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Junge Jäger: Die Angst vor dem ersten Schuss

Von Marie-Charlotte Maas

Sie ziehen los, wenn andere noch schlafen - und töten Tiere. Jenny Stolz, 25, und Daniel Kuhn, 19, sind Jungjäger, sie dürfen auf Tiere schießen, weil sie das "Grüne Abitur" bestanden haben. Die Prüfung ist schwierig, manche behaupten: Kniffliger als jeder Schulabschluss.

Junge Jäger: Die Angst vor dem ersten Schuss Fotos
Andreas Kuhn

Der erste Schuss hat sie schockiert, dabei hatte Jenny Stolz sich gut vorbereitet: Das Messer war verstaut, das Fernglas umgehängt, sie trug lange Hosen, um sich vor Brennnesseln zu schützen, eine Mütze, um die blonden Haare zu verbergen, und bequeme Schuhe, schließlich wusste sie nicht, wie lang sie unterwegs sein würde.

Dann, plötzlich, schlich ein Fuchs ins Fadenkreuz. Klein und niedlich. "Ich musste mich sehr überwinden zu schießen", sagt die Jungjägerin. Warum sie trotzdem abdrückte? "Wir tun ja Gutes", sagt sie.

Ähnlich erlebte es Daniel Kuhn: Er zitterte bei seinem ersten Schuss am ganzen Körper. "Ich töte schließlich ein Lebewesen", sagt er. Sein Vater saß neben ihm, das beruhigte ihn ein wenig.

Insgesamt gibt es allein in Brandenburg 835 junge Jäger zwischen 19 und 30 Jahren. Die Bürokauffrau Jenny Stolz, 25, und der Metallbauer Daniel Kuhn, 19, gehören dazu. Und es werden mehr, sagt der Sprecher des Landesjagdverbandes: "Zumindest in Brandenburg spüren wir einen leichten Anstieg." Vor allem freue ihn, dass sich zunehmend auch Frauen für das Jagen interessieren. Allerdings liegt ihr Anteil noch immer bei sechs Prozent. "Es dürften gerne mehr sein."

"Wir übernehmen die Rolle der natürlichen Feinde"

All diese Jungjäger haben viel Zeit und Geld investiert, um den Jagdschein zu machen. Das sogenannte "Grüne Abitur" sei schwieriger zu bekommen als jeder Schulabschluss, sagen jene, die die Prüfung abgelegt haben.

Jenny Stolz kam durch ihren damaligen Freund vor sechs Jahren zur Jagd. Er ist selbst Jäger, und sie begleitete ihn damals als Treiberin. Sie liebe es, vor allen anderen wach zu sein, sagt sie. "Ich komme so nah an die Tiere heran, sehe, wie Frischlinge miteinander spielen oder wie eine Eule sich auf den Hochsitz setzt."

Es gehe bei der Jagd nicht darum, sinnlos auf Tiere zu schießen. "Wir übernehmen die Rolle der natürlichen Feinde, die es heute nicht mehr gibt. Darum schießen wir auch vor allem schwache und kranke Tiere, die früher von Wölfen oder anderen Raubtieren gerissen worden wären", sagt Jenny Stolz.

Die Durchfallquote beim "Grünen Abitur" liegt bundesweit bei 25 Prozent

Zudem, sagt ihr Jagdkollege Daniel Kuhn, gehe es für ihn bei der Jagd nicht vorrangig ums Schießen. Zur Jagd gehöre auch die Revierarbeit. Hochsitze bauen und reparieren, Bäume pflanzen und gießen, Brücken bauen und instand halten. Manchmal fährt er auch einfach raus in den Wald und genießt die Ruhe. "Ich schaue mir die Vögel an. Das macht mir einfach Spaß", sagt er.

Seitdem Daniel Kuhn zehn Jahre alt ist, nimmt sein Vater ihn mit zur Jagd. Mit 16 Jahren beschloss er schließlich, selbst den Jagdschein zu machen - parallel zum Schulabschluss. Im Nachhinein ganz praktisch, findet er. "Ich war ohnehin in einer Lernphase, da kam es auf eine Prüfung mehr oder weniger nicht an."

