Lexikon der Jugendsünden: Harte Zeiten für Seepferdchenträger

Beziehungsanbahnung mit Sonnenmilch und buntes Eis am Beckenrand: Für Jugendliche ist das Sommerschwimmbad ein eigener Kosmos, in dem leiden muss, wer stolz das Seepferdchen auf der Badehose trägt. Lisa Seelig und Elena Senft zeigen die schönsten Jugendsünden. Diesmal: F wie Freibad.

Sommer ist Freibadzeit: Sich permanent gegenseitig ins Wasser zu werfen, gehörte dazu Zur Großansicht
dapd

Sommer ist Freibadzeit: Sich permanent gegenseitig ins Wasser zu werfen, gehörte dazu

Es roch nach Chlor oder nach brackigem Weiherwasser, nach Pommes frisch aus der Fritteuse, nach frischgemähtem Gras und nach Sonnenmilch ("Delial", "Nivea" oder "Piz Buin"). Bei Lichtschutzfaktor 6 hatte man Angst, nicht braun zu werden. Sonnencreme diente nicht etwa dem Schutz vor Karzinomen, sondern zur Schaffung der theoretischen Möglichkeit, den Rücken eingecremt zu bekommen.

Noch heute jagt einem die arglos vorgetragene und auch so gemeinte Bitte von Badebegleitern, ihnen bitte den Rücken einzucremen, einen wohlig-elektrisierenden Schauer über den eigenen Rücken - musste diese Bitte doch früher unbedingt als zart-erotischer Anbahnungsversuch verstanden werden.

Der wichtigste Zeitvertreib im Freibad ging so (im Film wäre bei der Szene leise, bedrohliche Musik erklungen, die zu einem gewaltigen Crescendo anschwillt): Mehrere Jungen in kniekehlenlangen Badeshorts pirschen sich an ein Mädchen heran, greifen es (es wehrt sich strampelnd und hysterisch kreischend) und werfen es ins Wasser. Das Mädchen taucht auf, wild mit den Armen rudernd, prustend, gackernd, nach Luft schnappend, sich das nasse Haar aus dem Gesicht streichend, scheinbar empört ("Mensch, mein Badeanzug war gerade endlich trocken, echt jetzt"). Das zumindest stimmte sogar, denn damals trug man neonfarbene Badeanzüge aus einem undefinierbaren, unfassbar saugfähigen Stretch-Krepp-Material.

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Peinlichkeiten von früher: Das Lexikon der Jugendsünden
In Wahrheit war das natürlich genau der Moment, den man als Mädchen jeden Baggerseenachmittag lang heimlich herbeisehnte, während man demonstrativ vertieft seine "Young Miss" durchblätterte. Freibad und Baggersee waren ein eigener Kosmos, und in diesem Kosmos durfte man Ins-Wasser-geworfen-werden als Auszeichnung verstehen.

Mobbing im Badekosmos sah anders aus. Es traf jene, die sozialen Selbstmord begingen und glaubten, es sei eine gute Idee, sich die runden Stoffabzeichen, die über das erfolgreiche Ablegen der Prüfung zum bronzenen, silbernen oder gar goldenen Schwimmabzeichen informierten, auf die Schwimmkleidung aufnähen zu lassen. Leute mit Aufnäher mussten damit rechnen, ihre Kleidung erst am nächsten Tag wiederzufinden oder aber im Wasser gewaltsam ihrer Badekleidung beraubt zu werden.

Neben solchen Schikanen bestanden die Nachmittage am Wasser aus Mutproben wie Arschbomben vom, falls vorhanden, Zehnmeterbrett und dem Erwerb eines "Ed von Schleck" oder "Bum Bum". Am Baggerweiher nahm man vorlieb mit einer Waffeltüte vom Eiswagen, der klingelte und Eis verkaufte, das nach feuchter Pappe schmeckte.

Abends fuhr man mit dem Fahrrad nach Hause, die Mädchen holten sich eine Blasenentzündung, weil es zu kompliziert war, den feuchten Badeanzug aus- und die Unterhose anzuziehen, die sich unter Verrenkungen stets in einen nassen, schweren und gezwirbelten Baumwollklumpen verwandelte und sich niemals in der gewünschten Schnelligkeit überstülpen ließ.

Wer sich traute, suchte das lokale Freibad nachts auf, eine Erfahrung, die bis heute als nervenkitzelnde Mutprobe verklärt wird. So richtig genießen konnte man das nächtliche Baden natürlich nicht, weil sich die panische Angst, von Wächtern mit kläffenden Schäferhunden einen Taschenlampenstrahl ins Gesicht geschossen zu bekommen, nie ganz unterdrücken ließ.

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insgesamt 34 Beiträge
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1. schöne Erinnerungen!
calido46 25.07.2011
Und genau das machte das Flair des Freibades aus: stundenlang mit der Clique auf einer Decke liegen, die neuesten Hits aus dem Kassettenrecorder, die typischen Hintergrundgeräusche, die erste Zigarette (wurde von den Älteren spendiert!), sich gegenseitig naßspritzen mit gefüllten Badekappen (damals noch Pflicht!). An diese Zeit werde ich mich immer wieder gerne erinnern und niemals den Geruch von „Tiroler Nußöl“ vergessen. Jeden Tag sind wir in den Sommerferien 5 km zu Fuß zum nächsten Freibad marschiert und haben dort den Tag verbracht, Sonnenbrand und blaue Lippen nach ausgedehntem Aufenthalt im Wasser inclusive. Übrigens: Seepferchen gab es bei mir (Jahrgang 1960) noch nicht. Bei uns gab es Frei-, Fahrten-und Jugendschwimmabzeichen. Und jeder war ganz stolz, so ein Abzeichen auf Badehose oder – anzug zu haben. Aber Beziehungen bahnten sich auch dort an und manche haben bis heute gehalten!
2. Jaja
Parvis 25.07.2011
Ein Sommerschimmbad ist ein eigener Kosmos. Aber, was ist eigentlich ein Schimmbad?
3. ....
Sasapi 25.07.2011
Dieses Jahr kann man sich auch fragen: Wozu braucht man ein Freibad?
4. Es ist
kopflast 25.07.2011
Zitat von ParvisEin Sommerschimmbad ist ein eigener Kosmos. Aber, was ist eigentlich ein Schimmbad?
im Schammsanierungsgebiet..... ^^
5. Miesepeter alle im Sommerurlaub?
dosmundos 25.07.2011
Schon drei Foreneinträge, und noch immer hat keiner angemerkt, wie dämlich und überflüssig dieser Beitrag doch sei und dass SPON mittlerweile auf BILD-Niveau gesunken sei!
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Die Sündensammler
Andreas Labes
Lisa Seelig, 31, verbrachte ihre Jugend in einem bayerischen Kaff, Elena Senft, 31, in Berlin. Die Geschmacklosigkeiten der neunziger Jahre haben sich auf dem Land und in der Großstadt erstaunlicherweise ziemlich identisch abgespielt, gemeinsam haben sie sämtliche Peinlichkeiten in dem Buch "Wir waren jung und brauchten das Gel" gesammelt.


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