Mein erstes Mal: Julia, 19, verwandelt sich in eine Grufti-Hexe

Jedes Jahr sieht Leipzig schwarz: Zum "Wave Gotik Treffen" kommen 20.000 Gruftis nach Sachsen. Julia, Abiturientin und Gothic-Punk aus Moers, erklärt, wie mühselig sie ihren Iro toupiert und warum die Düstermänner mit Satanisten nichts zu tun haben wollen.

"Eigentlich mag ich es gar nicht, erklären zu müssen, warum ich so aussehe, wie ich aussehe. Aber wenn ich am Wochenende aufgestylt in eine meiner schwarzen Discotheken gehe, zeigen mir die Reaktionen der Leute auf der Straße, dass es wohl nötig ist, hin und wieder den Versuch einer Erklärung zu unternehmen.

Ich bin seit sechs Jahren schwarz, das heißt ich bewege mich in der sogenannten 'Gothic-Szene', höre Musik, die auf andere Menschen ganz schön düster wirkt, und habe ein sehr auffälliges Styling. Das Wort 'Szene' mag ich übrigens auch überhaupt nicht, das hat sowas Elitäres, und ich begreife mich gar nicht als elitär. Vielleicht sehen mich die anderen aber so: Wenn ich gestylt als Mix aus Punk und Grufti durch die Straßen gehe, lachen die Leute über mich, schauen angestrengt weg oder machen mit ihren Handys ungefragt Fotos von mir, als wäre ich ein Ausstellungsobjekt.

Letztes Wochenende jedoch war alles ganz anders: Da war ich zum ersten Mal beim 'Wave Gotik Treffen', einem viertägigen schwarzen Musikfestival, das jedes Jahr über die Pfingstfeiertage in Leipzig stattfindet, aber im Grunde viel mehr ist als bloß ein Musikfestival. Über 20.000 Gruftis aus sämtlichen Ecken Deutschlands, Italien, Finnland, Schweden oder England pilgern nach Leipzig und besuchen die vielen Konzerte, Lesungen, Filmvorführungen und Mittelaltermärkte, die über die gesamte Stadt verteilt sind.

Als ich in Leipzig ankam, sind mir die Augen übergegangen. Die Straßen waren übersät mit schwarzen, phantasievoll gestylten Menschen, in der ganzen Stadt herrschte eine unwirkliche, verzauberte Atmosphäre. Überall begegneten mir Frauen in prachtvollen Kleidern mit raschelnden Reifröcken und Männer, die ihre Augen und Gesichter mit fragil verästelten Kajalstrichen verziert hatten. Die Menschen trugen Mozarthüte und schrille Frisuren mit abrasierten Schläfen, aufwändigen Haarteilen oder wilden Irokesenschnitten, so wie ich einen habe.

Mutter hilft beim Toupieren

So ein Iro macht übrigens hübsch viel Arbeit - ich brauche mindestens eine dreiviertel Stunde, bis das Ding auch wirklich steht. Dazu toupiere ich meine langen, schwarz-türkis gefärbten Haare über Kopf, besprühe sie mit Haarspray und föhne den feuchten Haarspraynebel gleich wieder trocken. So geht das dann Strähne für Strähne - bis der Iro schön hart ist und steht wie ein Brett. Ich habe jedes Mal Schiss um meine Haare, aber wenn ich dann in den Spiegel gucke und das Ergebnis sehe, war es mir die Mühe wert. Dann habe ich das Gefühl, eine Kreativität in mir ausgelebt zu haben, ich habe dann eine Art Kunstwerk geformt und bin superstolz.

Für meine Lippen, die ich fein säuberlich mit dunkelrotem Lippenstift ausmale, und meine Augen, die ich mit viel schwarzem Lidschatten, Kajal und Wimperntusche umrande, brauche ich noch mal eine gute Viertelstunde. Anziehen und Behängen mit meinen ganzen Ohrringen, Ketten und Kettchen dauert weitere 20 Minuten. Danach fühle ich mich einfach nur wohl. In meiner Schule in Moers bin ich nicht so rumgelaufen, unter der Woche trage ich meine langen Haare nur zum Zopf und bin auch nicht so stark geschminkt, und auch die Julia mag ich gern. Aber die Julia mit Iro mag ich noch lieber, das Styling entspricht einfach noch mehr meinem Verständnis von Ästhetik.

