Mädchen-Rugby: Auf der Jagd nach dem Ei

Von Mathias Hamann

Schutzhelme? Das ist nur was für die verweichlichten Jungs vom American Football. Daniela Mück, 18, spielt Rugby in der ersten Bundesliga; einen raueren Sport gibt es kaum. Sie trainiert Ausdauer, Selbstbewusstsein - und Englisch-Vokabeln.

Ein Rasenplatz im Süden Stuttgarts, im Schatten liegt Schnee. Daniela Mück, 18, lauert - bereit loszusprinten. Ihr Atem bildet kleine Wolken. Wo bleibt der Pass? Da stampft eine Angreiferin auf sie zu, wird schneller, wie eine Dampflokomotive.

Daniela sieht nicht aus wie eine Rugby-Spielerin, sie ist nicht besonders groß. Aber sie stemmt sich gegen die Angreiferin, umschlingt ihre Hüfte, packt sie, reißt sie zu Boden - stoppt sie aus vollem Lauf. Das war ein gutes Tackling.

Der Stuttgarter Rugby Club von Daniela trifft auf den achtmaligen deutschen Meister aus Hamburg: St. Pauli. Tabellenspiel in der Frauenbundesliga.

Rugby ist ein schnelles, raues, schmutziges Spiel - egal, ob Männer oder Frauen gegeneinander antreten. Bei vielen klebt das Braun der Spielfelderde an den Hosen und Trikots.

Keine Helme, keine Polster, volles Risiko

Die jungen Frauen auf dem Feld tragen keine Helme oder Polster, einzig der Zahnschutz ist obligatorisch. Manche haben ihren Kopf in Scrumcaps gequetscht - spezielle Mützen, die vor Blumenkohl-Ohren schützen, der typischen Boxerverletzung: Wenn jemand heftig auf das Ohr schlägt oder daran zieht, entstehen Blutergüsse in der Ohrmuschel, eine Art Ohrbruch.

Beim American Football werden aufgeblasene Kraftmaschinen dick in Polster und Helme verpackt, bevor sie aufeinander prallen. Football ist der All American Dreamboy unter den Feldsportarten: Es geht um Raumgewinn, ums Durchhalten, um Kraft und Taktik - aber immer streng abgesichert, bemüht, das Risiko zu minimieren.

Rugby ist der schmutzige Straßenjunge: roher und rauer, volles Risiko - und vor allem flüssiger. Das Spiel stockt nicht so oft, nur bei Fouls oder Verletzungen, nach einem Punktgewinn oder wenn der Ball im Aus landet.

Daniela verzichtet auf ein Scrumcap; als Außenläuferin kommt sie kaum ins Gedränge, ein Gegner bedroht selten ihr Ohr. Jetzt aber verknäulen sich ihre Gegner um sie - ein "Ruck". Bei diesem offenen Gedränge verhakeln sich die Stuttgarter Rugbyfrauen mit dem Gegner. Sie ringen als Teams gegeneinander.

"Oh Gott, das ist ja viel zu hart!"

Der Gegner muss vom Ei weg geschoben werden. Die Stuttgarterinnen schnappen sich den Ball und tragen ihn in Richtung des St. Pauli-Teams. Es gibt fünf Punkte, wenn sie das Rugby-Ei beim Gegner ablegen.

Strategie-Meeting: Der Trainer feuert seine Spielerinnen an
Mathias Haman

Strategie-Meeting: Der Trainer feuert seine Spielerinnen an

Ei ist mathematisch nicht ganz korrekt, richtiger wäre: Rotationsellipsoid mit spitzen Ecken. Den lässt eine Stuttgarterin fallen und St. Pauli geht direkt zum Gegenangriff über.

Daniela lauert weiter außen auf ihre Chance, ihren Sprint. Vor drei Jahren kam ihr Sportlehrer auf die Idee, Rugby mal im Unterricht auszuprobieren. "Meine Mitschülerinnen meinten damals: Oh Gott, nein, das ist ja viel zu hart", sagt Daniela.

Daniela gefiel es. Sie spielte mit den Jungs und bei einem lokalen Schulturnier errangen sie sogar den dritten Platz. Die Abiturientin wechselte zum Bundesligisten Stuttgart. "Beim Schulsport bin ich um ein bis zwei Noten besser geworden, gerade in Ausdauer, und liege da jetzt bei eins bis zwei." Ihre Eltern waren erst nicht so begeistert, aber inzwischen kommen sie manchmal, um zuzuschauen, wie sich ihre Tochter im Gewühl verhakt.

Der größte Fan heißt an diesem Tag im Winter jedoch Dylan Thornten aus Neuseeland. Der 23-jährige mag die Dynamik des Sports und das Anfeuern. Er brüllt: "Stuttgart, make them remember the day they came to Stuttgart." Nun, St. Pauli erinnert sich bestimmt gern an die mitgenommenen Punkte: 0 zu 20 steht's zur Halbzeitpause.

Der Stuttgarter Trainer, Michael Beckert, auch ein Neuseeländer, ruft die Mädels zusammen: "Guys, ihr habt good gespielt. Aber wir haben zu viele von die Black Outs." Immer wieder kamen Pässe nicht an. Er winkt seine Mannschaft näher, sie bilden einen Kreis, legen die Arme umeinander: "Speed up, wir spielen faster." Daniela und die anderen nicken. Sie wollen gewinnen und feuern sich an: "Let's go guys."

"Schaffe, schaffe Rugby spiele!"

Speed up, schnell sprinten, das kann Daniela als Außenläuferin. Sie lauert wieder. Das Spiel läuft auf der anderen Seite, der Ball landet im Aus. Einwurf. Nun postieren sich beide Teams und bilden eine Gasse. Dabei heben zwei Mädchen eine der Ihren nach oben, um den eigenen Einwurf zu fangen oder den der Gegner zu blocken. Doch es nützt nichts, heute ist für Stuttgart wenig zu holen.

St. Pauli gewinnt 25:5. Die beiden Teams stellen sich gegenüber auf, danken der Schiedsrichterin für das gute Spiel und klatschen sich ab. Die Stuttgarterinnen brüllen ihren Schlachtruf: "Schaffe, schaffe Rugby spiele und net nach de Kerle schiele."

Dann holt der Trainer seine "Guys" noch mal zusammen, trotz Niederlage lobt er: "Good game Girls." Neun Nationen hat das Team, Englisch ist Arbeitssprache. Daniela hat hier nicht nur ihre Fitness gesteigert, sondern auch flüssig Englisch gelernt: "Schreiben ging schon gut in der Schule, aber Sprechen, jede Woche, zweimal, das hilft."

Sie findet, Rugby macht sie offener, selbstbewusster. Ihr Trainer sagt noch mal: "Wir spielen nach den selben Maßstäben wie Männer." Daniela nickt, sie mag das schmutzige Spiel. Was hilft eigentlich gegen den ganzen Dreck an Shirt und Hose? "Lange einweichen," sagt sie leise und lächelt. Jetzt geht die Außenläuferin erstmal duschen.

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