Lexikon der Jugendsünden: A La La La long ist's her

Jeder hat sie begangen und würde sie heute am liebsten verschweigen: Jugendsünden. Die Autorinnen Lisa Seelig und Elena Senft haben sie gesammelt und in einem Buch veröffentlicht. SPIEGEL ONLINE startet mit Teil eins: A wie A La La La La Long und weitere musikalische Grausamkeiten.

Musikalische Jugendsünden: "Let's talk about Sex" Fotos
Getty Images

Früher waren fast alle Mädchen in David Hasselhoff verliebt, heute mögen viele nicht mal mehr zugeben, jemals Fan gewesen zu sein. Dabei würde zum Beweis ein Blick in alte Schulfreundebücher genügen, schließlich wurde stets der Lieblingssong abgefragt. Unzählige Male steht dort in krackeliger Kinderschrift sein Hit "Abi lucki for frieden" - natürlich im besten Englisch.

Aber neben David Hasselhoff gibt es andere Peinlichkeiten aus der Jugend, die viele heute gern verschweigen: die Kelly Family, Radlerhosen, "Vanilla Kisses"-Deo, XXL-Pullover, die glitzernde Zahnspange und peinliche Erlebnisse mit Blue Curaçao.

Lisa Seelig und Elena Senft haben die Jugendsünden der neunziger Jahre gesammelt und in ihrem Buch "Wir waren jung und brauchten das Gel" zusammengefasst. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht in den nächsten Wochen und Monaten Auszüge. Teil 1:

A wie A La La La La Long und weitere musikalische Grausamkeiten

Lange Zeit besaß ein Lied eine Chart-Garantie, wenn es sich inhaltlich um Sex drehte und dieser komplexe Stoff in einen eingängigen, fast infantilen Refrain verpackt wurde, dessen Schlagwörter jeder Teenager mitgrölen konnte. Horden von Zwölfjährigen - obwohl von Kopulation noch Jahre entfernt - gerieten auf der Schulparty in der neonbeleuchteten Aula in Wallung und schwangen pseudowissend die Hüften zu "Let's Talk About Sex" von Salt'n'Pepa, um dann zu "Don't Talk Just Kiss" (Right Said Fred) und schließlich zu "Short Dick Man" (20Fingers) überzugehen.

Hatte ein besonders fortschrittlicher Biologielehrer die Idee, zur Einführung in den Sexualkundeunterricht doch einfach mal das Lied "Let's Talk About Sex" gemeinsam zu analysieren, anstatt wieder auf das Aufklärungsbuch "Peter, Ida und Minimum" zurückzugreifen, wollte jeder aufreizend tanzende Schüler plötzlich verstört und schamesrot unter der Schulbank verschwinden, um auf keinen Fall sprechen zu müssen.

Das wohl subtilste Sexlied aber war "Sweat" von der mittlerweile im musikalischen Orbit verschollenen jamaikanischen Formation Inner Circle. Bei diesem Lied fiel nicht einmal dem für jede Form des sexuellen Subkontexts empfänglichen Jugendlichen, der schon albern kicherte, wenn es um einen "Meerbusen" oder den "Titikaka-See" ging, auf, dass es sich um ein sehr schlüpfriges Lied handelte.

"Sweat" hatte einen harmlosen Reggae-Sommer-Groove, und der Sänger - ein dicker Mann mit Dreadlocks bis unter das Gesäß, Hawaiihemd und kreisrunder, zu kleiner Sonnenbrille - sang so fröhlich, dass man im festen Glauben verharrte, das Lied handele von Strand, jamaikanischer Sonne (und weil es dort so heiß ist, wird vom Schwitzen gesungen) und vom Tanzen in knietiefem, türkisfarbenem Wasser.

