Mein erstes Mal: Amelie, 11, geht auf dem Balkon zur Schule

Weil ihr Vater in Sri Lanka arbeitete, ging Amelie ein halbes Jahr lang nicht wie gewohnt zur Schule. Stattdessen lernte sie mit ihrer Mutter auf dem Balkon, chattete mit Mitschülern und mailte ihre Hausaufgaben. Zurück in Berlin hat sie sich in der Schule erst mal gelangweilt.

Amelie in Sri Lanka: Meine Mutter, meine Lehrerin Fotos
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"Bevor ich mit meinen Eltern nach Sri Lanka geflogen bin, mussten meine Direktorin und meine Lehrer zustimmen. Schließlich machte ich dort keine Ferien, sondern blieb ganze fünf Monate, weil mein Vater dort als Fotograf arbeitete. Als meine Eltern mir von ihrem Plan erzählten, habe ich mich gefreut - war aber auch ein bisschen traurig. Denn ich wollte meine Freunde nicht gern verlassen. Die dachten erst, ich mache Scherze.

Die Schuldirektorin und meine Lehrer hatten zum Glück überhaupt keine Einwände. Ich sei eine gute Schülerin und lerne gerne und selbständig, sagten sie. Das bedeutete natürlich, dass ich den Stoff, den meine Klassenkameraden in der Schule durchnahmen, mit meiner Mutter bearbeiten musste. Neben unserem normalen Gepäck hatten wir darum einen separaten Rucksack mit Schulbüchern und Materialien dabei. Er war sechs Kilo schwer!

Der Unterricht auf Sri Lanka war natürlich ganz anders als in Berlin. Der größte Unterschied: Mama und ich haben draußen auf dem Balkon gelernt, manchmal auch an der Poolbar. Und ich war allein, dadurch war der Unterricht viel intensiver. Darum musste ich auch nicht jeden Tag sieben Stunden lernen, sondern oft nur zwei. Meistens haben wir uns mittags zusammen hingesetzt, wenn meine kleine Schwester Smilla geschlafen hat. Sobald sie aufwachte, war der Unterricht vorüber.

Angst vor einem Tsunami

Meine Mutter und ich hatten einen Stundenplan zusammengestellt. Wir haben zusammen Deutsch, Französisch, Mathe, Geschichte und Erdkunde gemacht. Wir haben auch Diktate geschrieben, das musste ich in Berlin nie machen. Außerdem musste ich in den fünf Monaten drei Aufsätze schreiben. Die habe ich per E-Mail meinen Lehrerinnen geschickt.

Die Themen durfte ich frei wählen. Ein Aufsatz handelte von dem Tsunami, der ein paar Jahre zuvor über Sri Lanka hereingebrochen war. Dafür habe ich mit meiner Mama einen Hotelbesitzer interviewt, der während des Tsunami auf das Dach des Hotels fliehen musste und von dort gerettet wurde. An den Tsunami habe ich in den ersten Wochen auf Sri Lanka oft gedacht. Ich hatte ein bisschen Angst, dass so etwas noch mal passiert. Der andere Aufsatz drehte sich um eine Schildkrötenfarm, die ich mit meinen Eltern besucht habe.

Während wir weg waren, habe ich meinen Klassenkameraden oft Fotos geschickt, einmal haben wir auch gechattet. Die meisten waren noch nie so weit weg. Ich war das Reisen schon gewöhnt, denn vor Sri Lanka war ich mit meinen Eltern in Thailand, Kambodscha, Burma, Laos und Vietnam. Aber daran erinnere ich mich kaum, damals war ich erst vier Jahre alt.

Und nächstes Jahr geht es dann nach Nepal

Natürlich habe ich meine Freunde zwischendurch sehr vermisst. Ich habe meinen Geburtstag nicht mit ihnen in Deutschland feiern können, das war sehr schade. Wir haben nämlich eine Tradition: An unseren Geburtstagen gehen wir immer zusammen indisch essen. Diesmal haben meine Freunde sich etwas ausgedacht: Sie waren an meinem Geburtstag gemeinsam essen und haben einen Stuhl für mich freigehalten. So, als wäre ich dabei.

Damit ich meine Klassenkameraden nicht vergesse, hat mein guter Freund Pit Fotos von allen gemacht und zu jedem noch einen kleinen Spruch geschrieben, der sie charakterisiert. Das hat er mir nach Sri Lanka gemailt. Und sie haben mir ein Foto vom ersten Schnee in Deutschland geschickt. Den habe ich nämlich sehr vermisst.

