Mein erstes Mal: Luisa, 19, kämpft sich durch den Medizinertest

Sie hat ein Einser-Abi - nicht gut genug fürs Medizinstudium. Auf der sicheren Seite wäre Luisa Puttfarcken, 19, mit einer Spitzenleistung im Medizinertest: jede Menge Aufgaben, Zeitdruck, stundenlange Konzentration - und nur diese eine Chance. Luisa traut sich kaum, etwas zu trinken.

Abiturientin Luisa: Volle Konzentration beim Medizinertest Fotos

"In einer durchsichtigen Plastiktüte trage ich bei mir, was ich in den Testraum mitnehmen will: Traubenzucker, Wasser, zwei Filzstifte. Ich komme mir beim Medizinertest in einer der Holstenhallen in Neumünster vor wie am Flughafen, werde mehrfach kontrolliert. Zuerst wird bei der Anmeldung meine Einladung überprüft, ich muss meinen Personalausweis vorzeigen, dann noch einmal, als ich den Raum betrete. Alle Teilnehmer haben festgelegte Plätze, die in Viererreihen nach Sektoren eingeteilt sind.

Meiner ist im Sektor A. Ich nehme einen Schluck Wasser. Viel will ich aber nicht trinken, denn jede Klopause geht von meiner Zeit ab. Zum Glück bin ich nicht müde, obwohl ich schon um sechs Uhr aufgestanden bin.

Um 9.30 Uhr beginnt der Test, der meine Chancen auf ein Medizinstudium verbessern soll. Normalerweise würde mein Abi-Schnitt von ungefähr 1,5 dafür kaum ausreichen. Mit einer überdurchschnittlichen Leistung beim Medizinertest werde ich aber 0,4 Punkte höher eingestuft. Das gilt allerdings nur für die teilnehmenden Universitäten wie zum Beispiel Heidelberg, wo der Test auch entwickelt wurde.

Wo liegt noch gleich der Supraspinatus?

Auf den genauen Ablauf wird penibel geachtet, denn mit mir und den 250 anderen Anwärtern in Neumünster arbeiten sich zeitgleich mehr als 7000 weitere Abiturienten in 24 Städten durch den Test: Überall sollen genau die gleichen Bedingungen herrschen.

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Der Testleiter liest uns die Anweisungen auch vor. Wir dürfen keinen Taschenrechner und kein Handy dabei haben. Den Ablauf kenne ich schon, zu Hause habe ich einen Übungstest gemacht, um die Zeit abschätzen zu können. So viel wie aufs Abitur kann man aber gar nicht lernen, schließlich werden hier Intelligenz und Stressfähigkeit geprüft, nicht Faktenwissen. Dann sagt der Testleiter: 'Sie bekommen jetzt das Testheft. Öffnen Sie es erst, wenn ich Sie dazu auffordere.' Jeder Schritt wird genau beobachtet.

Zuerst müssen Muster zugeordnet werden, 24 Aufgaben in 22 Minuten. Ich habe ein Bild mit Zellorganellen vor mir und darunter fünf kleine Bilder mit Ausschnitten davon, doch nur einer passt wirklich ins Bild.

Danach der naturwissenschaftliche Teil, eine Stunde lang: Die klassischen Multiple-Choice-Fragen bringen mich ganz schön unter Zeitdruck, auch wenn ich alle Prüfungstypen aus den Übungsbögen und Büchern kenne, mit denen ich zu Hause gelernt habe. In einer Frage werden etwa zunächst alle Muskeln ausführlich beschrieben, die die Schulter bewegen und wiederum diese Muskeln aktivieren. 'Was passiert, wenn der Supraspinatus ausfällt?' Ich habe erstmal eine Skizze gemacht, dazu eine Liste, welcher Muskel für was zuständig ist - eigentlich nicht schwer, aber das Sortieren dauert.

Hilfe, Physik ist doch schon so lange her!

Auch den nächsten Teil, die 'Schlauchfiguren', hatte ich daheim geübt. Man sieht in den 24 Aufgaben je einen Würfel mit einer Art Schlauch darin, daneben ist der gleiche Würfel von einer anderen Seite abgebildet - aber von welcher? Das ist machbar, fordert aber das räumliche Vorstellungsvermögen.

Richtig schwer wird es für mich bei den 'quantitativen und formalen Problemen' - Mathe und Physik also. Ich hatte doch schon seit Jahren keinen Physikunterricht mehr! Vor der Mittagspause werden wir mit dem Aufgabenteil 'Konzentriertes und sorgfältiges Arbeiten' geistig richtig ausgepowert. Ich sitze vor einer Seite voller roter Zeichen und soll immer ein 'unten offenes c' durchstreichen - allerdings nur, wenn darauf ein 'schräg offenes c' folgt.

Für die bestimmt 40 Zeilen habe ich nur acht Minuten: unmöglich, den Bogen komplett auszufüllen. Zwar hatten die Testleiter schon vorher angekündigt, der Test sei so angelegt, dass man nicht alles schaffen könne - doch die leeren Zeilen hinterlassen ein merkwürdiges Gefühl.

Die Mittagspause habe ich wirklich dringend nötig. Ich esse Brot, zum Frühstück habe ich nämlich nichts runterbekommen. Ich atme viel frische Luft ein und erfahre von anderen Teilnehmern, dass ich meinen 'Weltwärts'-Dienst nächstes Jahr anrechnen lassen und so meinen Studienplatz reservieren kann. Unter den Anwärtern für Human- und Zahnmedizin laufen eben eine Menge gutinformierter Leute rum.

