Mein erstes Mal: Julian, 16, kämpft als Kiowa-Krieger

Erstes Mal im Wilden Westen: Schreien, kämpfen, tanzen Fotos
Tobias Wonsch

In Bad Segeberg fliegen jeden Sommer die Fetzen, und die Familie von Julian Hildebrandt, 16, verpasst die Karl-May-Festspiele nie. In diesem Jahr darf der Schüler selbst Komparse sein. Er muss kämpfen, schreien, tanzen - und immer schön den Bauch einziehen.

"Meine erste Szene ist gleich eine der heftigsten, eine große Kampfszene. Ich trage lange schwarze Haare, bin dick geschminkt. An der Hose baumeln Fransen, darüber trage ich den Lendenschurz eines Kiowa-Kriegers. Mit lautem Gebrüll laufe ich in die Arena und greife das Eisenbahnlager an. Die Bahnarbeiter schießen auf mich, ich schlage mit einem Tomahawk jemanden nieder. Dann prügeln drei Arbeiter auf mich ein und werfen mich gegen eine Lok. Ich robbe über den Boden und schaffe es schließlich zu fliehen.

Danach muss ich mich schnell umziehen, denn kurz darauf mime ich einen Apachen. Den erkennt man dann an seinem Stirnband, einer Fransenweste und einem anderen Lendenschurz. Es geht natürlich nicht in allen meiner zehn Szenen so heftig zu, manchmal muss ich auch bloß Wache stehen, manchmal auch tanzen - den 'Tanz der Blutsbrüderschaft'.

Einmal bei den Karl-May-Festspielen mitzumachen, war schon immer mein Traum. Ich bin mit Indianerfilmen groß geworden. Seit ich denken kann, hat meine Familie keine Inszenierung im Freilichttheater Bad Segeberg verpasst. Dort werden seit 60 Jahren jeden Sommer die Abenteuerromane rund um Winnetou und Old Shatterhand aufgeführt. Als ich also im letzten Jahr zu meinem Vater sagte: 'Ich will zum Casting', meinte der nur: 'Na klar. Ich fahre dich hin'.

Jeden Tag nach der Schule geprobt

Beim Casting standen noch knapp hundert weitere Karl-May-Fans Schlange, um einen der Komparsenjobs als Krieger, Holzfäller oder Squaw zu ergattern. Im Indianerdorf, das auf dem Theatergelände steht, musste ich eine Tanzchoreografie einstudieren, den Tanz der Blutsbrüderschaft für das Stück 'Winnetou I - Blutsbrüder'. Der Stuntkoordinator übte mit mir eine Kampfszene ein. Noch ein Foto, und vorbei war das Casting. Ich musste warten.

Die Zusage kam nach etwa zwei Wochen. In der Grundschule hatte ich schon mal auf einem Theaterschiff bei 'Emil und die Detektive' mitgespielt, vielleicht hat mir das geholfen. Außerdem stand ich jedes Jahr bei den Sketchen des Kreiswettbewerbs des Jugendrotkreuz auf der Bühne. Etwa einen Monat haben wir jeden Tag von morgens bis abends geprobt. Mein Vater hat mich dafür von der Schule abgeholt, von 17 bis 22 Uhr war ich dann im Indianerdorf, an Wochenenden den ganzen Tag. Die gesamten Ferien und die ersten Wochen des Schuljahrs habe ich nun an vier Tagen der Woche Aufführungen. Meine Schule stellt mich dafür ein paar Stunden frei, ich bekomme Unterrichtsmaterial nach Hause.

Wenn dem Profi die Perücke verrutscht

Zum ersten Mal wohne ich nun auch allein. Während der vier Spieltage in der Woche schlafe ich in einem Wohnwagen auf einem Campingplatz. Das ist ziemlich cool. Abends sitze ich noch vor meinem Wagen und schaue mir die anderen Camper an oder trinke etwas mit den anderen Kollegen, die auch dort wohnen.

Es ist ein Riesenaufwand, bis jede Szene überzeugend echt aussieht. Alles muss Dutzende Male wiederholt werden. Manche Schauspieler sind jedes Jahr dabei und zeigen den Neulingen dann, wie's geht. Wenn ich etwa jemanden schlage, ziele ich mit genügend Abstand am Gesicht vorbei. Ich darf dabei keinen Moment zögern, um entschlossen und wütend genug zu wirken. Wenn ich hingegen geschlagen werde, darf ich nicht vergessen, den Bauch einzuziehen - sonst tut's wirklich weh.

Klar geht auch mal etwas schief. Wenn mal ein Schauspieler einen Texthänger hat, fällt das dem Publikum meist gar nicht auf. Manchmal fällt auch ein Stuntman vom Pferd, zum Glück hat sich bisher aber keiner verletzt. Einmal hat ein Darsteller auch seine Perücke verloren, da musste er improvisieren und ist mit ein paar Worten schnell verschwunden. In der nächsten Szene saß die Haarpracht dann wieder. Das sind halt echte Profis."

Aufgezeichnet von Carola Padtberg-Kruse

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