Mein erstes Mal: Lukas, 20, unterwandert eine Nazidemo

Nur gegen die Rechten zu demonstrieren erschien dem 20-jährigen Lukas zu langweilig. Er stellte sich am 1. Mai in Heilbronn auf ihre Seite - und propagierte "Schützt deutsche Äpfel!" mitten im rechten Block. Der aber fand das alles andere als lustig.

Mein erstes Mal: Lukas, 20, unterwandert eine Nazidemo Fotos
Sebastian Czub

"'Rechts oder links?' Ich sehe den Polizisten fragend an. 'Sie haben doch ein Plakat für die Demonstration. Also, rechts oder links?', wiederholt er seine Frage. 'Ach so, ja. Rechts', antworte ich unsicher. 'Dann dort entlang', erklärt der junge Beamte in einem freundlichen, aber bestimmten Ton.

In einem Zelt nahe dem Bahnhof werde ich auf Waffen abgetastet und auch mein Transparent wird entrollt. 'Warum denn deutsche Äpfel schützen?', fragt mich einer der Beamten ungläubig.

'Naja, das ist ein Slogan der Front deutscher Äpfel', erwidere ich. Die Beamten scheinen noch nie von der satirischen Gruppierung gehört zu haben - sie lassen mich passieren.

In der umzäunten Gruppe der Neonazis angekommen, wird mir das Risiko meines Vorhabens bewusst: In den Reihen von über 700 ewig Gestrigen aus ganz Deutschland will ich ein Plakat hochhalten, das meine Verachtung für die selbsternannten nationalen Sozialisten zum Ausdruck bringen soll. Trotz des martialisch wirkenden Aufgebots der Polizei von knapp 4000 Beamten fühle ich mich in gewisser Weise schutzlos.

Leere Phrasen, brüllende Ordner

Zunächst aber scheint meine Angst unbegründet zu sein. Mit schwarzem Hemd und dem Pony auf der rechten Seite liege ich hier gewissermaßen voll im Trend und werde akzeptiert. So sehe und höre ich vor Beginn der Demo einiges: Die EU sei ein von Juden eingefädeltes Konstrukt zur Unterdrückung Deutschlands, die Wirtschaft knechte die Deutschen und überhaupt würden in der Demokratie Ausländer bevorzugt.

Vom Unterarm eines glatzköpfigen, beleibten Teilnehmers lächelt mich ein Hitlerporträt an. Ob 'SS' oder 'Endsieg' - aus verfassungsrechtlichen Gründen werden diese Tätowierungen während der Demonstration von Pflastern, Aufklebern oder Klebeband verdeckt sein.

Ich versuche, mich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Dazu gehört auch, mich von Fotografen der rechten Szene abzuwenden und darauf zu achten, dass niemand frühzeitig mein Transparent zu Gesicht bekommt. Es ist jetzt kurz nach 12 Uhr, die Veranstalter haben mit ihrer Kundgebung begonnen. Von Gottfried Küssel, einem der angekündigten Redner, werden lediglich Grüße übermittelt. Küssel befinde sich zurzeit in Gesinnungshaft, erklären die Veranstalter. Der bekennende Holocaustleugner, eine Schlüsselfigur unter den österreichischen Rechtsradikalen, nannte Hitler gegenüber einem amerikanischen Fernsehsender den wohl 'größten Deutschen'.

Nach gut einer Stunde voll leerer Phrasen kommt erneut Bewegung auf. Es müssen Ordner aus den Reihen der Rechten bestimmt werden. Es wird gelacht, als bekannt wird, dass Ordner keine Vorstrafen haben dürfen. Von den ersten 20 Kandidaten bleiben nur zwei stehen.

Gegen 14 Uhr setzt sich die Demo in Bewegung. Die frisch ernannten Ordner beginnen, uns in Viererreihen aufzustellen. Mir ist mulmig zumute, denn der Ton der anwesenden Neonazis wird aggressiver. Die Ordner fangen an zu brüllen, die Anspannung unter den Teilnehmern steigt spürbar an. Wir beginnen zu marschieren, ich mittendrin. Um mich herum skandieren die Rechtsradikalen ihre menschenverachtenden Parolen. Ich bleibe stumm.