Sonst war Sri Lanka toll. Ich konnte jeden Tag an den Strand gehen und im Meer baden. Wir haben auch aufregende Ausflüge gemacht. Am spannendsten war eine Wanderung mit meinem Papa. Wir sind auf den Adam's Peak gestiegen. Das ist ein Berg, auf den 4800 Stufen heraufführen. Um 2 Uhr nachts liefen wir los, denn wir wollten zum Sonnenaufgang um 6 Uhr oben sein. Unterwegs wurde mir sehr schlecht, und ich musste mich übergeben. Wegen der Aufregung, der Anstrengung und der Kälte. Mein Papa wollte umkehren, aber ich wollte es unbedingt schaffen. Als wir zurück ins Hotel kamen, hatte sich herumgesprochen, dass ich durchgehalten hatte, und die Gäste haben mir applaudiert.

Ich wäre gern noch länger auf Sri Lanka geblieben, aber ich habe mich auch sehr gefreut meine Freunde wiederzusehen. In der Schule habe ich mich sehr gut wieder eingelebt. Ich war dank des Einzelunterrichts sogar weiter im Stoff als meine Schulkameraden und habe mich fast ein bisschen gelangweilt. Nächstes Jahr wollen meine Eltern, Smilla und ich wieder eine Reise machen, wahrscheinlich nach Nepal. Mein persönliches Traumziel ist aber Australien, wegen der Kängurus."