Über ein halbes Jahr besuchte er jeden Samstag einen Lehrgang. Abends setzte er sich an die Bücher und lernte: Wildkrankheiten, Naturschutz, Jagd und Waffenrecht, den Transport und das Auseinandernehmen von Tieren, das sogenannte Aufbrechen, die Waffenhandhabung und die Hunde-Ausbildung. Das Lernen für den Jagdschein habe mehr Spaß als für die Schule gemacht, sagt Daniel Kuhn.

Er besteht auf Anhieb. Das ist nicht selbstverständlich: Die bundesweite Durchfallquote liegt bei 25 Prozent. Jenny Stolz findet es gut, dass die Prüfung so schwer ist. "Wenn jemand zu einem Gebiet nichts weiß oder nicht gut schießen kann, darf man diese Person nicht auf die Tiere loslassen", sagt sie.

Für Lehrgang und Jagdschein bezahlte Daniel Kuhn 1000 Euro. Ohne die Hilfe seines Vaters hätte er sich das nicht leisten können. Jenny Stolz bezahlte sogar noch mehr: Sie besuchte einen dreiwöchigen Intensivkurs, der mit Unterkunft 3500 Euro kostet.

Sie paukte zusammen mit sechs anderen angehenden Jägern in einem abgelegenen Ort in Mecklenburg-Vorpommern, sieben Tage die Woche. "Es war schlimmer als in der Schule", sagt sie. Um 5.30 Uhr stand sie auf, um allein zu lernen, um 8 Uhr dann Frühstück, von 9 Uhr bis 18 Uhr Unterricht, dann Abendessen, danach noch mal bis 22 Uhr lernen.

Mit Babybauch auf die Pirsch

Schlafmangel, Kosten und Zeitaufwand lohnten sich: Jenny Stolz bestand und schaffte sogar das gefürchtete Tontaubenschießen mit Bravour. Viele, erzählt sie, besuchen solche Kurse ohne Vorkenntnisse und ohne Praxiserfahrung. Das rächt sich. Wer nur komme, weil Papa sich einen Jagdpartner wünscht, schaffe die Prüfung selten.

Die ersten drei Jahre nach ihrer Prüfung galten Jenny Stolz und Daniel Kuhn als Jungjäger. Diese Bezeichnung ist unabhängig vom Alter des erfolgreichen Prüflings. In dieser Zeit sollen sie durch Reviergänge Praxiserfahrung sammeln. Erst dann sind sie berechtigt, ein Jagdrevier zu pachten.

Daniels Freunde kritisieren ihn normalerweise nicht, weil er Tiere tötet. "Ab und zu kommen ein paar Mädels und fragen, wie ich das süße Tier erschießen kann", sagt er. Die Oma von Jenny Stolz hat allerdings Probleme mit ihrem Hobby, deswegen erzählt die Enkelin nichts von ihrem Hobby. "Meine Oma könnte es nicht fassen, dass ihr tierliebes Enkelkind auf Tiere schießt", sagt sie. Ihre Freunde dagegen wollen profitieren: Viele fragten oft, ob sie nicht ein Stück Wildschwein besorgen könne.

Jenny Stolz ist vor kurzem Mutter geworden. Als sie erfuhr, dass sie ein Baby bekommt, bat ihr Freund sie, erst einmal auf das Jagen zu verzichten. Allerdings hielt sie sich nicht daran: "Einen Tag vor der Geburt war ich noch mal draußen, aber mit Babybauch herumzurobben, ist nicht so einfach", sagt sie.

