Lexikon der Jugendsünden: Steinzeithandys für traurige Jungs

Heute lässt sich kaum erklären, wozu sie gut waren: Pager, kleine Kästen, die ab und zu piepten und Nummern übermittelten. Die Besitzer fühlten sich trotzdem ziemlich cool. Lisa Seelig und Elena Senft sammelten diese und andere Jugendsünden. Diesmal: S wie Scall.

Scall: Aus heutiger Sicht sind sie unnütz, damals waren sie eine kurze Zeit angesagt Zur Großansicht
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Scall: Aus heutiger Sicht sind sie unnütz, damals waren sie eine kurze Zeit angesagt

Beim Scall handelte es sich um einen armseligen Vorläufer des Mobiltelefons: Ein kleiner, in der Hosentasche zu tragender Kasten, auch Pager genannt, derart nutzlos, dass es heute schwerfällt zu umreißen, wozu das Ding überhaupt zu gebrauchen war. Zum Telefonieren jedenfalls nicht.

Mit dem Erwerb eines Scall bekam man eine Telefonnummer, die mit 01681 begann. Diese konnten andere Leute anrufen und eine Nummer hinterlassen, die dann auf dem Display des wild piepsenden Scall erschien und die der Scall-Besitzer zurückrufen konnte. Wenn er wollte - und falls er zufällig ein Telefon zur Hand haben sollte. Alles in allem also eine ziemlich windige Angelegenheit. Und eine teure für die Nicht-Scall Besitzer, denn aus dem Festnetz kostete der Kontakt zum Scall 1,44 Mark. Erreichbar war man nur im Fünfundzwanzig-Kilometer-Umkreis.

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Peinlichkeiten von früher: Das Lexikon der Jugendsünden
Da der Scall eigentlich nur in der Lage war, Ziffern zu empfangen, gab es eine Art Codiersystem namens Scode, mit dessen Hilfe man Buchstaben und Sätze in Zahlen verwandeln konnte. Irgendwann erhielt der Scall eine Art Voicebox, einen Anrufbeantworter, der über das Festnetz zu erreichen war. Der Uhrenhersteller Swatch warf trotz der völlig nutzlosen Technik eine Uhr namens "Swatch the Beep" auf den Markt, eine Armbanduhr mit eingebautem Scall. Das bekannteste Konkurrenzprodukt zum Scall hieß Quix.

Seltsamerweise etablierte sich Scall nicht bei den coolen Jungs (außer, wenn sie Dealer waren), die mit Hilfe eines Scalls damit hätten angeben können, wie viele Mädchen schon wieder versucht hätten, sie zu erreichen. Sondern bei denjenigen, die in Wirklichkeit die wenigsten Anrufe bekamen und sich durch das Instrument aufgewertet fühlten. Die Penisverlängerung des traurigen Jungen, getragen an einem Holstergürtel.

Holten andere ihre Lucky Strikes (nicht "light"!) aus der Tasche und zündeten sie mit einem benzingefüllten Zippo an, schaute der Scall-Besitzer übersprungshandlungsartig noch mal kurz auf seinen Pieper, um zu gucken, ob nicht jemand angerufen hatte. Gab es tatsächlich mal einen Anruf, machte der Scall-Besitzer ein unheimliches Brimborium um das Piepen, mutmaßte, wer der Anrufer wohl gewesen sei, guckte sich geschäftig um und machte sich dann doch wieder mutterseelenallein auf die Suche nach einer öffentlichen Telefonzelle (deren Karten er sammelte), um den Anrufbeantworter anzurufen, auf dem ihm mitgeteilt wurde, dass der Konfirmationsunterricht diese Woche ausfällt.

Das SPIEGEL-ONLINE-Taschenbuch "Wir waren jung und brauchten das Gel" ist beim Fischer Verlag erschienen.

