Von Mark Heywinkel
Auf Zehenspitzen tänzeln Laura und Leonora vor dem mächtigen Kleiderschrank im Kinderzimmer ihres Elternhauses auf und ab, ziehen Blusen und Hosen heraus, sortieren sie wieder ein. Ein Freitagabend, die Schwestern suchen nach den richtigen Klamotten für die Disco. An Auswahl mangelt es den Bielefelderinnen nicht - die Kleider und Pumps der einen gefallen und passen auch der anderen.
Laura und Leonora sind Zwillinge, beide geboren am 28. April 1991 - die eine um 8.34 Uhr, die andere um 8.42 Uhr. Die 19-Jährigen sind kaum zu unterscheiden: Beide tragen die dunkelbraunen Haare leicht gewellt und lang, haben die gleichen blauen Augen, das gleiche offene Lachen. Nur wer genau hinsieht, erkennt die schmaleren Augenbrauen von Laura.
Für Yannis und Timo kommt ein regelmäßiger Klamottentausch nicht in Frage. Auch sie sind Zwillinge, geboren am 18. Oktober 1997 - Timo um 14.20 Uhr, Yannis zwei Minuten später. Doch anders als Laura und Leonora können sich die beiden 13-jährigen Jungs nicht vorstellen, möglichst viel Zeit miteinander zu verbringen.
Zwei Zwillingspaare, zwei Einstellungen. Gemeinsam haben sie: Mit den spaßigen Streichen wie dem obligatorischen Rollentausch, bekannt aus Erich Kästners "Das doppelte Lottchen", hat ihr Leben wenig zu tun.
"So schwer ist es doch nicht, uns zu unterscheiden"
"Mich nervt es eher, wenn wir wie ein und dieselbe Person behandelt werden", sagt Leonora. Deshalb trägt sie heute Abend auch ein luftiges Leinenkleid, während sich Schwester Laura für Röhrenjeans und Blazer entschieden hat.
Die Schwestern haben grundsätzlich den gleichen Geschmack, das war auch einmal anders. "Als wir aufs Gymnasium kamen, hat Laura ganz viele rosafarbene Klamotten getragen", erzählt Leonora. "Sie wurde damals zu einem richtigen 'Mädchen-Mädchen', und ich war eher der Skater-Typ mit Baggy Pants."
Geholfen haben die unterschiedlichen Outfits jedoch kaum. "Viele Lehrer konnten uns trotzdem nicht unterscheiden und haben uns für die mündliche Beteiligung immer die gleichen Noten gegeben", erzählt Laura. "Als ich mich mal bei einem Lehrer darüber beschwert habe, dass er mich immer Leo nennt, meinte er nur: Ist doch egal."
Dass ihre individuelle Leistung während der Schulzeit gelegentlich nicht richtig zugeordnet und gewürdigt wurde, ärgert Laura noch immer sehr. "So schwer ist es doch nicht, uns zu unterscheiden", ereifert sie sich. "Wir sind total verschieden!"
Zwillinge zu trennen ist sinnlos
In unterschiedliche Klassen zu gehen, kam für die Zwillinge nie in Frage. Auch Meike Watzlawik, Psychologin der TU Braunschweig und Autorin des Buches "Sind Zwillinge wirklich anders?", sieht keinen Grund für eine Trennung. "Alle Studien weisen darauf hin, dass Zwillinge nicht davon profitieren, wenn sie in Schule oder im Kindergarten getrennt werden", sagt Watzlawik. "Man hört zwar oft, man müsse das tun, um die Individualität zu fördern. Wissenschaftlich gesehen hat das jedoch weder Hand noch Fuß."
Viele würden sich daran gewöhnen, ständig verwechselt zu werden, sagt Watzlawik. "Andere sorgen bewusst dafür, dass es nicht passiert, weil sie es total nervig finden. Wer käme zum Beispiel bei Tokio Hotel schon darauf, dass eineiige Brüder in der Band sind?"