Vielleicht wird auch die kleine Anna eines Tages die Begeisterung ihrer Eltern teilen. Das gemeinsame Hobby hat immerhin einen großen Vorteil: "Ein Nicht-Jäger würde wohl kaum akzeptieren, dass seine Freundin im Winter fast jede Nacht auf Pirsch geht."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 278 Beiträge
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1. Ich bin schockiert
sir.viver 03.02.2011
Zitat von sysopSie ziehen los, wenn andere noch schlafen - und töten Tiere. Jenny Stolz, 25, und Daniel Kuhn, 19, sind Jungjäger, sie dürfen auf Tiere schießen, weil sie das "Grüne Abitur" bestanden haben. Die Prüfung ist schwierig, manche behaupten: Kniffliger als jeder Schulabschluss. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,741765,00.html
Jäger töten Tiere? Danke SPON, dass ihr das endlich mal aufdeckt. Als Veganer hatte ich Tränen in den Augen als ich das las. Diese Erkenntnis hat mich so unvorbereitet getroffen, dass mir der Appetit auf meine Tofu-Boulette vergangen ist. Erst neulich hatte ich eine schreckliche Beobachtung machen müssen, ein Mitbewohner machte sich Rühreier. Ich habe diesen Mörder am ungeborenen Leben natürlich sofort zur Rede gestellt und konnte ihn dann überzeugen dies nicht mehr zu tun. Die restlichen acht Eier aus der Packung haben wir dann anschließend im Beisein meiner Freundin Uschi am Rande des Biogartens bestattet. Das war alles war wir noch tun konnten, wir gaben den ungeborenen Küken ein würdiges Grab. Seitdem hängt außen am WG-Fenster das Transparent: "Wer Eier ißt vergreift sich am ungeborenen Leben" Vielleicht sollten wir unsere spontane Aktion auf die Jagd ausweiten?
2. .
Pnin, 03.02.2011
---Zitat--- Dann, plötzlich, schlich ein Fuchs ins Fadenkreuz. Klein und niedlich. "Ich musste mich sehr überwinden zu schießen", sagt die Jungjägerin. Warum sie trotzdem abdrückte? "Wir tun ja Gutes", sagt sie. ---Zitatende--- Schwachbrüstige Selbstrechtfertigung bei der Fuchsjad. Soll Sie doch die Tötungslust zugeben, statt diese ätzende Heuchelei von sich zu geben. ---Zitat--- Ich komme so nah an die Tiere heran, sehe, wie Frischlinge miteinander spielen ---Zitatende--- "Ich wollte schon immer was mit Tieren machen" - sagte der Metzger.
3. Doppelmoral
makutsov 03.02.2011
Hamburger beim McDoof ist in Ordnung, aber Jäger sind Mörder. Ja nee, is klar. Das Töten von Tieren für den nahrungserwerb wohnt unserer Spezies seit Jahrtausenden inne und ich kann absolut kein Problem damit erkennen.
4. Ist das eklig
bombusalpinus 03.02.2011
Ist das eklig! Da sterben Tiere! Und die finden das auch noch toll! Mein Essen kommt täglich aus dem Supermarkt. Mein Schnitzel wächst da in ner Kühltruhe. Das ist schön aseptisch. Und erst die süssen Bambis. Die muss man doch schützen! Auch vor der Natur! Als letztens im Vorabend-Tierfilm gezeigt wurde, wie so ein Löwe eine Gazelle kaltblütig gekillt hat, habe ich mich sofort beim Sender beschwert. Das darf man doch keinen Kindern zugänglich machen. FSK16 mindestens! Wer Ironie findet, darf sie behalten. Schön, dass zunehmend wieder junge Menschen einen Bezug zu einer nachhaltigen Naturnutzung finden. Jagd bedeutet so wesentlich viel mehr, als ein Tier zu töten. Das kommt in diesem Artikel ja auch ganz gut rüber. Und wer sich der Bedeutung des Tötens bewusst ist, hat (zumindest ich) einen bewussteren Bezug zu Lebensmitteln, für die Tiere sterben mussten....
5. .
Pnin, 03.02.2011
Zitat von makutsovHamburger beim McDoof ist in Ordnung, aber Jäger sind Mörder. Ja nee, is klar. Das Töten von Tieren für den nahrungserwerb wohnt unserer Spezies seit Jahrtausenden inne und ich kann absolut kein Problem damit erkennen.
Wieviele Fuchskoteletts haben Sie so in letzter Zeit gefuttert?
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