Lexikon der Jugendsünden: Eingeklammerte Teenagerzähne

Sie verhaken sich angeblich beim Knutschen und ziehen Essensreste magisch an: Trotzdem wünschten sich viele Jugendliche sehnlichst eine Klammer, die ihnen das Gebiss gerade biegen sollte. Lisa Seelig und Elena Senft sammeln Jugendsünden in einem Buch, diesmal: Z wie Zahnspange.

Jugendsünde Zahnspange: Voll verdrahtet Fotos
Getty Images

Komischerweise wünschten sich viele damals eine Zahnspange, und so war man höchst frustriert, wenn der Zahnarzt nach eingehender Untersuchung mitteilte, die leichte Fehlstellung der Vorderzähne ließe sich auch beheben, indem man das Holzstäbchen eines Eis am Stiel während der abendlichen Fernsehstunden gegen die Zahnfront drückte.

Der Drang zur Zahnspange hatte natürlich Grenzen: In jeder Klasse gab es einen armen Tropf, der seine Zahnklammer an einem Bügel trug, der aus dem Mund herausführte und um den Hinterkopf herumlief, um den Kiefer zu stützen. Eine Stoffkappe, gerne aus Jeans, an der das Gestell befestigt wurde, machte die Sache nicht wirklich besser.

Begehrt waren lockere Zahnspangen, die pink, lila, grün oder türkis sein konnten, für die Mädchen mit Glitzer oder Sternchen. Die wurden gern und oft herausgenommen, die tückische Geruchsentwicklung von Speichel, der auf Sauerstoff trifft, ignorierend. Warum sich die mit makellosen Zähnen nicht einfach über ihr großes Glück freuten, lässt sich wohl mit demselben Mechanismus erklären, der einen dazu brachte, sich einen Gipsarm zu wünschen (auf dem dann alle unterschreiben und lustige Figuren draufmalen würden): Derlei Accessoires bedeuteten eine wie auch immer geartete Form der Aufmerksamkeit.

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Peinlichkeiten von früher: Das Lexikon der Jugendsünden
Wer eine feste Zahnspange tragen musste, wurde dafür nicht so schlimm gehänselt wie TV-Komödien uns das heute glauben machen wollen. Auch dass sich die Klammern beim Küssen ineinander verhakten, ist eher Wunschdenken von Drehbuchautoren. Aber man war ja auch so schon genug geschlagen: Essensreste verfingen sich in den gern so genannten "Schneeketten", und die grausamsten Fahrradunfälle erlitten Leute, deren feste Zahnklammer sich beim Sturz durch die Lippen hindurchbohrte.

Das SPIEGEL-ONLINE-Taschenbuch "Wir waren jung und brauchten das Gel" ist beim Fischer Taschenbuchverlag erschienen.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Z - wie Zuende
satissa 10.01.2012
Zitat von sysopSie verhaken sich angeblich beim Knutschen und ziehen Essensreste magisch an: Trotzdem*wünschten sich viele Jugendliche sehnlichst eine Klammer, die ihnen das Gebiss gerade biegen sollte. Lisa Seelig und Elena Senft sammeln Jugendsünden in einem Buch, diesmal: Z wie Zahnspange. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,764232,00.html
Mit dem Z als letztem Buchstaben im Alphabet hoert diese Serie nun auf. Gott sei Dank.
2. yooh
geotie 10.01.2012
Hier in Deutschland sind diese Dinger erst auf den Vormarsch, in Brasilien sind die Zahnspangen sprichwörtlich in aller Munde. Egal ob man schlechte Zähne hatte oder nicht. Das ging dann schon mal so weit, dass ein Politiker in Brasilia sein Gebiss mit Zahnspange demonstrativ aus dem Mund nahm und neben sich auf den Rednerpult legt.
3.
BEASTIEPENDENT 10.01.2012
Zitat von satissaMit dem Z als letztem Buchstaben im Alphabet hoert diese Serie nun auf. Gott sei Dank.
Blödsinn! Schade ist das. Ist doch herrlich, in alten Erinnerungen zu schwelgen. Aber: Niemand, wirklich niemand bei uns hat oder hätte sich über eine Klammer gefreut. Die eklig stinkenden Dinger (die man auch noch in den Mund nehmen musste, uuuaaaaaaaHpfuiiiiiibäääh), mit denen man nicht mehr anständig reden konnte… Nee, das musste man nicht haben. Leider musste man eben doch… *seufz*
4.
satissa 10.01.2012
Zitat von BEASTIEPENDENTBlödsinn! Schade ist das. Ist doch herrlich, in alten Erinnerungen zu schwelgen. Aber: Niemand, wirklich niemand bei uns hat oder hätte sich über eine Klammer gefreut. Die eklig stinkenden Dinger (die man auch noch in den Mund nehmen musste, uuuaaaaaaaHpfuiiiiiibäääh), mit denen man nicht mehr anständig reden konnte… Nee, das musste man nicht haben. Leider musste man eben doch… *seufz*
Wieso bezeichnen Sie meinen Kommentar als Blödsinn? Ich schwelge weder in alten Erinnerungen und noch habe ich einen verklärten Blick auf den Mix von 70ern bis 90ern, sondern geniesse heute. Das erspart Altermelancholie und hält frisch und jung...
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Die Sündensammler
Andreas Labes
Lisa Seelig, 31, verbrachte ihre Jugend in einem bayerischen Kaff, Elena Senft, 31, in Berlin. Die Geschmacklosigkeiten der neunziger Jahre haben sich auf dem Land und in der Großstadt erstaunlicherweise ziemlich identisch abgespielt, gemeinsam haben sie sämtliche Peinlichkeiten in dem Buch "Wir waren jung und brauchten das Gel" gesammelt.

Buchtipp
Lisa Seelig, Elena Senft:
Wir waren jung und brauchten das Gel
Das Lexikon der Jugendsünden.

Fischer Taschenbuchverlag; 256 Seiten; 8,99 Euro.

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