Mein erstes Mal: Erik tobt als Halbdämon durch den Wald

Sie tragen gruselige Masken und fuchteln mit Gummiknüppeln - beim Live-Rollenspiel im Forst. Mit Kilt, langen Eckzähnen und Latexschwert wird aus dem Weimarer Gymnasiasten Erik Blume, 18, ein Halbdämon, der sich gegen Untote und Oberelfentussis wehrt.

"Meine Mutter lebte auf dem Land, meinen Vater kannte ich nicht. Also habe ich mich auf die Suche nach ihm gemacht. Auf der Reise habe ich dann gemerkt, dass ich nicht normal bin, weil ich Licht zaubern und Menschen einschläfern kann und sehr ausgeprägte spitze Zähne besitze. Mein Vater war nämlich ein Dämon - ich bin folglich ein Halbdämon. Das ist die Geschichte meines Charakters 'Kire Schattenhaar' in Kurzform.

Vor meinem ersten LARP (Live Action Role Playing) habe ich mir diesen Charakter und seine Vergangenheit ausgedacht. Die meisten Neulinge wollen Orks sein, Gruftis spielen oft böse Vampire. Man kann ja jede Rolle annehmen, die man will. Grundsätzlich muss aber ein Rollenspielcharakter zum Darsteller passen, sonst funktioniert die Rolle nicht. Und der Antiheld – halb Dämon, halb Mensch - passt zu mir.

Von Fantasy-Rollenspielen bin ich bereits eine ganze Zeit fasziniert. Im Jahr finden etwa 600 Liverollenspiele in Deutschland statt, die von Privatleuten oder Vereinen ehrenamtlich organisiert werden. Meist spielen zwischen 50 und 200 Leute bei einem LARP mit, es gibt aber auch Veranstaltungen mit 2000 Menschen wie die 'Drachenfest'-Convention. Feste Regelwerke bestimmen, wie sich die einzelnen Charaktere verhalten dürfen.

Schon länger spiele ich am Computer das Rollenspiel 'Morrowind', vor zwei Jahren hat mich ein Freund dann mal zu einem Waffentraining mitgenommen. Das sind Treffen, auf denen Rollenspieler ihre Schwerter und Äxte ausprobieren. Da standen dann erwachsene Leute und schlugen mit Gummiknüppeln aufeinander ein. Ich dachte: 'Was sind denn das für Idioten? Da muss ich unbedingt mitmachen!'

Der Zahnarzt bastelte die spitzen Beißerchen

Nach und nach habe ich die Leute kennengelernt, die Regeln begriffen und mir meinen Charakter ausgedacht. Zu einer Rolle gehört neben der Geschichte natürlich auch die passende Kleidung. Als Kire Schattenhaar trage ich einen schwarzen Umhang mit Kapuze, einen Kilt, eine Torsorüstung mit Nieten, einen Kettenkragen und lederne Handschützer. Zu meinem Kostüm gehören außerdem noch Taschen, Gürtel, Trinkbecher aus echtem Horn und ein Schwert aus Latex. Das meiste habe ich selbst gebastelt, außer meinen langen Eckzähnen – die hat ein Zahnarzt für mich gemacht.

Das erste Mal 'In-Time', also in meiner Rolle auf einem LARP, war ich im April in einem Waldstück bei Jena. Für drei Tage fand dort 'Das Wirtshaus im Schauenforst' statt. Mit mir waren 100 Orks, Halbelfen, Nonnen, Hexenjäger, Untote, Priester, Hexen und Fuchswesen angereist. Niemand wusste zunächst, was ihn erwartet, außer der Spielleitung, die sich den Plot ausgedacht hatte. So genannte Nichtspieler-Charaktere spielen auf einem LARP Rollen, die für die Handlung notwendig sind. Es gibt zwar einen Haupthandlungsstrang und verschiedene Nebenaufgaben auf diesen Conventions, die die Spieler lösen können. Ein richtiges Ziel allerdings gibt es nicht – jeder mimt einfach seinen Charakter.

Also erkundete ich zunächst die Gegend. Das Gelände war sehr hügelig und bestand aus einem Rotbuchenwald und Nadelbäumen, einer Burgruine, einem Wirtshaus und großen Wiesen. Passiert ist aber noch nichts, so dass ich abends mit anderen Charakteren in der Teestube ruhig einen Tee mit Honig gegen meine Erkältung trinken konnte. Die anderen speisten, lauschten dem Harfenspieler oder saßen am Lagerfeuer vor der Schänke.

Gegen zwei Uhr nachts wollte ich zu meinem Zelt. Zum Glück beherrsche ich einen Lichtzauber, so ist es mir im Dunkeln erlaubt, eine Taschenlampe zu benutzen. Ich laufe also einen Berg runter, auf einmal ruft jemand 'Halt!' - ein anderes Wesen zieht einen Bannkreis um mich und führt einen Untotenzauber durch. Dabei bin ich gar kein Zombie.

Mit Schwertern gegen Zombis gekämpft

Am darauf folgenden Morgen krähte der Hahn um acht Uhr. Beim Frühstück in der Taverne erzählte uns der Friedhofsgräber, dass Zombies Gräber geschändet hätten. Und der Schmied, einer der Spielleiter, grinste mich an und raunte, dass irgendwer 'gierig auf meinen Mantel' sei. Da bin ich erst mal durch die Zelte hindurch weggerannt. Jemand war hinter mir her, ich glaube, die Spielleitung hatte einen Ritterorden und Priester auf mich angesetzt. Und eine Oberelfentussi hat mich auch gejagt. Dabei bin ich doch ein guter Dämon und will nur zu meinen Papa, nicht gleich bei meinem ersten LARP wieder sterben.

Als ich meine Freunde, darunter ein weißer Fuchs, dann wiedergefunden hatte, sind wir zusammen weitergezogen. Auf unserem Weg mussten wir Zombis mit unseren Schwertern niederknüppeln. Das größte Problem war aber ein Quellgeist, der unzufrieden war und manchmal auf Wünsche falsch reagierte, was gefährlich für manche Charaktere wurde. Also waren alle Liverollenspieler damit beschäftigt, auf verschiedenen Wegen den Geist zu befreien. Zum Glück kam einer auf die Idee, dass er sich selbst befreien sollte. Das hat auch geklappt. Abends ging es dann noch richtig gut ab, mit Bauchtänzerin und Feuerjongleuren.

Liverollenspiele sind Multifunktionstheater: Man ist Zuschauer, Darsteller und Regisseur in einer Person. Es ist die ganze Zeit spannend, weil man sich nie sicher sein kann, dass nichts passiert. Für mich ist das, als ob ich ein gutes Buch lese, in dem die Orte sehr plastisch beschrieben sind. Ich kann dabei abschalten, darum ist es wie eine kleine Flucht aus dem Alltag.

Außerdem macht es riesigen Spaß. Andere Leute gehen in den Puff, saufen Bier oder schmeißen sich Pillen in einer Technodisko ein, ich geh in den Wald und tue niemanden was."

Aufgezeichnet von Christian Fuchs

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Rollenspiel im Wald: Orks, Zwerge und Vampire

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