Junger Poetry-König: "Ein Text, der es euch richtig besorgt"

Von Mathias Hamann

Seine Deutsch-Diktate hatten immer ein paar Fehler, mit der Sprache kann er trotzdem richtig gut: Julian Heun, 18, ist Deutschlands bester junger Slam-Poet. Am Wochenende erreimte er sich den Titel beim Finale in Berlin - sogar seinem Deutschlehrer hat es gefallen.

Vor ein paar Monaten hat er erst mit dem Slammen angefangen, wird Julian Heun hinterher erzählen. Jetzt ist er Deutscher Meister. Ganz schnell wird er das sagen, denn er will ja noch feiern gehen. Und ganz leise, denn laut wird er selten, auch nicht auf der Bühne. Roland Jerzewski, sein Lehrer, sagt: "Der Julian brüllt nicht, der ist präsent."

Am Nachmittag steht Lehrer Jerzewski vor dem Berliner Admiralspalast in der Schlange und wartet. Seine Haare sind grau, er sieht ein wenig aus wie Robert Redford - er sticht heraus aus der Masse. Genau wie sein Schüler Julian, der heute Abend Deutscher U20-Meister im Poetry Slam werden wird.

Seit der achten Klasse kenne er Julian, sagt Jerzewski. "Der war immer eher ein leiser." Er habe aber schon damals viel Fantasie und Sprachgefühl gehabt - und eine tolle Stimme: "Ich habe ihn auf Matineen Walter Benjamin lesen lassen." War Julian Lehrers Liebling? "Nein. Seine Diktate hatten immer ein paar Fehler."

Das Publikum richtet die Dichter

Roland Jerzewski ist das erste Mal beim Poetry Slam. Rund 1600 Leute sind heute hier, im Berliner Admiralspalast, und hören den besten Slammern Deutschlands zu, die sich in regionalen Wettbewerben durchgesetzt haben. Am Ende wird ein Deutscher Meister bei den Erwachsenen und einer bei den Jugendlichen unter 20 gekürt - vom Publikum. Beim Poetry Slam sind die Zuschauer die Richter der Dichter. Jeder Autor, jede Autorin hat fünf Minuten Zeit und die Bühne für sich: Sie lesen, schreien, stöhnen, flüstern oder rappen ihre Texte.

Eigentlich kommt der Poetry Slam aus der Underground-Szene, aus dem alternativen Millieu von Studenten, Literaten, Musikern, Querdenkern, Rockern. Oft teilen sich die Slammer irgendeine enge Bühne in einem Kellerclub mit der Punkband, die nach ihnen auftreten wird. So war das jedenfalls mal. Jetzt gibt es in fast jeder größeren deutschen Stadt Poetry-Slam-Abende, regelmäßig, oft mit mehreren hundert Besuchern. Das Storytelling in Club-Atmosphäre hat Konjunktur. Und es ist im Admiralspalast angekommen: Man sitzt auf roten Samtpolstern, von der Decke hängt ein Kristalllüster.

Auf der Bühne stehen Felix Römer und Wehwalt Koslovsky, zwei Könner aus der Szene, sie sind die Slammaster, sie moderieren den Abend, gerade erklären sie der Jury im Publikum die Wertungsregeln: "Eine eins für einen miesen Text und eine zehn für ein gutes Stück." Koslovsky: "Einen Text, der es Euch richtig besorgt." Die ersten Slammer haben es immer an schwersten – die Jury muss sich warm werten.

Es sieht ein wenig aus wie beim Eiskunstlauf: Jeder Juror hält eine große weiße Papptafel in die Luft, auf der eine Zahl steht. Am Ende gewinnt der Poet mit der höchsten Wertung – es geht nicht nur um die hohe Kunst, sondern auch ums Gewinnen. Daher der Name: "Poetry Slam", auf gut deutsch: Dichterschlacht.

Julian muss als Zweiter auf die Bühne des U20-Finales. Aus dem Halbschatten seines Gesichts lässt er die Stimme ins Publikum kriechen, zuerst hart, kantig, betont. Dann lässt er die Worte kuschelweich aus dem Mund schweben. Julian dichtet mit Stabreim und Zeilensprung in Rilke-Tradition über den Rotz und Kotz in der U-Bahn. Er erschafft eine Figur, die nennt er "Terkan"; er erzählt, er treffe Terkan in der U-Bahn.

"Icke" trifft auf "Isch"

Dann wird Julian selbst zu Terkan. Er mixt Berliner Schnauze von gestern mit Terkans Türko-Germanisch von heute - "icke" trifft auf "isch". Die Slam-Fans finden's klasse. Terkan erklärt ihnen sein Leben: "Isch mach mein Ding, Alda". Wenn jemand sagt, "ich fick Deine Mutter, dann box ich ihn tot".

Am Ende steht Julian da und fragt: "Woraus denn mehr Glück schiene, aus Terkans groben Grinsen oder meiner miesen Miene?" Sein Applaus ist lang und warm. Die Zuschauer trampeln mit den Füßen, der Admiralspalast bebt. Die Jury gibt ihm hohe Noten.

Ähnlich gut kommen nur noch die Geschwister Raffael und Jakob an: Er legt einen feurigen Rap gegen Coca Cola hin, sie rumst den Rhythmus dazu ins Mikrofon. Dem Publikum gefällt's, die Dichter-Richter der Jury sind nicht restlos begeistert. Julian gewinnt, schon diesen Donnerstag schickt ihn das Goethe-Institut nach San Francisco zu einem Literaturfestival.

Hinter der Bühne spricht Julian, der Slam-Poet, leise und gedämpft. Er habe mit dem Slammen erst dieses Jahr angefangen, im Januar. Er lese gerne Christian Kracht, sein Vorbild sei der deutsche Slammaster Wehwalt Koslovsky, 34.

Möchte Julian mal vom Schreiben leben? Der Berliner Tagesspiegel hat letzte Woche eines seiner Gedichte gedruckt, aber er weiß nicht genau. Plötzlich kommen jetzt die Leute zu ihm, "Mensch" und "toll" sagen sie, klopfen ihm auf die Schulter. Am Ende des Gesprächs fragt Julian leise: "War’s das?" Dann geht er und verschwindet in einem Pulk aus Zuschauern - seinen Zuschauern, seinen Fans, das kann man heute wohl so sagen.

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