An und für sich versuchte man als Teenager ja immer akribisch, die Thematisierung jeglicher sexueller Inhalte in Gegenwart der Eltern zu vermeiden - es reichte, dass bei "Derrick" mal geknutscht wurde, und schon verließ man peinlich berührt das Fernsehzimmer unter dem Vorwand, sich noch ein Glas Sprite aus der Küche holen zu müssen. Wurde aber im Familien-Passat auf der gemeinsamen Autofahrt zur Verwandtschaft "Sweat" gespielt, grölte man hemmungslos "girl, I want to make you sweat" und weiter "and if you cry out, I'm gonna push it, push it some more" von der Rückbank, während die Eltern irritiert verstummten.

Gleichwohl entwickelte sich "A La La La La Long" zum fiesesten Ohrwurm überhaupt - bis es von "Lemon Tree" von Fools Garden abgelöst wurde.

Das SPIEGEL-ONLINE-Taschenbuch "Wir waren jung und brauchten das Gel" ist beim Fischer Verlag erschienen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, Jacob Miller habe das Lied "Sweat" gesungen. Der Sänger ist allerdings im Jahr 1980 bei einem Unfall ums Leben gekommen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Wie langweilig...
martinita 19.05.2011
... immer wieder dieser abgeklärte Blick zurück, und dass man es ja heute viel besser weiß, und wie peinlich war doch alles. Wir haben in den 80ern Spaß auf eine Art gehabt, in den 90ern auf eine andere, heute wieder und wir werden morgen Spaß haben. Daran ist gar nichts peinlich.
2. .
plattenputzer 19.05.2011
wenns wenigstens gut geschrieben wäre... Früher haben solche "Autoren" das dreiundneunzigste Katzenhasserbuch geschrieben, heute eben diesen Scheiß.
3. ...
jfkai 19.05.2011
Zitat von martinita... immer wieder dieser abgeklärte Blick zurück, und dass man es ja heute viel besser weiß, und wie peinlich war doch alles. Wir haben in den 80ern Spaß auf eine Art gehabt, in den 90ern auf eine andere, heute wieder und wir werden morgen Spaß haben. Daran ist gar nichts peinlich.
Sie sprechen mir so dermaßen aus der Seele. Langweiliger geht's wirklich nicht. Umso weniger verstehe ich, wieso SPON dem gefühlt 23sten Generation-Golf-Klon auch noch eine ganze Auszug-Reihe widmet.
4. Wieso immer so kritisch?
sveniss 19.05.2011
Vorneweg: Ich fand den Artikel sehr süß geschrieben und habe als 79er-Jahrgang viele Dinge wiedererkannt. Freue mich jedenfalls schon auf die Fortsetzung der Serie. Allen verbitterten, die sich wieder emphatisch über eine weitere Generationenbeschreibung aufregen sei gesagt, dass es mehr als einen Stil, mehr als ein prägendes Element für jede Generation gegeben hat. Aber wahrscheinlich wäre es für manche auch einfacher, wenn wir es bei "Generation Golf" belassen könnten, das wäre nicht so komplex...
5. das einzig peinliche....
frau_bert 19.05.2011
Zitat von martinita... immer wieder dieser abgeklärte Blick zurück, und dass man es ja heute viel besser weiß, ......
Das ist das einzig peinliche, und sonst gar nichts....
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Wir waren jung und brauchten das Gel
Das Lexikon der Jugendsünden.

Fischer Taschenbuchverlag; 256 Seiten; 8,99 Euro.

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Neunziger-Mini-Playlist
In den neunziger Jahren ließen Teenager zu diesen Songs die Hüften kreisen.

Inner Circle - Sweat (A La La Long)

Right Said Fred - Don't talk just kiss

Fools Garden - Lemon Tree

Zu den Autorinnen
Andreas Labes
Lisa Seelig, 31, verbrachte ihre Jugend in einem bayerischen Kaff, Elena Senft, 31, in Berlin. Die Geschmacklosigkeiten der neunziger Jahre haben sich auf dem Land und in der Großstadt erstaunlicherweise ziemlich identisch abgespielt, gemeinsam haben sie sämtliche Jugendsünden in "Wir waren jung und brauchten das Gel" gesammelt. Elena Senft arbeitet als Drehbuchautorin und Journalistin. Lisa Seelig ist Autorin und Journalistin, ihre Texte erscheinen unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, dummy und Neon.


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