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Lehrer-Bewertung: Schüler dürfen bei Spickmich Noten verteilen

Von Katrin Schmiedekampf

Lehrer benoten Schüler - so war es schon immer. Aber dass Schüler im Internet den Spieß umdrehen, gefällt vielen Lehrern gar nicht. Jetzt haben Kölner Richter entschieden, was die beliebte Seite Spickmich.de darf: ziemlich viel.

Tino Keller hat eine kleine Schwester - und die ist schuld. Sie überredete Tino und seine Freunde auf einer Party, eine Webseite zu entwickeln. Ihre Idee: Schüler sollen ihre Lehrer endlich benoten können. Die Seite Spickmich.de steht nun bereits seit März im Netz. Inzwischen haben sich über 100.000 Schüler angemeldet.

"Wir sind nicht: 1. Lehramtsstudenten 2. Gescheiterte Schüler, die sich rächen wollen 3. Der böse Wolf", schreiben dort die Betreiber Tino Keller, Philipp Weidenhiller, Manuel Weisbrod und Bernd Dicks, alle zwischen 22 und 25. "Durch alles, was wir mittlerweile mit Spickmich erfahren haben, können wir aus vollem Herzen sagen: Deutschland braucht diese Seite." Die Studenten hegen und pflegen die Seite, beantworten Mails und ermutigen Schüler, ihre Lehrer zu benoten. Dafür gibt es Kategorien wie "cool und witzig", "menschlich" oder "sexy" für Unterrichtsstil, Fairness und Aussehen.

Prominentes Vorbild der Seite: das Internetportal MeinProf.de, auf dem Studenten ihre Professoren bewerten können. Viele Studenten nutzen es inzwischen. Das schmeckt nicht jedem: Die Betreiber müssen sich immer wieder gegen Professoren, Rektoren und Datenschützer wehren. Kürzlich zog ein Marketing-Professor vor Gericht - und verlor in zweiter Instanz.

"Schüler sollen ihre Meinung sagen"

Auch manche Lehrer sind sauer, dass sie neuerdings bei Spickmich Noten bekommen. Und drohen den Betreibern sogar mit ihrem Anwalt. Zuletzt beschwerte sich eine Gymnasiallehrerin vom Niederrhein. Sie fühlte sich in ihrem Persönlichkeitsrecht verletzt und hielt Datenschutzbestimmungen für missachtet. Doch gegen eine zunächst erlassene einstweilige Verfügung legten die Betreiber der Internet-Seite umgehend Widerspruch ein.

Mit Erfolg: Das Kölner Landgericht hat am Mittwoch in einer mündlichen Verhandlung die Benotung von Lehrern durch Schüler im Internet als rechtens bezeichnet. Nur Schmähkritik, die Lehrer diffamiere, sei unzulässig, alles andere werde durch das Grundrecht der Meinungsfreiheit gedeckt. Die Richter kündigten eine Aufhebung der einstweiligen Verfügung an.

Die Begründung: Persönliche Angaben der Lehrerin seien zuvor auch auf der Homepage der Schule der Lehrerin veröffentlicht worden - mit ihrem Einverständnis. Das ändere die Rechtslage. "Im Bereich der Berufsausübung muss man sich öffentlicher Kritik stellen", sagte die Richterin Margarete Reske. Es liege keine Schmähkritik, sondern eine reine Meinungsäußerung vor. Der Beschluss, die einstweilige Verfügung aufzuheben, soll am 11. Juli verkündet werden.

"Wir haben die ganze Zeit gewusst, dass wir nichts Illegales machen", sagt Bernd Dicks erkennbar froh. Er findet: "Die Schüler haben das Recht, sich über die Leistung auszutauschen und ihre Meinung zu sagen."

