Lexikon der Jugendsünden: Latzhosen-Prolls erobern Großraumdisco
Heute tragen Vogelscheuchen Hosen mit Latz, früher der coole Junge aus der Provinz. Er hörte "Hyper Hyper", "Mr. Vain" und liebte Rippunterhemden über den Brustwarzenpiercings. Lisa Seelig und Elena Senft sammelten diese und andere Jugendsünden. Diesmal: L wie Latzhose.
Ein paar Mädchen liefen auch mit fünfzehn noch mit einer Kinder-Latzhose von Oshkosh herum. In ihrer Freizeit knüpften sie gerne Armbänder und wurden von Jungs wegen dieser Aufmachung oft niedlich und unbeholfen gefunden.
Die klassische Latzhose der Neunziger aber gehörte dem Jungen aus der Provinz, der gerne billigen Techno von Scooter ("Hyper Hyper"), U96 ("Das Boot") oder Mo-Do ("Eins, Zwei, Polizei") hörte und zur Musik von Dance-Acts wie 2 Unlimited ("No Limit") oder Culture Beat ("Mr. Vain") sofort in einen gleichförmigen, aggressiv ausgeführten Tanz verfiel, als würde er von Stromstößen durchzuckt. Zu den Klängen von "I Like To Move It" von Reel 2 Real fletschte er die Zähne und marschierte auf der Stelle.
Vorwiegend trug der Junge seine Latzhose in der Großraumdisco. Unter der Latzhose wurde entweder ein Rippunterhemd, am besten aber gar nichts getragen, so dass ein entzündetes Brustwarzenpiercing zum Vorschein kam, das hervorragend zu seiner gepiercten Augenbraue passte. Ein Träger der Jeans-Latzhose durfte auch geöffnet halb herunterhängen. Wenn der Junge mit seinen Kumpels mit dem Opel nach Berlin zur Loveparade fuhr, wurde über der Latzhose ein schwarzer Gummirucksack mit Stacheln getragen, in dem Ecstasypillen ("Teile") sowie eigens abgefüllte 1,5-Liter-Flaschen Wodka-Cola aufbewahrt wurden.
In der Großraumdisco, die "Devil" oder "Manhattan Club" hieß und deren Hauptattraktion aus einer großspurig angekündigten Gogo-Tänzerinnen-Käfig-Show bestand, traf man den Latzhosen-Jungen stets in der Nähe der Tanzfläche an.
Dort stand er entweder am Rand, machte Pause und begleitete den Refrain von "Love Song" von Mark 'Oh rhythmisch mit seiner um den Hals hängenden Trillerpfeife. Oder aber er stand auf einer Box und vollführte mit absoluter Ernsthaftigkeit, die keinen Spaß erahnen ließ, konzentriert, verbissen und ganz für sich allein einen Tanz, bei dem er einem Maurer ähnelte, der zwischen Stroboskoplicht und Nebelmaschine Ziegelsteine zu einer hohen Mauer schichtete.
Gerne tänzelte er auch in einer Art imaginärem Quadrat hin und her.
Leider machte nicht nur der Techno-Junge sich die Latzhose zu eigen. Irgendwann wurde sie durch Mitglieder von Boygroups entmannt und in eine unangebracht romantische Softie- Ecke gestellt. Doch der Techno-Junge hatte noch eine Ausweichmöglichkeit: Die Latzhose in Kuhfelloptik. Die gehörte ihm ganz allein.
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Das Lexikon der Jugendsünden.
Fischer Taschenbuchverlag; 256 Seiten; 8,99 Euro.
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