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Wenn Knackis schreiben: Lyrik für Gestrauchelte

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Schreibwerkstatt für Jugendliche: Literatur als Rettung Fotos
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Schriftstellerin Mirijam Günter hilft Jugendlichen am Rand der Gesellschaft - mit Literatur. Schreibend leitet sie Förderschüler und Straftäter zur Selbstreflexion an, denn Tiefpunkte hat die Autorin selbst viele erlebt.

Wenn man sie auf ihre Arbeit anspricht, unterbricht Mirijam Günter sofort. "Arbeit ist das nicht, der Begriff ist völlig falsch", sagt die Schriftstellerin. "Für mich ist das wirklich Berufung, ich mache das mit ganzem Herzen." Mehrmals pro Woche ist die Kölner Autorin auf "Literaturmission", wie sie es nennt: Sie ist eine Gesandte, die Literatur ihre Religion.

Mirijam Günter besucht Jugendliche, die mit Schriftstellern, Prosa und Lyrik in ihrem Alltag bisher nicht in Berührung gekommen sind. In der Brabeckschule in Iserlohn, einer Förderschule mit insgesamt 160 Schülern, betreut Günter die jährlich erscheinende Schülerzeitung "Blätterschrift". Tim und Vanessa stellen die Themen vor: Karneval in Köln, Schulübernachtung, die Tanz-AG.

Mirijam Günter hört zu, fragt nach, verteilt Aufgaben. Dann will sie auf Vorurteile zu sprechen kommen. "Was ist denn für euch das besondere an der Brabeckschule? Was kann man darüber schreiben?" Vanessa sagt, die Lehrer würden sie fördern, brächten ihnen "das Lernen langsamer bei". Tim betont, wie wichtig die Hilfe und Langzeitpraktika bei der Berufswahl sind. Und schnell sind sich die Schüler einig, worüber sie auf jeden Fall schreiben wollen: "Dass wir immer mal wieder für dumm gehalten werden und dass die anderen denken, wir ticken schneller aus."

Schreiben als Rettungsversuch

Auch wenn sie den Begriff nicht mag, die Schriftstellerin leistet soziale Arbeit, wenn sie zu denen geht, die es am nötigsten haben. Sie betont, die Schüler machten freiwillig mit. Auch sie arbeite meist freiwillig, sagt Günter. Und oft genug sogar unbezahlt.

Warum ihr gerade die Marginalisierten, die früh Gestrauchelten und die Heimkinder so wichtig sind und was das mit ihrer Biografie zu tun hat, darüber will Mirijam Günter nicht reden. Ihr Leben sei "ein Auf und Ab" gewesen, mehr möchte sie dazu nicht sagen. Die Glaubwürdigkeit, die sie bei ihren Schülern in Heimen und Gefängnissen hat, komme aus den ähnlichen Erfahrungen, sagte sie einmal.

Unterstützung für ihre Literaturprojekte kommt nur unregelmäßig, die Kölnerin bearbeitet ständig mögliche Sponsoren. Das Projekt an der Brabeckschule finanzieren der Förderverein, die Schulleitung und die örtliche Sparkasse. Auf der Suche nach Geld lässt sie nichts unversucht, es geht ihr um die Ergebnisse. Etwa darum, dass die neue Ausgabe der Schülerzeitung erscheint und von einer stolzen Redaktion verteilt wird. Oder dass es eine von ihr betreute Schülerin in die Endrunde eines regionalen Literaturwettbewerbs schafft. "Literatur ist für viele eine Art von Rettung, eine neue und andere Möglichkeit, sich auszudrücken", sagt die Autorin.

Lyrik im Jugendknast

Auch Gefängnismauern überwindet Mirijam Günter auf ihrer Mission. Im Jugendknast leitet sie Workshops zu kreativem Schreiben. Dustin, Richy, Adrian und Eugen sind Insassen der Jugendhaftanstalt Iserlohn. "Was brauchen Schriftsteller?", will Mirijam Günter von den 14- bis 19-Jährigen wissen.

Fantasie, Stift, Papier. Was noch? Einen Verlag und Beziehungen. Bei "guter Rechtschreibung" winkt die Autorin ab. "Schreiben kann erstmal jeder, für die Rechtschreibung gibt's Leute, die das in den Verlagen für die Autoren überprüfen." Erleichterung in der Runde.

Günter stellt den jungen Gefangenen eine Aufgabe: Vollende den Satz "Ich erinnere mich..."

"Ich erinnere mich, wie aufregend es war, kriminell zu sein", schreibt Dustin. "Und wie ich zum ersten Mal verknackt wurde." Jede Woche schreibt er einen Brief an seine Familie. "Ich erinnere mich an das Gefühl, draußen zu sein", schreibt ein anderer. Doch oft haben die jungen Insassen Hemmungen, ihre verfassten Sätze einander laut vorzulesen. Mirijam Günter nickt, sie kennt das.

Nächste Aufgabe: Günter liest ein Gedicht vor, das mit den Worten "Mir war das Leben..." beginnt. Die Jungen drucksen ein wenig herum, dann schreiben sie.

