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13. Mai 2012, 12:05 Uhr

Lehrer bei Facebook

Gefällt mir das?

Wenn Lehrer und Schüler im Internet aufeinandertreffen, wird es mitunter brenzlig. Darum schreiben einige Schulen ihren Lehrern vor, dass es sie im Netz zweimal geben muss.

Die ganz private Facebook-Welt der Deutschlehrerin Marie-Theres Johannpeter, 28, ist sehr geordnet. 74 virtuelle "Freunde" in streng getrennten Gruppen. Es gibt kaum Fotos, und wenn dann sind es Schnappschüsse aus dem Urlaub.

Dort kann die Pädagogin zum Beispiel lesen, dass eine Kollegin heute krank ist. Der dienstliche Facebook-Zugang von Johannpeter führt in eine ganz andere Welt: bunt, prall und voller Partys. 255 "Freunde". Alles Schüler.

Sie tanzen, knutschen, grüßen und schreiben darüber. Und Frau Johannpeter liest mit. Über Facebook ist sie ihren Schülern an ihrer Schule in Hamm auch nach Unterrichtsschluss nah, aber nur über die Zweitidentität. Umständlich und zeitaufwendig, könnte man meinen, aber die Schule will es so und Johannpeter und ihre Kollegen machen mit.

Die Lehrerin für Deutsch und Biologie weiß, wie viel Vertrauen die Hauptschüler ihr im Netz entgegenbringen. "Solange das Grundgesetz nicht verletzt wird, schreite ich bei den Fotos der Schüler nicht ein. Es ist immerhin ein Vertrauensbeweis, dass sie mich bei Facebook als Freund annehmen und ich ihr Profil sehen darf." Ab und zu klickt sie auf "Gefällt mir!" oder kommentiert Fotos. In ihrem Arbeitsaccount heißt sie "Frau Johannpeter".

Anfangs hätten vor allem ältere Lehrer oft Vorbehalte, erläutert Diplompädagogin Ingrid Wrede. "Sie haben regelrecht Angst vor Sozialen Netzwerken und vor dem, was dort über sie stehen könnte." Wrede hat sich auf Erwachsenenbildung spezialisiert und gibt in Münster Kurse für Lehrer über Facebook und Co. Allerdings betont Ingrid Wrede, dass die Facebook-Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern nicht zu privat werden dürfe.

An Johannpeters Schule wurde das Modell für das Kollegium verpflichtend eingeführt. Mittlerweile ist ein Drittel des Kollegiums bei Facebook angemeldet. In ihrem beruflichen Benutzerkonto führen die Lehrer für jede Klasse einen Gruppenchat, in dem sie Termine oder Änderungen des Stundenplans mitteilen.

Besonders für Lehrer gilt: Vorsicht bei Partyfotos

Schülersprecherin Veronika Foppe ist mit der Lehrerin Johannpeter im Netz befreundet und weil sie mitliest, passt die 17-Jährige auch besser auf, was sie schreibt und postet. "Ich überlege bei Bildern und Kommentaren immer, was okay ist und was nicht. Das hat für mich etwas mit Respekt zu tun", erklärt die Schülerin. Veronika hat ihre Deutschlehrerin einmal aus privaten Gründen angeschrieben, und sofort vereinbarten sie einen Termin in der nicht-digitalen Welt.

Die Kommunikation bei Facebook kostet Marie-Theres Johannpeter einen Teil ihrer freien Zeit - aber zu viel soll es nicht werden. Es sei sinnvoll, "sich selber ein zeitliches Limit zu setzen, um in den Gesprächen nicht zu versacken", sagt die Pädagogin.

Ein wenig Vorsicht ist stets geboten, denn die Beispiele für Web-Pannen von Lehrern sind zahlreich: Eine Lehrerin aus dem englischen Bath etwa hatte Bilder von sich für ihre Schüler sichtbar veröffentlicht, auf denen sie weggetreten aussieht und eine Bong raucht. "Die Lehrerin hatte offenbar ein Bedürfnis, mit den Schülern befreundet und beliebt zu sein", schrieb Anfang 2012 die englische Schulaufsichtsbehörde GTC in einem Bericht. Damit habe sie die Grenzen eines angemessenen Schüler-Lehrer-Verhältnisses überschritten, so das Urteil der Behörde.

Was Lehrer unter allen Umständen unterlassen sollten: im Netz über ihre Schüler herziehen, egal ob in privaten oder öffentlichen Gruppen. Ebenfalls in England in der englischen Gemeinde Hull wurde im vergangenen Oktober eine Facebook-Unterhaltung bekannt, in der sich Lehrer über die Unterschicht ihrer Heimatstadt lustig machten. Der anschließende Ärger war beträchtlich.

Marie Rövekamp, dpa / cht

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