Ich gebe zu, ein bisschen Provokation ist dabei. Aber damit will ich niemanden verärgern oder schockieren, vielleicht nur etwas mehr Aufmerksamkeit auf mein Äußeres lenken, als andere das tun. Und das war auch einer der faszinierendsten Effekte beim 'Wave Gotik Treffen' letztes Wochenende: Die Leipziger sind auf ihren Grufti-Besuch voll eingestellt und sehen gerne schwarz. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich so sein darf, wie ich bin, ohne dabei schief angeschaut zu werden.

Eine 82-jährige Leipzigerin wollte von mir wissen, wie man einen Iro macht, und meinte, sie würde sich jedes Jahr auf das WGT freuen, weil es dann immer so viel zu staunen gäbe. Meine Freunde kennen diese positiven Reaktionen der Leipziger Bewohner bereits, aber für mich war das vollkommen neu. Das Family-Feeling mit den vielen Schwarzen ist schon etwas Besonderes. Aber das freundliche Feedback von Menschen, die sonst nichts mit Gruftis am Hut haben, hat das Ganze zusätzlich abgerundet.

Ich hatte zum ersten Mal nicht das Gefühl, dass ich störe, während es mir daheim im Ruhrgebiet schon so vorkommt. Nicht, was meine Familie angeht: Meine Mutter hilft mir sogar manchmal beim Toupieren, und mein Vater, der in einem Sicherheitsunternehmen arbeitet, hat schon mal in seiner Firma Fotos von mir im Iro-Look herumgezeigt. Es sind die erwähnten Reaktionen der Leute auf der Straße, wenn ich am Wochenende unterwegs bin in voller Montur.

"Satanist" ist ein Schimpfwort

Doch das Schlimmste ist, wenn wir als Satanisten beschimpft werden. Gruftis sind keine Teufelsanbeter - ich wünschte, ich könnte dieses Klischee irgendwie aus den Köpfen bekommen. Wir Schwarzen bieten in gewisser Hinsicht Angriffsfläche: Wir kokettieren mit Dingen, die für Außenstehende negativ besetzt sind, tragen Totenkopfringe oder Särge als Handytaschen. Doch wenn man sich ein bisschen mit der Szene beschäftigt, kann man beobachten, wie friedlich und rücksichtsvoll sie ist. Satanismus aber ist menschenverachtend, damit haben wir nichts zu tun.

Vielleicht sind viele Gruftis Menschen, die nachdenklicher sind als andere oder schneller zu traurigen Stimmungen neigen, und dann wirkt das Düstere für sie wie ein Katalysator. Was andere runterziehen würde, baut sie wieder auf. Vielleicht sind einige von ihnen auch Menschen, die sich damit angefreundet haben, dass es im Leben auch mal traurige Stimmungen und Phasen gibt. Und weil sie das leichter annehmen, bereitet ihnen alles Düstere möglicherweise weniger Angst als anderen.

Ich glaube es gibt viele Erklärungen, warum man in dieser Szene ist. Und wenn man in dieser Szene ist, ist man nicht besser oder schlechter als andere. Meine persönliche Begründung ist ganz einfach: Für mich ist das alles ein einziger Ausdruck von Lebensfreude. Meine Lieblingsbands wie 'Bauhaus' oder 'The Chameleons' sind für mich keine Arznei, sondern Alltag. Ich lebe mit ihnen aus, was ich schön finde - ohne die ganze Zeit depressiv in der Ecke zu liegen.

Wenn andere das doch von mir denken, muss ich Prioritäten setzen: Ich nehme die Vorurteile in Kauf für meine Gruftiwelt. Gut möglich, dass ich eines Tages nicht mehr so herumlaufen werde. Schließlich will ich im Winter anfangen zu studieren, Philosophie und Soziologie, und am liebsten würde ich promovieren und später mal als Unternehmensberaterin arbeiten. Dann könnte ich wohl leider nicht mehr so aussehen. Aber bis dahin sind ja noch ein paar Jahre – und noch viele WGTs, auf denen ich mich austoben kann."

Aufgezeichnet von Almut Steinecke

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Leben U21
RSS
alles zum Thema Mein erstes Mal
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Sächsische Pfingstmode: Black is beautiful


Dein SPIEGEL digital
Social Networks