Jugendtreff Eisdisco: Auf zwei Kufen im Vier-Viertel-Takt

In den achtziger Jahren waren Eishallen so etwas wie Training für die Disco. Auch für Jens Steffenhagen: Mit zwölf startete er auf dem Eis von Münster erste Flirtversuche und bewunderte einen Pommes-König namens Elvis. 24 Jahre später kehrt er zurück - und merkt: So schön wird's nimmer mehr.

Schüler on Ice: Für Jens Steffenhagen war die Eisdisco der erste Schritt ins Partyleben Zur Großansicht
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Schüler on Ice: Für Jens Steffenhagen war die Eisdisco der erste Schritt ins Partyleben

Elvis stahl uns allen die Show. Er hatte eine kleine Imbissbude in der Eishalle von Münster und verkaufte Pommes. Ob er wirklich so hieß, haben wir nie erfahren, aber für uns war er der King. Manchmal kam er raus und stieg in seine Schlittschuhe. Mit seiner schwarz gefärbten und mit Gel betonierten Tolle fiel er sofort auf.

Nicht nur sein Look faszinierte mich - es war die Anmut, mit der er sich auf dem Eis bewegte. Sein Stil war so übernatürlich cool, dass mich die hypnotische Schlangenbewegung sogar in meinen Träumen verfolgte. Ich wollte Elvis sein. Doch ich war ein zwölfjähriger, schüchterner Junge in zu großen Leihschlittschuhen.

Es war der Winter 1985, jeden Dienstag ging ich mit meinen beiden Kumpels um 15 Uhr in die Eishalle am Rand von Münster. Wir durften damals abends noch nicht um die Häuser ziehen, wollten aber unbedingt schon feiern, wollten laute Musik hören und Mädchen kennenlernen. All das konnten wir in der Eisdisco. Die Beats der Pet Shop Boys und "Maria Magdalena" schrillten durch die Halle, wir wippten auf zwei Kufen im Vier-Viertel-Takt.

Nur ein paar Monate lang dauerte diese Phase, schon im nächsten Frühjahr durfte ich bis 20 Uhr draußen bleiben. Damit tat sich eine ganz neue Welt auf: Jugendzentrumpartys. Doch die Eisdisco war unser kollektives Erweckungserlebnis, der frühpubertäre Beginn des Partylebens. Ich bin zurückgekehrt in die Eishalle, 24 Jahre war ich nicht dort. Doch die Erinnerungen sind lebendig geblieben.

Balztaktik der Mädchen: Je unbeholfener, desto anziehender

Ich weiß noch genau: Ich wollte sein wie Elvis, wie der Pommes-King on Ice. Es war ein weiter Weg. Der erste Schritt wurde mir geschenkt: Eishockey-Schlittschuhe. Die waren damals nicht selbstverständlich. Die meisten Jugendlichen zogen ihre Bahnen auf Nachkriegsmodellen, die schon Opa auf dem zugefrorenen Teich benutzt hatte. Oder sie besaßen weiße Eiskunstlaufschuhe, auch Jungs fuhren damit ihre Kurven. Diese wackligen Geräte waren für die wichtigsten Moves jedoch völlig ungeeignet: Weder konnte man mit ihnen spektakuläre Vollbremsungen inklusive Staubwolke hinlegen, noch ermöglichten sie Elvis' göttlichen Balztanz.

Weihnachten 1985 bekam ich rot-weiß-blaue Hockeyschuhe der Marke Balzer. Mit dem Namen konnte einfach nichts schief gehen. Obwohl: Elvis hatte Koflach-Schuhe. Dick gepolstert und mit drei neonfarbenen Schnallen. Während ich meine Schnürsenkel durch Metallhaken ziehen musste, ließ er die Mechanik mit sattem Schmatzen einrasten. Ein Klassenunterschied blieb, immerhin hatte ich aufgeholt.

Die Schuhe allein konnten es nicht richten: Zum Üben lehnten wir an den Banden und zeichneten mit den Füßen Achten aufs Eis. Wir standen unterhalb der Tribüne, auf der die Mädchen in ihren weißen Buntfaltenhosen Hubba-Bubba kauten oder Zigaretten rauchten. So konnten sie unsere Verrenkungen nicht sehen. Sie selbst hatten kein Training nötig - es hätte ihnen eher noch geschadet: Je unbeholfener, desto anziehender, das war ihre Balztaktik.

Hütten-Gaudi für die ganze Familie statt "Groove to the Music"

Eine einzige Eroberung gelang mir in diesem Winter. Jedenfalls fast. Nach hartnäckiger Verfolgung einer Grazie, der ich mit stoischer Miene Runde um Runde hinterherfuhr, kam es für Sekunden zur Parallelfahrt. Die pure Erotik dieses Moments ließ uns, knallrot geworden, sofort wieder auseinander driften.