Drohungen und Lautsprecher-Durchsagen

Das klare Ergebnis der mündlichen Verhandlung dürfte vielen einen Dämpfer geben, die es mit Einschüchterung versucht haben. Zum Beispiel jene Lehrerin, die eine anonyme Drohung auf die Mailbox der Studenten sprach. Andere Lehrer, die wütende Mails schickten. Und auch den Schulleiter an einem Kölner Gymnasium, der sich eines morgens während der dritten Schulstunde in einer Lautsprecher-Durchsage an alle Schüler wandte: "Aus gegebenem Anlass muss ich darauf hinweisen, dass Eintragungen auf dieser Seite das Lehrer-Schüler-Verhältnis erheblich belasten und sowohl disziplinarische wie auch strafrechtliche Konsequenzen haben können." Außerdem verschickte er an alle Eltern ein Rundschreiben mit der Mahnung, die Kinder vor "unüberlegtem Umgang" mit dem Internet zu schützen.

Durch die Reihen der deutschen Lehrerschaft ging wegen der Spickmich-Seite sogleich ein großes Rumoren und Tosen. So sieht der nordrhein-westfälische Philologen-Verband Pädagogen "zunehmender Diffamierung" ausgesetzt. Und ließ seine Rechtsabteilung praktischerweise schnell einen Musterantrag entwerfen, mit dem Mitglieder "die Betreiber der Webseite zur Löschung Ihrer Daten auffordern können" - so geht guter Service für empörte Lehrer.

Auch Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, nutzte eine günstige Gelegenheit zur Abrechnung mit der Spickmich-Seite. "Lehrer sind kein digitales Freiwild", schlug er kürzlich Alarm und wies völlig zu Recht darauf hin, dass manche Schüler beim Mobbing gegen Lehrer im Internet vor nichts zurückschrecken. Was aber Pornomontagen oder Hinrichtungsvideos mit der Internet-Benotung von Lehrern zu tun haben, konnte Meidinger nicht schlüssig erklären. Seine Ansicht: Persönlichkeitsrechte von Lehrern würden "systematisch mit Füßen getreten". Schüler nutzten solche Plattformen häufig, um etwa durch erfundene Zitate offene Rechnungen zu begleichen oder Lehrer nach seltsamen Kriterien wie Sexappeal und Aussehen zu benoten. Es gebe auch Beispiele, "wo sich ganze Klassen absprechen, um bestimmte Lehrer fertig zu machen", so Meidinger weiter.

"Bitte keine Beleidigungen"

Ähnlich sieht es auch Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes: "Erstens sind viele Schüler, vor allem jüngere, gar nicht in der Lage, auch nur halbwegs objektiv einzuschätzen, was einen erfolgreichen Lehrer ausmacht. Zweitens befürchte ich, dass hier einzelne Schüler, die einem Lehrer etwas hinreiben wollen, eine große Inszenierung veranstalten. Und drittens befürchte ich, dass durch solche Aktionen das innerschulische Klima zum Nachteil aller Schüler belastet wird", sagte Kraus der "Syker Kreiszeitung".

Gegen Meidingers Breitseite wehrte sich Spickmich mit einem offenen Brief an die Kultusminister - mit Mobbing habe die Seite nichts zu tun. Was die Schüler dort machen können: sich ein eigenes Profil bauen, Freunden mailen und die Lehrer an ihrer Schule bewerten. Einen eigenen Kommentar aber können sie nicht abgeben, nur Noten von eins bis sechs in den neun festgelegten Kategorien. Wollen sie Zitate ihrer Lehrer aus dem Unterricht einstellen, werden die von den Betreibern zuvor geprüft. Auf der Seite gibt es mehrfach Aufrufe zur Fairness: "Auf keinen Fall gehören Schimpfwörter, Beleidigungen oder ähnliches auf Spickmich", heißt es dort zum Beispiel.

Über 100.000 Lehrer wurden inzwischen bei "Spickmich" bewertet. Im Schnitt erhielten sie die passable Gesamtnote von 2,9. Und rund 34.000 schafften eine 2 oder sogar eine 1 vor dem Komma - unter Schülern gilt das als Superzeugnis.

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