Richy traut sich als Erster.

"Mir war das Leben
so dunkel wie der Abgrund
Mir war das Leben
als wäre grad Sonnenaufgang."

Und dann lesen auch die anderen.

"Mir war das Leben wie acht Quadratmeter. Mir ist das Leben sehr toll, weil ich mich ändere. Mir wird das Leben schwer gemacht."

"Mir war das Leben wie ein Aufzug, hoch und tief. Mir ist das Leben in Freiheit lieber, und nicht, wie es jetzt ist: farblos und trist. Mir wird bewusst, dass Freiheit ein Geschenk ist, und ich wünsche mir, dass ich das Gefühl der Freiheit bald wieder spüren kann."

"Mir war das Leben wie eine Achterbahn.
Hoch und runter.
Mir ist das Leben sehr langweilig.
Mir wird das Leben besser als vorher."

Der jüngste in der Runde ist gerade 14. "Ich habe einen Brief an meinen Vater geschrieben", sagt er. Und: "Ich möchte einen Brief an den Papst schreiben."

Mirijam Günter nickt, sagt nichts. Die jungen Gefangenen haben sich viel vorgenommen. Nächste Woche wird sie wiederkommen.

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insgesamt 4 Beiträge
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    Seite 1    
1. Lieteratur ist für alle da
hermannheester 17.01.2015
Wenn Knackis schreiben geht es nicht immer um "die bestrafte Zeit" (Henry Jäger) sondern vielmehr um Leben und Lieben live und in Farbe. So mancher Nobelpreisträger hat den Knast von innen gekannt.
2. Ein Hauch von Rilke
ogniflow 17.01.2015
Unvergessen sind die Meisterwerke des Poeten und Ex-Profiboxers Rene Weller.Mein Favorit: DAS GEFÄNGNIS Von RENÉ WELLER Nur Verbrecher sind im Gefängnis, sagen die Leute, das ist falsch, das weiß ich heute. Hier gibt es die schlimmsten Kreaturen, doch auch viele Frohnaturen. Fast alle Gefangenen sagen dir, sch..., ich bin schuldlos hier. 75% sind Ausländer, da könnt ihr fluchen, für die heißt deutscher Knast "Urlaub buchen". Einige ausgenommen nur die, die aus dem Osten kommen. In Kürze sehen sie aus ganz frisch, logisch, dreimal am Tag steht Essen auf dem Tisch. Beim Hofgang gehen sie Hand in Hand, im Glauben, hier ist das Schlaraffenland. Die verschiedensten Verbrechen wurden von den Häftlingen begangen, ohne Ticket im Bus, bei Diebstahl und Schwarzarbeit angefangen. Über Betrug, Bandenbildung, der Handel mit Drogen, selbst Erpresser und Mörder sind hier, ungelogen. Gewohnheitsverbrecher, bei manchen läuft noch das Verfahren, die sollte man immer hier aufbewahren. Doch das sage ich nicht zum Schutz meiner Braut, von diesen Ganoven werden wir beklaut. Andere sind brav wie Lämmer, haben gute Manieren, ja "Gentlemänner".
3. Ja, Lyrik hinter Gittern gibt es durchaus.
Hamberliner 17.01.2015
Mir sind vor langer Zeit einmal folgende Zeilen autentisch aus dem Knast zugetragen worden, und ich weiß leider nicht (mehr) wer sie verfasst hat. Und wenn ich es wüsste könnte ich es aus Datenschutzgründen nicht hinausposaunen. Weitererzählt hat sie mir damals in den 1990ern Tanja W. in Berlin. Kennst du den Ort, wo die Sonne nie scheint? Wo man nie lacht, sondern immer nur weint? Wo man nicht liebt, sondern nur hasst. Das ist die Hölle. Man nennt es auch Knast.
4. Titel voller Voyeurismus
markuslennert 17.01.2015
Ich bewundere diese Autorin, die sich seit Jahren für benachteilige Kinder und Jugendliche einsetzt. Der Anteil ihrer Tätigkeiten in Jugendgefängnissen ist eine winziger Bruchteil Ihrer Tätigkeit. Wer auch immer sich diese Überschrift ausgedacht hat, kann die Tätigkeit dieser Autorin nicht gut finden. Wäre auch nett, wenn es im Text einen Hinweis auf die Webseite der Autorin geben würde!
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Zur Person
  • Dirk Fischer
    Die Schriftstellerin Mirijam Günter stammt aus Köln. Während ihrer Kindheit und Jugend lebte sie in sieben verschiedenen Heimen, absolvierte dann die Hauptschule und entschied sich nach mehreren abgebrochenen Ausbildungen, ihre Leidenschaft Schreiben zum Beruf zu machen. Für ihren nichtbiografischen Debutroman "Heim. Eine Heimkarriere in Deutschland" erhielt sie 2003 den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis. Seit 2006 bietet Mirijam Günter Literaturwerkstätten an.
  • Homepage von Mirijam Günter

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