Magersucht 2.0: Thinderella aus dem Netz

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2. Teil: "Wir wollen irgendwie magersüchtig sein" - warum die Anas sich nicht als krank empfinden und Hilfe ausschlagen

Fallen Angel möchte mit ihrer Homepage "andere informieren" und "aus ihrem Leben erzählen". Dass das Informieren auf vielen Pro-Ana-Seiten im Wettkampf um das niedrigste Gewicht endet, ist typisch für die Krankheit. Magersüchtige leiden unter extremem Erfolgsdruck: Nur wer diszipliniert hungert, ist etwas wert. Fallen Angel möchte 43 Kilo wiegen, vielleicht 40 - wenn es ihr "dann noch gut geht".

Essstörungen
Anorexia nervosa, Magersucht

Die Magersucht ist eine krankhafte Essstörung, die durch radikales Hungern und starken Gewichtsverlust gekennzeichnet ist. Experten gehen davon aus, dass 0,5 bis 0,75 Prozent aller jungen Frauen unter der Krankheit leiden. Auch Jungen und junge Männer leiden zunehmend darunter.

Die Ursachen der Magersucht sind vielfältig. Sie basieren auf genetischen Faktoren, psychischen Störungen und generellen gesellschaftlichen Einflüssen. Viele der Betroffenen leiden unter einer Körperschemastörung: Sie fühlen sich auch bei extremem Untergewicht zu dick.

Laut allgemeinen Kriterien gilt jemand ab einem Body-Mass-Index von 17,5 oder weniger als magersüchtig. Ein weiterer Indikator ist ein Körpergewicht, das um mindestens 15 Prozent unter dem für das Alter zu erwarteten Normalgewicht liegt. Folgen der Magersucht sind unter anderem Hormonstörungen, die zum Ausbleiben der Menstruation führen, Durchblutungsstörungen, Muskelschwäche und Mangelerscheinungen, die unter anderem auch an kaputtem Haar erkennbar werden.

In 10 bis 15 Prozent der Fälle verläuft die Krankheit tödlich.
Bulimia nervosa, Bulimie, Ess-Brech-Sucht

Die Erkrankung ist durch wiederholte Ess-Attacken gekennzeichnet, auf die Erbrechen selbst herbeigeführt wird. Um eine Gewichtszunahme zu verhindern, werden auch Abführmittel und Appetitzügler eingesetzt, sowie exzessiv viel Sport getrieben. Das Erbrechen kann auch auf die Einnahme einer ganz normalen Mahlzeit erfolgen.

Zeitdauer und Frequenz der einzelnen Attacken sind variabel. An Bulimie erkrankte Menschen können unter-, normal- oder übergewichtig sein. Die Ursachen der Bulimie sind mit denen der Magersucht vergleichbar. Häufig geht der Bulimie extremes Übergewicht oder eine anorektische Phase voraus. Sie kann auch mit Phasen der Magersucht abwechseln.

Die Bulimie hat deutliche körperliche Konsequenzen: Das wiederholte Erbrechen kann zu Herz-Rhythmus-Störungen und Entzündungen der Speiseröhre führen. Die erhöhte Magensäure im Mund hat häufig Zahnschäden zur Folge.

Sogenannte Binge-Eater konsumieren innerhalb von kurzer Zeit ungewöhnlich große Mengen an Nahrung. Dabei können die Betroffenen nicht kontrollieren, wie viel sie essen. Im Gegensatz zur Bulimie wird hier das Gegessene nicht wieder erbrochen, so dass längerfristig Übergewicht eine Folge der Erkrankung ist. Das Binge-Eating gilt als die am häufigsten auftretende Essstörung. Anders als bei der Magersucht oder bei der Bulimie sind von einer Binge-Eating-Störung auch viele Männer betroffen.
Der BMI ist definiert als Körpergewicht in Kilogramm dividiert durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Normalgewichtige haben einen BMI zwischen 18,5 und 24,9. Ab einem BMI von 25 gelten Personen als übergewichtig. Ab einem BMI von mehr als 30 oder weniger als 18,5 gilt der Betroffene als behandlungsbedürftig.