Mädchen waren nicht die einzige Attraktion der Eisdisco. Schließlich befanden wir uns in der Goldenen Ära der Arcade-Spiele. Eine Spielekonsole hatte keiner zu Hause, die Automaten mit Bildschirm und Joystick waren der Renner. Ein Prachtexemplar stand auch in Elvis' Fünfziger-Jahre-Imbiss: "Karate Champ". Zu dritt drängten wir Jungs uns um den Monitor, während einer Gesichtstreffer und Fußfeger austeilte. Dass Elvis, unser Idol, am Tresen zum Synthesizer-Stakkato von Paul Hardcastles "19" Kaugummi kaute, machte die Sache noch aufregender. Pommes kauften wir aber nie. Das Geld wanderte komplett in den "Champ".

Wie mag es heute an diesem für mich heiligen Ort zugehen? Wird die Eishalle als Ersatzdisco noch benötigt? An einem Dienstagnachmittag fahre ich an den Rand von Münster. Die Halle existiert noch, nur: Die Eishalle heißt heute "Eispalast". Der einfache Flachbau versteckt sich nun hinter einem Burger King. Im Innern funzelt noch immer das grell-grünliche Licht, doch es fehlt die bunte Lichtorgel. Am Ende der Bahn prangt jetzt ein Alpenpanorama: Hütten-Gaudi für die ganze Familie statt "Groove to the Music".

Pommes gibt's noch, einen King auch - aber der King ist weg

Partys steigen jetzt ausschließlich abends. Sie heißen "Students on Ice", "Slow Motion Night", "Chartbreaker Night" - das gab's alles früher schon, nur in einer Veranstaltung, und die hieß schlicht "Eisdisco". An diesem Nachmittag knistert die Musik in kaum wahrnehmbarer Lautstärke vor sich hin. Elvis' Imbissbude ist humorlos durch ein riesiges Toilettenhäuschen ersetzt worden. Pommes bekommt man zwar immer noch, auch bei einem King, aber nicht bei dem King. Ja, es wirkt traurig.

Auf der hinteren Tribüne, dort wo die Hubba-Bubba-Mädchen damals saßen und rauchten, versammelt sich eine Mädchen-Eishockeymannschaft. Ihr Trainer bellt sie an. Fehlt nur noch, dass Katharina Witt um die Ecke kommt.

In dieser kühlen Atmosphäre ziehen zwei Mädchen ins Gespräch vertieft ihre Bahnen. Die Eishalle funktioniere immer noch als Kontaktbörse, da ist sich Xenia, 15, sicher. Schließlich hat sie hier an einem Wochenende ihren letzten Freund kennengelernt. Und zwar ganz old school: "Wir sind erst nebeneinander gefahren, uns dann immer näher gekommen und irgendwann - tja!" Auch Cara, 18, glaubt: "Die Eishalle ist zum Flirten da!" Nur halt nicht mehr nachmittags. "Freitagabends ist hier die Hölle los."

Klar. Aber nicht für die 12- bis 13-Jährigen. Auch Herr Nathan, der Anlagenleiter, bestätigt den Niedergang der Dienstags-Institution: "Die ganz Jungen kommen nachmittags nur noch zu unseren Specials, zum Beispiel zur 'School's out Party', die einmal im Jahr stattfindet." Zu der kommen Schüler mit einer Eins in Sport umsonst rein. Als ob sie das befähigen würde, wie Elvis zu fahren. Aber ohne Lichtorgel und "Karate Champ" ist die Eisdisco ohnehin nicht mehr das, was sie war.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Ja die Zeiten ändern sich...
spaduch 05.01.2010
...und das gilt nicht nur so in Münster. Die Paläste meiner Jugend, Eisdisko blieb in meiner DDR-Jugend ein Traum, sind alle längst zur Unkenntlichkeit saniert oder abgerissen. So ist das wohl. Mit dem politischen System verschwindet auch die Jugend derer die darin lebten. Unwiederbringlich sind die Dorfdiskos und Jugendklubs dahin gegangen. Was denkt sich da ein junger Mensch wenn er grad seine Jugend lebt? Damals konnte es gar nicht schnell genug gehen mit dem älter werden. Heute geht es viel zu schnell, die 40 kommt gerollt wie eine Lawine....
2. …traurig
Dogbert 06.01.2010
bin ich immer noch, wenn ich daran denke, wie sie das alte Eisstadion in Köln in der Lentstrasse niedergerissen haben. Das hatte noch den richtigen fifties-touch, und abgesehen davon, dass Eislaufen sowieso einfach nur schön ist, waren die Mädels da immer in der Überzahl. Jetzt kommt da so ein modernes Erlebnis-Eis-Ding hin, aber so ist es halt eben.
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