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Jugendsprache: "Deine Mudder ruft zum Duschen die Feuerwehr"

Sie diffamieren die wichtigste Frau im Leben eines Mannes und sind schrecklich komisch: Deine-Mudder-Witze. Linguistik-Professor Jannis Androutsopoulos erklärt im Interview den Ursprung der Zoten. Der SchulSPIEGEL zeigt dazu die gemeinsten Lästereien. Teil I: dicke Mütter.

Beleibte Mutter: Zielscheibe von bösen Sprüchen Zur Großansicht
Guido Schröter

Beleibte Mutter: Zielscheibe von bösen Sprüchen

Frage: Herr Androutsopoulos, Sie als Professor für Linguistik müssten uns doch sagen können, wo die "Mudder-Sprüche" herkommen?

Androutsopoulos: Diese Art von Sprüchen ist mindestens seit den sechziger Jahren in der afroamerikanischen Jugendkultur dokumentiert. Schwarze Jugendliche in Harlem haben sich schon damals verbale Duelle mit "Deine-Mudder"-Sprüchen geliefert. Das sind die afroamerikanischen "Sounds", ein bestimmtes Format kompetitiver Sprüche.

Frage: Stopp, stopp, stopp, geht's ein bisschen einfacher?

Androutsopoulos: Na klar. Die Sprüche funktionieren nach einem festen Schema, bei dem die Mutter des Gegners herabgewürdigt wird: Deine Mutter ist so x, dass y…. Hier ein O-Ton-Beispiel: "Your mother so old she got spider webs under her arms" ("Deine Mutter ist so alt, sie hat'n Spinnennetz unter'm Arm"). Auch die Interaktionsform ist festgelegt. Der eine klopft den Spruch, der andere erwidert und übertreibt ihn. Wie weit dieses Spiel geht, entscheidet das Auditorium, also die Clique, die drumherum steht.

Deine Mudder ihr Köperumfang

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Frage: Und wann ist ein Spruch gelungen?

Androutsopoulos: Natürlich muss er dem Auditorium gefallen. Es gilt aber eine einfache Grundregel. Die Sprüche müssen offensichtlich absurd sein. Die Sprücheklopfer müssen sich in ihrer Absurdität überbieten. Wenn die Sprüche nicht absurd sind, dann haben sie den Anderen wirklich beleidigt.

Frage: Aber wieso werden gerade die Mütter beleidigt?

Androutsopoulos: Das könnte damit zusammenhängen, dass die Kids in Harlem eher in zerrütteten Familienverhältnissen aufwuchsen und daher auch eher dominante Mutterfiguren hatten.

Frage: Und wie sind die Sprüche dann zu uns gekommen?

Androutsopoulos: Vieles spricht dafür, dass die in den Neunzigern einsetzende HipHop-Kultur in Deutschland - nicht zuletzt durch den Sprechgesang - dafür verantwortlich war. Die Sprüche der afroamerikanischen Jugendlichen fanden schon sehr früh ihren Weg in die Rap-Musik und wurden dadurch auch von deutschen Rappern rezipiert und daraufhin nachempfunden.

Frage: Und wie ging es dann weiter?

Androutsopoulos: Es hat eine kreative Weiterentwicklung und Vermischung mit hiesigen Kulturen stattgefunden. Sowohl mit der herkömmlichen deutschen Sprüchekultur, wie wir sie aus Schüler- und Studentenkreisen kennen, als auch mit südländischen Sprüchekulturen, die über Migration ihren Weg zu uns gefunden haben. Rituelle Beleidigungen unter Jugendlichen sind in vielen Sprachen und Kulturen, darunter der türkischen und griechischen, dokumentiert. Mittlerweile haben sich die Verhältnisse jedoch stark geändert. Der enge Rahmen des HipHop ist gesprengt, der Wettbewerb ist in andere soziale Kontexte gerückt.

Frage: Zu deutsch?

Androutsopoulos: Die Regeln für die rituellen Beschimpfungen haben sich geändert. Früher waren sie Teil der Ausdruckskultur im HipHop, in einer Szene, die in sich recht geschlossen war. Heute dienen die Sprüche beispielsweise auch als Machtinstrument gegenüber vermeintlich ungebildeten Menschen.

Das Interview führte Mike Glindmeier, die Auszüge stammen aus Julia Rateike: "Deine Mudder liest dies Buch", erschienen 2011 bei Eulenspiegel.

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insgesamt 106 Beiträge
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1. g
Steinwald 14.09.2011
das interessante ist, dass jungendsprache so eigentümlich schwer zu greifen ist. man hört sie allenthalben, und doch entzieht sie sich jeglicher wissenschaftlicher annäherung, will mir scheinen. profs, die sich damit auseinandersetzen wirken seltsam und das, was in manchen heftchen als jugendspradche verkauft wird, wird ausserhalb der buchredaktionen wohl nirgendwo gesprochen. naja. was solls.
2. Mein Favorit
trstn 14.09.2011
Deine Muddah heisst Uwe und arbeitet aufm Fischmarkt.
3. den hassu vergessen
maximixa 14.09.2011
"deine mudder klaut bei kik!"
4. ...
hansklauspeter 14.09.2011
---Zitat--- Rituelle Beleidigungen unter Jugendlichen sind in vielen Sprachen und Kulturen, darunter der türkischen und griechischen, dokumentiert. ---Zitatende--- Rituelle Beleidigung... so nenn sich das in Zukunft immer. "Nene, das war keine Beleidigung, das war ein Ritual."
5. Es gibt...
fatherted98 14.09.2011
Zitat von Steinwalddas interessante ist, dass jungendsprache so eigentümlich schwer zu greifen ist. man hört sie allenthalben, und doch entzieht sie sich jeglicher wissenschaftlicher annäherung, will mir scheinen. profs, die sich damit auseinandersetzen wirken seltsam und das, was in manchen heftchen als jugendspradche verkauft wird, wird ausserhalb der buchredaktionen wohl nirgendwo gesprochen. naja. was solls.
...keine "Jugendsprache". Das ist alles nur eine Erfindung einiger Autoren die sich mit Artikel und dann noch meist Büchern die schnelle Mark verdienen wollen.
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Zur Person
  • Jannis Androutsopoulos, geboren 1967, studierte in Athen und Heidelberg, forschte und lehrte als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Mannheim und als Juniorprofessor in Hannover und London. Seit 2009 ist er Linguistik-Professor an der Uni Hamburg mit Forschungsschwerpunkt Sozio- und Medienlinguistik, insbesondere in Bezug auf Jugendkulturen. Mit dem Sammelband "HipHop: Globale Kultur - lokale Praktiken" gab er 2003 die Mutter aller Fachpublikationen über die Aneignung von HipHop im deutschsprachigen Raum heraus.
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