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insgesamt 17 Beiträge
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1.
barlog 01.11.2011
Zitat von sysopHeute lässt sich kaum erklären, wozu sie gut waren: Pager, kleine Kästen, die ab und zu piepten und*Nummern übermittelten. Die Besitzer fühlten sich trotzdem ziemlich cool. Lisa Seelig und Elena Senft sammelten diese und andere Jugendsünden. Diesmal: S wie Scall.
Ist mir neu, daß die Pager damals angeblich alle "Scall" genannt wurden. Für professionellen Einsatz (Servicedienste, Ärzte) waren diese Dinger ganz nützlich, bis sie von Mobiltelefonen abgelöst wurden.
2. Was fuer ein Schmarrn
Falsche Küste 01.11.2011
Ich war damals Student und mit Scall ausgestattet. Als meine Frau schwanger war gab es Komplikationen. Ohne den Scall haette meine Frau mich nicht erreichen koennen. Ausserdem gab es Moeglichkeiten, das Abdeckungsgebiet auf weit mehr als 25 km Umkreis zu erweitern. Man musste nur fuer die eingebuchte Postleitzahl einen Grenzbereich zwischen zwei oder drei Scall-Zonen waehlen.
3.
GyrosPita 01.11.2011
Ah, wurde auch noch mal Zeit das für dieses Schwachsinns-Buch noch mal Werbung gemacht wird, ich hatte schon befürchtet man hätte die nicht verkauften Exemplare (sicher sehr viele) der Altpapierverwertung zugeführt. "Scall" hieß nur der Pager-Dienst der Telekom, und zumindest in der zweiten Generation (ob das Dann immer noch Scall hieß weiß ich nicht mehr) konnten die Dinger auch alphanumerische Nachrichten (also mit Zahlen und Buchstaben, wie ne SMS, ne) darstellen. Zu diesem Zweck konnte man zum Festpreis ein Callcenter der Telekom anrufen und dem freundlichen Mitarbeiter die Nachricht diktieren, die dann kurze Zeit später auf dem Gerät des Empfängers erschien. Aus heutiger Sicht natürlich nicht der Bringer, aber was wollte man machen, Mobiltelefone waren noch nicht annähernd so verbreitet wie heute. Und das von den Autoren ein derartiger Kokolores als "Jugendsünde" propagiert wird läßt befürchten das diese talentfreien Kritzler im ganzen Leben noch nie gesündigt haben...
4. -
No_Name 01.11.2011
Wir hatten zwei Leute mit Pieper in der Jahrgangsstufe. Obe es eine "Jugendsünde" ist, in der freiw. Feuerwehr resp. dem THW engagiert zu sein? Ich glaube nicht. Ob die Autoren nur die geringste Ahnung haben, wie das dt. Rettungs- und Katastrophenschutzwesen in der Vor-Mobiltelefon-Zeit seine Leute zusammen trommelte? Ich glaube nicht.
5. nutzlos?!? von wegen!
PhysikerTeilchen 01.11.2011
Ich bin auch eine ganze Weile mit zwei von diesen Dingern rumgelaufen (ausser, dass sie in den USA nicht "scall" hiessen), wegen Rufbereitschaft im Beruf. Gegenueber Mobiltelefonen haben diese Dinger auch heute noch einen gewaltigen Vorteil: Wenn man mitten in der Nacht davon aus dem Schlaf gerissen wird, kann man sich erst mal ein paar Minuten sammeln, bevor man zurueckruft. Das faellt gar nicht auf, denn die Latenz zwischen Abschicken des Rufs und dem Piepen des Geraetes ist durchaus manchmal ein paar Minuten. Wer dagegen auf einem Telefon angerufen wird, muss entweder innerhalb von Sekunden gespraechsbereit sein, oder den Anruf ignorieren, spaeter zurueckrufen und den Eindruck mangelnder Einsatzbereitschaft riskieren. Im Prinzip waere eine SMS ein Mittelweg, der Vorteile beider Konzepte vereint. Allerdings kenne ich kein Telefon, bei dem eine SMS auch nur annaehernd so eindringlich vermeldet wird wie ein Pager-Ruf - und letzteren habe ich im Gegensatz zu ersteren noch nie verschlafen!
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Die Sündensammler
Andreas Labes
Lisa Seelig, 31, verbrachte ihre Jugend in einem bayerischen Kaff, Elena Senft, 31, in Berlin. Die Geschmacklosigkeiten der neunziger Jahre haben sich auf dem Land und in der Großstadt erstaunlicherweise ziemlich identisch abgespielt, gemeinsam haben sie sämtliche Peinlichkeiten in dem Buch "Wir waren jung und brauchten das Gel" gesammelt.

Buchtipp
Lisa Seelig, Elena Senft:
Wir waren jung und brauchten das Gel
Das Lexikon der Jugendsünden.

Fischer Taschenbuchverlag; 256 Seiten; 8,99 Euro.

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