Mein erstes Mal: Nico, 22, debütiert beim Poetry Slam

War das eine gute Idee? Vor seinem ersten Poetry Slam will Nico Semsrott am liebsten türmen. Ein Konkurrent klaut sein Thema, auf der Bühne knallt Nico gegen die Decke. Er wähnt sich in einem Alptraum - aber einer muss ja den Dr.-Buhmann-Gedächtnispreis bekommen.

"Als ich ankomme, bietet sich mir ein Bild des Schreckens: Die Schlange vor dem Molotow-Club reicht fast bis zum anderen Ende der Reeperbahn. Halb Hamburg scheint hier anzustehen. Vor denen soll ich gleich auftreten?

Ich fühle kalten Angstschweiß unter meinen Armen und würde mich am liebsten wieder davonstehlen. Mein Fluchtversuch scheitert nach wenigen Schritten in den Armen von Gundela, die mich begleitet: 'Du bleibst jetzt hier!'

Dass Poetry Slams existieren, hatte ich schon vor Jahren von Freunden gehört. Was mich so lange von einem Auftritt abgehalten hat, hätte ich bis eben nicht beantworten können. Beim Anblick der Menge fällt es mir wieder ein: 200 Menschen, vor denen ich mich zum Löffel machen könnte.

Flucht zwecklos, Gundelas Fangarm lauert

'Ich will in mein Bett!', jammere ich. Doch der strenge Blick von Gundela zeigt: Es gibt kein Zurück mehr. Ich bin hier, um etwas Neues auszuprobieren. Dafür ist das Leben schließlich da. Punkt.

Noch habe ich keine Ahnung, was mich erwarten wird. Nicht einmal als Zuhörer habe ich mich bisher auf einen Poetry Slam verirrt. Ich stellte mir das ungefähr so vor: junge Menschen, die anderen jungen Menschen ihre Texte vorlesen, fast so wie im Deutschunterricht - mit dem Unterschied, dass die Geschichten spannend sind.

Vor einer Woche hatte ich den Termin rausgesucht, in den Kalender eingetragen und Texte geschrieben. Einfach so. Jetzt muss ich meine mutige Stunde ausbaden. Aufgeregt sage ich an der Kasse, dass ich gerne auftreten möchte. Ich bekomme einen Getränkegutschein in die Hand gedrückt und erhalte die Anweisung, mich bei den Moderatoren an der Bühne zu melden. Dort werde ich auf die Tafel geschrieben, Startplatz 5: Nico.

Das Molotow an der Reeperbahn ist irgendwas zwischen angesagtem Clubkeller und düsterer Spelunke. Der Raum ist bis in den letzten Winkel gefüllt mit jungen Leuten, die sich fröhlich unterhalten. Es ist brütend heiß, die Luft ist zum Schneiden, es riecht nach Schweiß. Mein natürlicher Lebensraum sieht zwar anders aus, aber heute würde ich mich hier wohlfühlen - wäre ich nicht so aufgeregt.

Applaus im Hexenkessel

Bevor es losgeht, werden die Regeln erklärt: Die Jury besteht aus fünf zufällig ausgewählten Publikumsmitgliedern, die Noten zwischen Null ('Text hätte nie geschrieben werden dürfen') und Zehn ('Text führt im Publikum zu orgiastischen Anfällen') verteilen. Jeder Slammer hat fünf Minuten Zeit. Wer dann immer noch liest, kann vom Publikum gnadenlos von der Bühne gebuht oder zum Weitermachen aufgefordert werden. Schon für den ersten Slammer brandet ein frenetischer Applaus auf.

Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Gleich bin ich dran. Ich bin so nervös, dass ich mich kaum auf die Vorstellungen der anderen Künstler konzentrieren kann. Ich nippe an meinem Freibier, das mir ganz schön in die Birne haut. Vor lauter Aufregung hatte ich vergessen, vorher etwas zu essen.

'Man kann deine Backen vor Aufregung glühen sehen', sagt Gundela. Je näher mein Auftritt kommt, desto höher steigt die Frequenz meines Beinwackelns. Es ist kaum auszuhalten.

Was meine persönliche Vorfreude betrifft, geht alles, was schieflaufen kann, schief: Meine vorbereiteten Texte scheinen Allerweltsthemen zu behandeln, zumindest trägt ein Vorredner genau meine Geschichte vor. Nur in Gedichtform. Na toll. Zu allem Überfluss ist mein direkter Vorgänger, Tobi, ein totaler Profi: Ihm gelingt es, das Publikum voll mitzureißen - und erreicht mit großem Abstand die vorläufige Höchstpunktzahl.

Zwischen Kopfweh und Herzkasper

Als mein Name aufgerufen wird, schafft mein Puls ein Level, der jedes Pulsmessgerät zum Platzen bringen würde. 'Du musst das einfach nur genießen!', versuche ich mir einzureden. Der Beruhigungsversuch misslingt gründlich. Statt zielstrebig auf das Mikrofon zuzugehen, stolpere ich gehetzt durch den engen Gang im Publikum und stoße mir beim Betreten der Bühne an der viel zu niedrigen Decke den Kopf.

Dann hört der Applaus auf, und ich stehe mit Kopfschmerzen am Mikrofon. Alle Scheinwerfer sind auf mich gerichtet, man könnte die sprichwörtliche Nadel fallen hören: Jetzt bin ich dem Löwenrudel hilflos ausgeliefert. 'Ja, guten Abend, für mich wird hier heute ein Alptraum wahr!', beginne ich. Schon lachen zwei Leute. Immerhin.

Als ich den ersten meiner beiden Texte, eine knappe ironische Selbstdarstellung, zu Ende gelesen habe, bleiben die Reaktionen aus. Habe ich das Publikum schon nach einer Minute erfolgreich eingeschläfert? Sicherheitshalber stelle ich fest: 'So, das war schon mal mein erster Text.' Es gibt freundlichen Unterstützungsapplaus.

Die Belohnung: Dr. Buhmann lässt grüßen

Der zweite Text funktioniert besser. Er handelt von einem komplett missratenen Tag. Es gibt Mitgefühl und Lacher, am Ende einen ordentlichen Applaus. Irgendjemand johlt sogar. Überglücklich gehe ich zurück zu meinem Sitzplatz und strahle meine Freundin an. Sie grinst zurück: 'Siehste? Hab ich doch gesagt!' Zur Halbzeit stehe ich auf Platz zwei.

Nach der Pause wird die Stimmung im Publikum immer ausgelassener. Ich bin tief beeindruckt vom schauspielerischen Talent der anderen Slammer. Viele schreiben nicht nur gut, sie tragen es auch noch pointiert vor.

Am Ende werde ich mit 38,5 Punkten vierter von elf und bekomme den 'Dr.-Buhmann-Gedächtnispreis' - eine Auszeichnung, welche die Moderatoren willkürlich vergeben. In meinem Fall, weil ich den 'Alptraum gemeistert' hätte.

Jetzt will ich unbedingt weitermachen. Nach der Siegerehrung versorgt mich Tobi mit Tipps für meine nächsten Versuche. Er hat schon mehr als 400 Auftritte hinter sich. Zur Verabschiedung sagt er: 'Habe bei deinem Text jedenfalls voll abgefeiert.'

Ich glaube, das ist ein Lob."

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