Verwirrende Kurven und Grafiken

Im Nachmittagsteil müssen wir uns in einem Lernheft in nur vier Minuten 20 undefinierte runde Formen einprägen, jeweils fünf Teile, davon einer schwarz gefärbt. Ich versuche, immer irgendetwas darin zu sehen: Blüten, Vulkane, einen Fisch mit offenem Maul. Dann muss ich Daten von 15 fiktiven Patienten auswendig lernen: Herr Arndt, 18 Jahre alt, ist Auszubildender, impulsiv und hat einen Kreislaufkollaps. Frau Bäumler, 35, Reiseleiterin, drei Kinder, hat Bluthochdruck. Ich darf keine Notizen machen und muss das Heft nach sechs Minuten wieder abgeben.

Erst nach einer weiteren Stunde mit Aufgaben zum Textverständnis, die mir am leichtesten fallen, kommt die Überprüfung, wie viel ich von den Figuren und Daten behalten habe: fünf Minuten, um Antworten anzukreuzen wie 'Bei Figur Nummer 130 war Abschnitt C schwarz'; sieben Minuten für 20 Fragen zu Patientendaten wie 'Der Patient mit dem Schädelbasisbruch ist von Beruf Lehrer'.

In den letzten 60 Testminuten bekomme ich im Teil 'Diagramme und Tabellen' Fragen zu Grafiken, die etwa die Verteilung verschiedener Krebsarten zeigen, zum Glück manchmal mit Fallbeispielen. Ich kämpfe mich durch die Zuordnung von verwirrenden Kurven zu Texten und Beschreibungen.

Um halb sieben bin ich endlich daheim, mein Kopf ist leer und schmerzt ziemlich. Ich brauche was zu essen und zu trinken, fühle mich aber auch ein bisschen befreit. Es beruhigt mich, dass ich immerhin weiß, was ich machen will. Und ich hoffe, dass es mit meiner Traum-Uni in Lübeck klappt. Schon im Bio-Leistungskurs hat mir Genetik am meisten Spaß gemacht, mich interessiert einfach, wie Krankheiten zustande kommen und wie man sie behandelt. Und ich kann, glaube ich, ganz gut Menschen beobachten und Dinge auffassen. Im Juli bekomme ich das Testergebnis, bis dahin heißt es wohl warten.

Aufgezeichnet von Fabienne Kinzelmann

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Warum?
forumgehts? 11.05.2010
Zitat von sysopSie hat ein Einser-Abi - nicht gut genug fürs Medizinstudium. Auf der sicheren Seite wäre Luisa Puttfarcken, 19, mit einer Spitzenleistung im Medizinertest: jede Menge Aufgaben, Zeitdruck, stundenlange Konzentration - und nur diese eine Chance. Luisa traut sich kaum, etwas zu trinken. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,693978,00.html
Wenn man fast jeden Tag die Horrormeldungen von der/über die Ärzteschaft zK nimmt, so fragt man sich, warum ein überdurchschnittlich intelligenter Mensch hier noch Arzt werden will und sich durch irgendwelche abartigen Tests quält. Da passt doch irgendwas nicht zusammen!?
2. Wozu?
tengel23 11.05.2010
Durch einen solchen Test werden Super-Streber unter den Strebern herausgesiebt... ob sehr gute Noten und eine schnelle Auffassungsgabe ausreichen, um einem Menschen die vernichtende Diagnose einer unheilbaren Erkrankung zu vermitteln, darf bezweifelt werden.
3. Medizinertest
f.b. 11.05.2010
... reiner Blödsinn, als ob das Bestehen dieses Test erkennen läßt, ob der- oder diejenige ein guter Arzt wird. Dazu sind noch ganz andere Dinge notwendig: vor allem soziale Kompetenz !
4. 1er Abi?
chocochip 11.05.2010
Zitat von sysopSie hat ein Einser-Abi - nicht gut genug fürs Medizinstudium. Auf der sicheren Seite wäre Luisa Puttfarcken, 19, mit einer Spitzenleistung im Medizinertest: jede Menge Aufgaben, Zeitdruck, stundenlange Konzentration - und nur diese eine Chance. Luisa traut sich kaum, etwas zu trinken. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,693978,00.html
Seit Jahren keine Physik mehr... Na ja, was solls: Wenn ich die Mediziner im Physikpraktikum erlebt habe, dann kann ich nur fragen: Wie habt Ihr Eure 1en eigentlich bekommen? Geschenkt? Da ist meist nichtmal fundamentalste Logik, die mit Physik nichts zu tun hat vorhanden. Ich habe lieber gleich Physik/Mathe studiert. Da brauchte man sich mit nem 1er Abi nicht noch über einen weiteren Test qualifizieren ;-) Einschreiben, anfangen zu studieren, Vordiplom, Diplom, fertig. Einfach und unkompliziert und man wird nicht wie AIP'er ausgebeutet.
5. Lübeck
Wavebreaker26 11.05.2010
Für Lübeck braucht man aber kein 1,5er Abi. Die Dame hätte sich die Mühe sparen können. Der Test zeigt genau das Problem des Medizinstudiums: Streber werden bevorzugt, intelligente Leute bleiben am Rande liegen. Aber da ist sie in Lübeck ganz richtig. Die Stadt ist eine Brutstätte für die "Elite", Standesdünkel gleich inbegriffen.
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