Das Plakat wird entdeckt, es wird ernst

Mir fallen viele junge Leute auf, oft nicht mal volljährig. In einer Kleingruppe von etwa 25 Personen laufen wir 50 Meter hinter der Spitze des Demonstrationszuges. An einer Straßenkreuzung haben sich linke Gegendemonstranten versammelt. Die Polizei verhindert nicht nur die Konfrontation beider Gruppen, sondern gibt mir nun auch ein Gefühl von Sicherheit. Doch ich fühle mich schuldig, denn schließlich wurde ich bei der Zählung der anwesenden Demonstranten ebenfalls erfasst.

Wenige Meter weiter ist es dann soweit: Unser Demonstrationszug kommt zum Stillstand und ich entdecke auf der anderen Straßenseite mehrere Fotografen, mit denen ich Blickkontakt herstelle. Mein Puls ist bei gefühlten 180 angekommen, als ich mein Transparent entrolle und gen Himmel halte. Mein Nebenmann ist irritiert und fragt nach: 'Was soll das denn heißen?' 'Naja, deutsches Obst zu schützen ist doch wichtig, oder?', erwidere ich. 'Solange du nicht von der Apfelfront bist', meint einer der Ordner lachend. 'Apfelfront', dieses Wort scheint sich wie ein Lauffeuer unter den anwesenden Nazis zu verbreiten.

Noch bevor ich reagieren kann, wird mir mein Plakat gewaltsam entrissen. Mit einem Griff an den Hals signalisiere ich den Fotografen meine unpässliche Situation, denn von einer Sekunde auf die andere werde ich von allen Seiten bedrängt. Einige der Nazis wollen mich festhalten und packen dabei fest zu. Das Adrenalin schießt durch meinen Körper. Mir ist klar: Ich muss hier weg, das ist ernst. Ich stoße einen der Rechtsradikalen von mir, drehe mich um und renne in Richtung Polizei. Ein Gegenstand fliegt hinter mir her und aufgebrachte Neonazis stellen mir nach. Die Ordner pfeifen sie zum Glück zurück in ihre Reihen.

Ein junger Polizist fängt mich ab und ist überrascht von meinem Wunsch, die Demonstration umgehend verlassen zu wollen. Ich könne gehen, solle die Innenstadt aber schnellstmöglich verlassen. Ich flüchte in die Wohnung eines Freundes. Angst vor den Rechten will ich nicht haben, denn jetzt habe ich Blut geleckt: Es war bestimmt nicht die letzte Nazidemo, die ich gesprengt habe."

Protokoll von Fabienne Kinzelmann und Sebastian Czub

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insgesamt 70 Beiträge
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1. Respekt
achnee-erschonwieder 05.05.2011
goile Aktion Lukas!
2. Respekt
zinobln 05.05.2011
tolle und mutige aktion... RESPEKT! sollte als anleitung dienen und beim nächsten dummköpfeaufmarsch (wird leider nur 1x funktionieren) von ganz vielen nazigegnern praktiziert werden...unterwandern und von innen aufrollen.
3. ...
neuroheaven 05.05.2011
geile idee, das gleiche mache ich das nächste mal bei einer linken-demo
4. Sprengung
pong89 05.05.2011
---Zitat--- denn jetzt habe ich Blut geleckt: Es war bestimmt nicht die letzte Nazidemo, die ich gesprengt habe." ---Zitatende--- du hast eine Nazidemo gesprengt? Indem du 10 Sekunden lang Verwunderung auslöst? Interessant
5. so ein held
Lebkuchenkiller 05.05.2011
Zitat von sysopn der umzäunten Gruppe der Neonazis angekommen, wird mir das Risiko meines Vorhabens bewusst: In den Reihen von über 700 ewig Gestrigen aus ganz Deutschland will ich ein Plakat hochhalten, das meine Verachtung für die selbsternannten nationalen Sozialisten zum Ausdruck bringen soll.
Ich glaub nicht, dass diese Aktion besonders riskant war. Gefährlich ist es heutzutage wohl eher, sich an einer "rechten" Demo etwa von Proköln zu beteiligen
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