"Die Weltklimakonferenz in Kopenhagen hatte ich mir ganz anders vorgestellt: Viel trockener, vielleicht sogar langweilig. Ich dachte, man sitzt den ganzen Tag in zähen Verhandlungen zwischen älteren Delegierten. Zum Glück kam es anders.
Ich wollte unbedingt nach Kopenhagen, um den Politikern zu zeigen, dass wir Jugendlichen ihnen auf die Finger schauen. Seit einem halben Jahr engagiere ich mich bei der Jugendorganisation des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Mit der BUND-Jugend bin ich zum Klimagipfel gefahren.
Als am 7. Dezember die Konferenz begann, war ich überwältigt: 15.000 Menschen aus über 190 Ländern, davon rund 2000 Jugendliche, Medienrummel und riesige Konferenzräume. In der ganzen Stadt gab es zahlreiche Aktionen und Demos für den Klimaschutz, Konzerte, Werbung für alternative Energien und extrem viele Fahrradfahrer.
Am Anfang fand ich die Klimakonferenz ziemlich groß, stressig, verwirrend. Ich war froh, als ich eine Gruppe fand, der ich mich anschließen konnte. Sie heißt Youngo: ein Jugendnetzwerk, mit dem ich arbeite, auf die Verhandlungen gehe und täglich Aktionen mache.
'Eine Sache das Überlebens', warnte der Delegierte aus Tuvalu
Mein Tag beginnt hier um acht Uhr morgens mit dem Internationalen Jugendmeeting. Dort werden die Aktionen geplant, wir sprechen über den aktuellen Stand. Anschließend geht es zu den Verhandlungen in den großen Konferenzsaal im Bella-Center.
Richtig spannend waren die Debatten am Mittwoch. Dabei begannen sie recht ernüchternd: Der chinesische Delegierte regte sich zehn Minuten lang über das Logo der Konferenz auf. Er beschwerte sich, der netzumspannte Globus würde nicht den Inhalt der Verhandlungen ausdrücken. Das war ganz offensichtlich reine Zeitschinderei, um die richtigen Verhandlungen hinauszuzögern.
Doch dann kam die Rede des Delegierten vom pazifischen Inselstaat Tuvalu. Ian Fry stellte einen Antrag, die globale Erwärmung auf maximal 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Er forderte verbindliche Zusagen, die CO2-Emissionen im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent zu reduzieren. Außerdem sollten die Industrienationen den ärmeren Ländern Geld für die Anpassung zur Verfügung stellen. 'Das ist eine Sache das Überlebens', warnte er, 'wir haben keine Zeit mehr für weitere Verzögerungen.'
Der Süden ist gesprächsbereit
Ich hätte nicht erwartet, dass ein Delegierter hier solch ein Statement machen würde. Fry sprach aus, was ich dachte. Ich glaubte immer, solche Verhandlungen seien viel diplomatischer. Aber es wurde heftig diskutiert. China, Indien und Saudi-Arabien stellten sich erwartungsgemäß dagegen, so dass der Antrag letztlich scheiterte. Trotzdem war Frys Rede total motivierend. Wir Jugendlichen sind rausgegangen und haben mit Sprüchen wie 'Tuvalu is the real Deal!' für Frys Forderungen demonstriert.
Am Nachmittag machten wir dann noch eine sogenannte Regenwald-Aktion: Mit hundert Leuten haben wir im Konferenzzentrum gemeinsam in die Hände geklatscht, gepfiffen und geschnalzt. Wir wurden immer lauter und lauter - unüberhörbar. So wollten wir zeigen, dass wir nicht leise untergehen werden. Anschließend hat der Präsident der Malediven noch eine Rede gehalten.
Von den Delegierten aus dem globalen Süden bin ich richtig begeistert. Die meisten sind sehr freundlich. Man kann problemlos mit ihnen reden. Sie erklären uns Jugendlichen die Ziele ihrer Länder und machen teilweise sogar bei unseren Aktionen mit. Am Donnerstag haben sich einige von ihnen die Schals umgehängt, die wir verteilt haben. Auf denen steht: 'How old will you be in 2050?'
Ob Abkommen oder nicht: Es bewegt sich was
Etwas distanzierter begegnen uns viele Delegierte der Industrienationen. Sie sind oft gestresster, formaler und unnahbarer. Bei unseren Aktionen gehen sie häufig kopfschüttelnd weiter. Trotzdem: Die Stimmung auf der Weltklimakonferenz macht mir Hoffnung, dass die Verhandlungen erfolgreich sein werden. Ich glaube, dass sie bereits voran gehen. Richtig spannend wird es natürlich, wenn Barack Obama kommt.
Fest steht für mich auf jeden Fall, dass hier etwas bewegt wird, selbst wenn es kein Abkommen geben sollte. Für mich ist die Konferenz jetzt schon ein Erfolg. Hier passiert auch jenseits der Verhandlungen so viel. Wenn ich den Klimagipfel verlasse, gehe ich mit zahlreichen neuen Kontakten und neuer Motivation. Unter den 2000 Jugendlichen werden bereits riesige Netzwerke gegründet. Mit denen wollen wir auch nach der Klimakonferenz länderübergreifende Projekte starten.
Kopenhagen nennt sich zu Recht Hopenhagen. Die Stadt ist voller Hoffnung. Für mich ist die Frage nicht, dass sich etwas ändert, sondern wann."
Aufgezeichnet von Xenia von Polier
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