Aufgezeichnet von Marie-Charlotte Maas

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Respekt
s.t.b. 28.09.2011
Leider ist Heimunterricht ein zweischneidiges Schwert, weil alles mit der Bildung der Eltern steht oder fällt. Das Mädchen hier hat es gut getroffen. Gute Eltern, interessante Umgebung, so macht das lernen ja spass. Auch wieder ein Argument für kleinere Schulklassen, um besser individuell auf Schüler eingehen zu können.
2. .
Layer_8 28.09.2011
Zitat von s.t.b.Leider ist Heimunterricht ein zweischneidiges Schwert, weil alles mit der Bildung der Eltern steht oder fällt. Das Mädchen hier hat es gut getroffen. Gute Eltern, interessante Umgebung, so macht das lernen ja spass. Auch wieder ein Argument für kleinere Schulklassen, um besser individuell auf Schüler eingehen zu können.
Och, ich hab damals in Asien, als Student, viele westliche Eltern, Expats vor allem auf dem Land, getroffen, welche ihre Kinder selbständig unterrichteten. Ich konnte da auch mit Mathe und Physik mitunter was beitragen. War echt lustig, vor 20 Jahren, und aus den Kindern sind später alle was geworden, soweit ich weiß :)
3. Schule
eigene_meinung 28.09.2011
Das zeigt jedenfalls, wie unsinnig der Schulunterricht im Allgemeinen ist. Intelligente Kinder werden gezwungen, ihre Zeit zu verschwenden. Wie viel mehr könnten sie in weniger Zeit lernen, wenn es nicht die Schulpflicht gäbe. Aber das wäre politisch natürlich inkorrekt, da ja dann die Kinder intelligenter und gebildeter Eltern bessere Chancen hätten - in Deutschland soll ja alles gleich gemacht werden, d. h. gleich schlecht. Ansonsten gilt natürlich auch der alte Spruch "Reisen bildet".
4. ...
jObserver 28.09.2011
Zitat von eigene_meinungDas zeigt jedenfalls, wie unsinnig der Schulunterricht im Allgemeinen ist. Intelligente Kinder werden gezwungen, ihre Zeit zu verschwenden. Wie viel mehr könnten sie in weniger Zeit lernen, wenn es nicht die Schulpflicht gäbe. Aber das wäre politisch natürlich inkorrekt, da ja dann die Kinder intelligenter und gebildeter Eltern bessere Chancen hätten - in Deutschland soll ja alles gleich gemacht werden, d. h. gleich schlecht. Ansonsten gilt natürlich auch der alte Spruch "Reisen bildet".
Prinzipiell stimme ich dem zu. Aber: Das Problem ist, dass eine Entscheidung pro Kind nicht getroffen werden kann. Rechtlich und praktisch nicht. Bei einer Auflösung der Schulpflicht würde aber vor allem eine Bevölkerungsgruppe die Kinder "selbst unterrichten": Die Null-Bock-Bevölkerung. Unabhängig von Migrations- oder Nichtmigrationshintergrund, und auch nicht alle, die selbst keine Schulbildung haben - manche solche Eltern sind DOPPELT motiviert, dass es ihre Kinder besser machen -, aber eben doch viele... Das Ergebnis wäre: Noch mehr Schulschwänzer, noch mehr Analphabeten denen man trotzdem allen einen Ausbildungsplatz zuschustern will. Das Problem hierbei ist deshalb einzig und allein der ökosziale Wahnsinn, dass jeder Mensch zum Erfolg getragen werden müsse. Selbst erarbeiten!! Frei Bildung für alle, die sie in Anspruch nehmen und die Leistung erbringen! Übrigens: Wer zu Hause lesen und rechnen lernt, kann zwar nicht auf die Schule ganz verzichten - das Überspringen von Klassen ist aber schon möglich. Nur kommt es eben auch nicht von alleine, und ggf. will es nicht jede Schule akzeptieren. Daneben hat das Lernen mit Freunden, im Klassenverband, auch unglaubliche soziale Vorteile. Homeschooling sollte also Ausnahme und nicht Regel werden - die Mentalität muss sich aber in der Tat ändern. Man merkt es schon bei der G8-Diskussion: Warum gehen alle davon aus, dass 9 Jahre besser seie?? Ich habe mit 16 Jahren, nach 11 Jahren Schule, mein Abitur absolviert. Zwar nicht ein 1,0er, aber ein gutes "Gut". Und ich war weder fleißig, noch ein Genie. Habe mich eher irgdnwie "durchgemogelt". Ich verstehe nicht, weshalb das nicht möglich sein soll. Für manche.
5. ach noe
libertarian, 28.09.2011
Zitat von jObserverPrinzipiell stimme ich dem zu. Aber: Das Problem ist, dass eine Entscheidung pro Kind nicht getroffen werden kann. Rechtlich und praktisch nicht. Bei einer Auflösung der Schulpflicht würde aber vor allem eine Bevölkerungsgruppe die Kinder "selbst unterrichten": Die Null-Bock-Bevölkerung. Unabhängig von Migrations- oder Nichtmigrationshintergrund, und auch nicht alle, die selbst keine Schulbildung haben - manche solche Eltern sind DOPPELT motiviert, dass es ihre Kinder besser machen -, aber eben doch viele... Das Ergebnis wäre: Noch mehr Schulschwänzer, noch mehr Analphabeten denen man trotzdem allen einen Ausbildungsplatz zuschustern will. Das Problem hierbei ist deshalb einzig und allein der ökosziale Wahnsinn, dass jeder Mensch zum Erfolg getragen werden müsse. Selbst erarbeiten!! Frei Bildung für alle, die sie in Anspruch nehmen und die Leistung erbringen! Übrigens: Wer zu Hause lesen und rechnen lernt, kann zwar nicht auf die Schule ganz verzichten - das Überspringen von Klassen ist aber schon möglich. Nur kommt es eben auch nicht von alleine, und ggf. will es nicht jede Schule akzeptieren. Daneben hat das Lernen mit Freunden, im Klassenverband, auch unglaubliche soziale Vorteile. Homeschooling sollte also Ausnahme und nicht Regel werden - die Mentalität muss sich aber in der Tat ändern. Man merkt es schon bei der G8-Diskussion: Warum gehen alle davon aus, dass 9 Jahre besser seie?? Ich habe mit 16 Jahren, nach 11 Jahren Schule, mein Abitur absolviert. Zwar nicht ein 1,0er, aber ein gutes "Gut". Und ich war weder fleißig, noch ein Genie. Habe mich eher irgdnwie "durchgemogelt". Ich verstehe nicht, weshalb das nicht möglich sein soll. Für manche.
Die Argumente, die Sie anfuehren sind wohlbekannt und durchaus verbreitet. Das Dumme ist, dass sie nicht mit der Realitaet in Einklang zu bringen sind. Ohne Schulpflicht und mit der Option "home schooling" sind es eben gerade nicht die "null Bock" Eltern, die das machen. Wieso auch? Null-Bock-Eltern und andere Desinteressierte sind doch froh darueber, ihren Nachwuchs fuer Umme auf die naechste oeffentliche Schule zu schicken. Ich bin recht vertraut mit der Gruppe von Leuten, die das auf sich nimmt. Diese Leute sind zwar nicht unbedingt homogen, aber Null-Bock-Leute werden Sie keine treffen. Auch vergessen wird bei der Diskussion, wie teuer "home schooling" eigentlich ist, wenn man mal alles zusammenrechnet. Nach meinen persoenlichen Erfahrungen ist das durchaus vergleichbar mit einer guten Privatschule. Ohne jetzt wieder ueber den Sinn und Unsinn diverser Bildungsansaetze streiten zu wollen, der an dieser Stelle dann immer kommt, aber das Argument, dass das dazu fuehren wuerde, dass Kindern Bildung vorenthalten werde oder das irgendeine "soziale Isolierung" stattfinde, ist eben realitaetsfern. Anonsten sind da, denke ich, gedanklich durchaus auf einem sinnvollen Weg. Ich haette vor ein paar Jahren so aehnlich argumentiert. Irgendwann kommt man aber evtl. drauf, wieviel Verschwendung dieses mir sehr vertraute "durchmogeln" eigentlich ist - und was fuer ein Verrat am durchschnittlichen Wissensdurst des durchschnittlichen Kindes! Und die "unglaublichen sozialen Vorteile" beim Lernen im "Klassenverband" sehe ich nicht. Der nette kleine Bericht des Maedchens zeigt es doch wieder: echtes "Lernen" findet vielleicht fuer 2 Stunden statt. Der Rest ist politische Indoktrination, Gleichmacherei (am liebste alle gleich "dumm") und eher ein sozialer Spiessrutenlauf unter Leuten, die 7-8 Stunden am Tag zusammen eingesperrt werden.
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