Die Foren der Thinderellas, Elfen- und Feenkinder zu finden, ist nicht leicht - viele Betreiber sperren die Seiten. Es sei übertrieben negativ über die Bewegung berichtet worden, kritisieren Fallen Angel und Spiegelkind, deren inzwischen geschlossenes Forum zu einem der größten der Szene gehörte. "Ich denke nicht, dass Pro-Ana-Seiten wirklich gefährlich sind", schreibt Spiegelkind - auch wenn sie für Außenstehende "so wirken mögen". Sie sieht eher einen positiven Effekt: "Es hilft den meisten, dass sie sich austauschen können - und meist nimmt der Austausch über die Gefühle und die Stimmung überhand und wird wichtiger als das Abnehmen."

"Wir wollen irgendwie magersüchtig sein"

Das sieht Wolfgang Gawlik, Mitgründer des Internetportals "Hungrig Online", ganz anders. "Die Betroffenen suchen Kontakt zu Gleichgesinnten, das ist prinzipiell gut. Die Art und Weise, in der das geschieht, ist alles andere als gut, denn Ziel der Seiten ist es, jegliche Impulse von außen abzuschotten." Die Foren entfachten eine negative Dynamik, mit der Betroffene sich gegenseitig bestärken, sagt Gawlik: "Die jungen Frauen lernen Dinge, auf die sie allein vielleicht gar nicht gekommen wären."

"Hungrig Online" hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem Bedürfnis der Essgestörten nach anonymer Kommunikation eine Plattform zu geben. Auf den Seiten können sie sich austauschen und Hilfe erhalten - "allerdings ohne den typischen Konkurrenzdruck", so Gawlik. Zahlen sind deshalb tabu: keine Kalorienangaben, keine Angaben zu Größe und Gewicht.

Die Pro-Anas sind meist nicht bereit, sich therapeutische Hilfe zu suchen - das macht die Bewegung aus. Sie wollen Ana nicht loswerden, sondern "mit ihr leben", so Fallen Angel: "Sich als krank zu empfinden und zu wissen, dass man krank ist, ist für mich ein Unterschied. Ich weiß, dass es nicht gesund ist, was ich mache, und dass Magersucht eine Krankheit ist, aber ich empfinde mich nicht als krank." Auf die Frage, ob man eine Krankheit nicht loswerden will, schreibt sie: "In den meisten Fällen ja, beziehungsweise in allen Fällen. Deswegen ist es auch so schwer zu erklären, wieso es Pro Ana gibt. Wir wollen irgendwie magersüchtig sein. Für uns ist es ein Schönheitsideal, untergewichtig zu sein, und man kann Untergewicht nun mal nur so erreichen."

"Ana ist etwas, das mir gehört"

Das Bild, dass sich in Pro-Ana-Foren nur extrem untergewichtige Mädchen tummeln, ist indes falsch. Viele wären gern magersüchtig: Die Anorexie gilt ihnen als reinste Form der Essstörung, als Inbegriff der Disziplin - weil Magersüchtige das Nicht-Essen quasi in Perfektion praktizieren und nicht so halbherzig wie die Ess-Brech-Süchtigen.

Nach der medizinischen Definition, die sich vor allem am Body-Mass-Index (BMI) orientiert, sind viele der jungen Frauen in den Foren indes nicht magersüchtig. Essgestört sind sie allemal. "Die Betroffenen haben eine Tendenz zur Anorexie, der Begriff wird aber umgangssprachlich verwendet, weil die jungen Frauen ein besonders schlankes Körperideal haben", so Gawlik.

"Ana ist etwas, das mir gehört, etwas, das ich bestimmen kann und das ich mir ausgesucht habe und ich möchte nicht, dass mir das jemand wegnimmt", schreibt Fallen Angel. Die Essstörung verdeckt meist etwas anderes: Wer das Nicht-Essen zu seinem Lebensinhalt werden lässt, hat wenig Zeit, sich mit anderen Problemen zu beschäftigen. Und Spiegelkind schreibt: "Die meisten hungern aus Angst, Einsamkeit, sie wollen Aufmerksamkeit und geliebt werden. Viele haben den Gedanken 'Wenn ich dünn bin, bin ich schön und dann wird alles gut'."

Angst, so Fallen Angel, habe sie vor allem vor einer Sache: "dass jemand aus meiner Familie mitbekommen könnte, dass ich Pro Ana bin". Ihre Eltern hätten so schon genug Probleme.

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