Der Club in Bielefeld ist voll, der R'n'B pocht in den Ohren. Laura und Leonora werden innerhalb einer Stunde von drei Jungs angegraben. "Wir fallen immer auf", sagen Leonora und Laura und machen dabei nicht den Eindruck, das besonders schmeichelhaft zu finden. "Das mag ab und an mal von Vorteil sein, wenn wir gezielt neue Leute kennenlernen wollen. Aber die meiste Zeit nervt es nur, dass wir ständig miteinander verglichen und auch analysiert werden."
Vor allem in verquere Klischeevorstellungen gepresst zu werden, empfinden sie als großen Nachteil ihres Zwillingslebens. "Für viele bin ich der böse Zwilling, weil ich angeblich extrovertierter bin als Laura", sagt Leonora und rollt ihre Augen. "Und ich bin der gute Zwilling", ergänzt Laura resigniert, "und werde immer als zurückhaltend und lieb und nett abgestempelt."
Trotzdem verbringt das Duo den ganzen Abend Seite an Seite. Und auch in den kommenden drei Jahren werden sich Laura und Leonora erst mal nicht trennen: Sie sind für dasselbe Studium an derselben Uni eingeschrieben. "Wir verstehen uns so gut und lieben uns so sehr, dass wir uns über eine Trennung gar keine Gedanken machen", sagt Laura und folgt ihrer Schwester auf die Tanzfläche.
"Die sind mir alle zu pummelig"
Samstagmorgen. Während die Zwillingsschwestern noch ausschlafen, sitzen Yannis und Timo bereits am Frühstückstisch und wundern sich darüber, dass die Mädchen es rund um die Uhr miteinander aushalten.
"Als wir auf Klassenfahrt in Ratzeburg waren, wollten wir auf keinen Fall aufs gleiche Zimmer gehen", erzählt Yannis. "Wir verbringen zu Hause schon voll viel Zeit miteinander, dann müssen wir nicht auch noch in der Schulzeit aneinander kleben."
Die beiden haben einen ganz unterschiedlichen Geschmack - und sind froh, sich auch zu Hause aus dem Weg gehen zu können. "Es ist total gut, dass jeder sein eigenes Zimmer hat", sagt Timo. "Wenn wir wollen, können wir die Tür abschließen, die Stereoanlage aufdrehen und bekommen nichts mehr voneinander mit."
Dass sich die Jungs nicht so sehr ähneln, halten sie ganz klar für einen Vorteil. "Ich kann gar nicht verstehen, dass manche Leute sich einen Doppelgänger wünschen", sagt Yannis. Timo sieht das genauso: "Ich hätte gar keine Lust darauf, mich anstelle von Yannis mit seinen Freundinnen zu treffen. Die sind mir alle zu pummelig."
Schwestern halten besser zusammen
Und während Laura und Leonora unbedingt zusammen studieren wollen, planen die Brüder schon ihre Zukunft ohne den anderen. Yannis wünscht sich, nach dem Abi zu studieren und als Manager eines großen Unternehmens durchzustarten. Timo träumt bescheidener von einer Ausbildung zum Tischler.
Es sei nicht ungewöhnlich, dass Jungs unterschiedliche Zukunftsvorstellungen haben, sagt Meike Watzlawik. "Zwar ist für die Beziehung zueinander das Geschlecht weniger entscheidend als andere Faktoren wie Konkurrenz, Bevorzugung oder andere Geschwister", sagt Watzlawik, "Studien belegen allerdings, dass Brüderpaare im Erwachsenenalter weniger Kontakt pflegen als Mädchenpaare."
So gesteht auch Timo ein: "Ich fände es nicht schlimm, wenn sich unsere Wege nach der Schule trennen." Und Yannis pflichtet ihm bei: "Auch wenn wir Zwillinge sind, kann doch jeder machen, was er will. Ich bin ja auch HSV-Fan, und Timo mag St. Pauli."
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