Sharon Wendzich, 18, ist nicht auf den Mund gefallen, aber eines Tages blieb sie sprachlos auf der Straße stehen. Sie redete gerade mit ihren Freunden, als ein älteres Ehepaar auf sie zukam und einer der beiden fragte: "Wie sprecht ihr Jugendlichen eigentlich heutzutage?" Viele Monate ist das schon her und nun sitzt Sharon in der Bibliothek der Carl-von-Ossietzky-Schule in Berlin-Kreuzberg und erzählt diese Anekdote, während neben ihr die Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese, 46, verständnisvoll nickt.
Die Professorin der Universität Potsdam erforscht seit den neunziger Jahren Kiezdeutsch - den Slang der Jugendlichen in den Multikulti-Vierteln deutscher Städte. Arabisch klingende Worte wie "yallah" ("Auf geht's!") gehören in diesen Gegenden zum Wortschatz selbst deutschstämmiger Jugendlicher. Und der Satz "Gestern war ich Schule" wird allgemein als richtig anerkannt - auch wenn Präposition und Artikel fehlen.
Mitte Februar bringt Wiese ihr Buch "Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht" auf den Markt und stellt sich auf erboste Reaktionen ein - denn der Jugendslang ist ein hochemotionales Thema. Immer, wenn darüber etwas in den Medien erscheint, wird sie von Kritikern beschimpft, die die Reinheit der Sprache gefährdet sehen. Einmal habe jemand sogar gedroht, ihren beiden kleinen Töchtern etwas anzutun, sagt Wiese.
Die Professorin kämpft dafür, dass Kiezdeutsch als Dialekt anerkannt wird. Wer Wiese wütend erleben will, der sagt am besten, Kiezsprache sei falsches, schlechtes Deutsch. Wiese ist überzeugt, dass die Sprache aus den sozialen Brennpunkten oftmals logischer ist als Standarddeutsch. Die häufige Verwendung des Wörtchens "so" sei ein Beispiel - es werde benutzt, um die Bedeutung eines Objekts hervorzuheben: "Sind wir so Kino gegangen".
Wiese ist überzeugt, dass Kiezdeutsch sprechende Jugendliche von einem Moment auf den anderen zur formalen Sprache umschalten können. "Niemand spricht mit seiner Lehrerin so wie mit Freunden - außer man will die Lehrerin ärgern", sagt sie.
Umschalten zwischen Arabisch, Deutsch und Kiezdeutsch
Doch wie entstand der Slang? Vor allem, indem junge Menschen mit einer breiten Sprachkompetenz in deutschen Städten zusammen kämen, lautet Wieses Theorie. Es sei dabei vielerorts ein "Multiethnolekt" entstanden - also ein Dialekt, der sich aus diversen ethnischen Wurzeln gebildet hat. Dominierend seien dabei die türkisch- und arabischsprechenden jungen Leute gewesen.
Zu denen gehört etwa Dalia Hibish, 15. Auch sie besucht eine Kreuzberger Schule und arbeitet mit in einem Sprachprojekt, das Heike Wiese begleitet. Dalias Familie stammt aus dem Irak. Zu Hause spricht sie oft Arabisch, die meisten Verwandten leben in Australien und sprechen Englisch, im Unterricht redet sie Deutsch und auf dem Schulhof auch mal ein bisschen Mischmasch.
Kiezdeutsch zu sprechen mache auch gebildeten Jugendlichen einfach Spaß, sagt die Schülerin Aichat Wendlandt, die in Madagaskar geboren wurde. Weder Sharon, noch Dalia oder Aichat, die alle das Abitur anstreben, sprechen tatsächlich ständig Kiezdeutsch. Der Slang sei einfach nur die vorherrschende Sprache in ihrer Umgebung und manchmal rutsche man eben hinein, sagen alle drei.
Auch Sharon, die keine ausländischen Wurzeln hat, ist mit dem Multikulti-Slang vertraut und erzählt, wie sie einmal versehentlich in einer schriftlichen Schularbeit in den Jargon rutschte. Ihre Lehrerin habe an den Rand geschrieben: "Was willst du mir damit sagen?" Aber das passiere wohl jedem mal, der wie sie seit acht Jahren eine Kreuzberger Schule besucht, sagt Sharon.
Von Jens Twiehaus, dapd / fln
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