegenteil: Deutsche Teenager lassen sich Zeit und schreiben Verhütung und Aufklärung groß. Auch ungewollte Schwangerschaften werden seltener.

Köln - Dass Jugendliche beim ersten Sex immer jünger sind, ist ein blanker "Mythos" - so das Ergebnis einer neuen Studie zur Jugendsexualität, die heute die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) vorstellte. "Wir haben keine Hinweise darauf, dass Jugendliche immer häufiger, immer früher Geschlechtsverkehr haben", sagte die Direktorin der Bundeszentrale, Elisabeth Pott.

Pärchen im Klatschmohnfeld: Weniger ungewollte Schwangerschaften
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Zwar haben laut Studie zwölf Prozent aller Mädchen und zehn Prozent aller Jungs bereits mit 14 Jahren ihre ersten sexuellen Erfahrungen gemacht - aber daran habe sich seit 2001 nichts geändert, so Pott. Etwas gestiegen ist die Zahl der Jugendlichen, die den ersten Geschlechtsverkehr mit 17 Jahren hinter sich haben: Bei den Jungs in diesem Alter hat nur ein Drittel noch keinen Sex gehabt, bei den Mädchen sogar nur ein Viertel. Für die Untersuchung hat die Bundeszentrale im vergangenen Jahr 2500 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren befragt.

Wer wann das erste Mal Sex hat, hängt auch mit dem Bildungsniveau zusammen: Während von den sexuell erfahrenen Jugendlichen 63 Prozent der Hauptschülerinnen und 53 Prozent der Hauptschüler angaben, schon mit 14 Jahren oder früher Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, waren es bei den Gymnasiasten nur 32 Prozent der Mädchen und 19 Prozent der Jungen.

"Spontaneität gilt als cool"

Auch zu Aufklärung und Verhütung wurden die Jugendlichen befragt. Ergebnis: Immer häufiger verhüten sie beim ersten Mal mit Kondom - 71 Prozent der Mädchen und 66 Prozent der Jungs, deutlich mehr als im Jahr 2001. Mit der Pille verhütet nur ein Drittel.

Seit die Bundeszentrale vor 25 Jahren zum ersten Mal eine Studie zur Jugendsexualität startete, hat sich der Anteil der Jugendlichen, die beim ersten Mal gar nicht verhüten, halbiert. Heute sind es nur noch neun Prozent der Mädchen und 15 Prozent der Jungen. Wenn sie beim ersten Mal auf alle Vorsichtsmaßnahmen verzichtet hätten, sei das passiert, weil sie von der Situation "völlig überrascht" worden seien - der Sex war also nicht geplant, berichteten die Jugendlichen. BZgA-Direktorin Pott erklärte: "Jugendliche legen heute viel Wert auf Spontaneität, das gilt als cool."

Der insgesamt verantwortungsvolle Umgang mit Verhütung sei auch ein Resultat guter Aufklärung - durch Eltern und Schule. Der Umgang mit dem Thema Sexualität habe sich in den letzten 25 Jahren "deutlich versachlicht und ist heute viel stärker in der Familienerziehung integriert", sagte Pott. So sei im Jahr 1980 nicht einmal die Hälfte der Jungen in der Familie aufgeklärt worden, heute schon zwei Drittel. Sogar 75 Prozent der Mädchen wurden 2005 von den Eltern selbst aufgeklärt, 1980 waren es 61 Prozent. Hoch angesehen bei Kindern und Eltern sei inzwischen die schulische Sexualerziehung, heißt es in der Studie.

Zahl der Teenagerschwangerschaften geht zurück

Die meisten Jugendlichen also sind aufgeklärt, Verhütung ist für einen Großteil selbstverständlich. Trotzdem gab es im Jahr 2004 rund 7000 Geburten von unter 18-Jährigen, im Jahr 2005 etwa ebenso viele Schwangerschaftsabbrüche. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung sei die Zahl der Teenagerschwangerschaften in den letzten fünf Jahren aber in Deutschland gesunken, sagte Elisabeth Pott von der Bundeszentrale - anders als in vielen anderen Ländern. Dass ein anderes Bild vorherrsche, liege wohl an einer "ausführlichen Einzelfallberichterstattung" in den Medien. Ein große Rolle spiele der Bildungsstand: "Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen haben eine fünf Mal größere Chance, ungewollt schwanger zu werden, als in höheren Bildungsschichten", so Pott.

Auch wenn die Zahlen rückläufig sind - viele Jugendliche haben Angst vor ungewollter Schwangerschaft: Zwei Drittel der Mädchen und mehr als die Hälfte der Jungen sehen das als "Katastrophe". Gleichzeitig geben über zwei Drittel der weiblichen Jugendlichen an, später einmal Kinder haben zu wollen. Jungen sind da grundsätzlich etwas ablehnender und vor allem unentschlossener - 40 Prozent antworteten auf die Frage nach einem Kinderwunsch mit "weiß nicht". Interessant: In Ostdeutschland wollen deutlich mehr Jugendliche später Kinder haben als im Westen.

anr/dpa/AP/AFP

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