"Es gab bei meinen eigenen Spielen so manchen Schiedsrichter, der seine Sache nicht so toll gemacht hat. Da hab ich mir gedacht: Wenn ich selbst pfeifen würde, wäre ich vielleicht ein bisschen besser.
Für den Schein musste ich drei Tage lang bei einem Lehrgang das gesamte Regelwerk lernen. 17 Regeln waren das, die eine länger, die andere kürzer. Insgesamt 120 Seiten. Dann die Prüfung, und schon war ich Schiedsrichterin. Zumindest auf dem Papier.
Aber auf meinen ersten Einsatz musste ich nicht lange warten: genau zwei Tage. Da hatte ich eine Mail in meinem Postfach mit der ersten Ansetzung. Schon am nächsten Wochenende sollte ich ran, ein E-Jugend-Spiel, gleich bei den Jungs. Die sind zwischen acht und zehn Jahre alt. Mit denen kenne ich mich aus, weil ich ein E-Jugend-Team trainiere. Das mache ich zweimal die Woche, dazu habe ich noch dreimal selbst Training plus ein Spiel, und jetzt kommt auch noch das Pfeifen dazu. Eine komplette Fußball-Woche.
Komplimente statt Gemecker aus dem Publikum
Eine Stunde vor Spielbeginn bin ich am Platz angekommen. Als Schiedsrichterin hat mich dort natürlich erstmal niemand erkannt. Wahrscheinlich dachten die Leute eher, ich sei die große Schwester eines Spielers. Nachdem ich mich vorgestellt habe, konnte ich mich in einer kleinen Kabine umziehen: hellblaues Trikot, Hose und Stutzen. Ich bin dann schnell raus auf den Platz, um alles zu kontrollieren. Sind die Linien gezogen? Sind die Netze richtig am Tor befestigt? Das habe ich extra so früh gemacht, damit der Verein noch Zeit hat, Fehler zu beseitigen.
Bei der Passkontrolle haben die kleinen Jungs fast alle etwas komisch geguckt. Die wurden wohl noch nie von einer Frau gepfiffen, ich kenne hier im Kreis aber bis jetzt auch nur drei andere Schiedsrichterinnen. Ich habe einfach gehofft, dass die während dem Spiel nicht mehr so darauf achten. Laut habe ich jeden Vornamen vorgelesen und geschaut, ob das Bild zu dem Gesicht passt. Und natürlich, ob der Junge das richtige Geburtsdatum und den richtigen Nachnamen sagt. Das ist aber eigentlich die einfachste Aufgabe.
Am Mittelkreis haben sich dann die Mannschaften rechts und links von mir aufgestellt. Die Gastmannschaft durfte die Farbe der Münze wählen. Rot oder schwarz. Und dann konnte ich das Spiel endlich anpfeifen. Zwei mal 25 Minuten lagen vor mir. Hinter einer Bande haben etwa 25 Eltern das Spiel verfolgt. Ich hatte eigentlich fest damit gerechnet, dass es da ganz schön laut werden würde - aber nichts. Kein Geschreie, keine Beschwerden und keine dummen Sprüche.
Die kamen erst von zwei älteren Jungs, die am Spielfeldrand vorbeigingen. 'Och, guck mal, eine Schiedsrichterin', meinte der eine. Sie haben sich dann ein bisschen gewundert, und der andere meinte noch: 'Und auch noch so eine Hübsche.'
Kräftig in die Pfeife pusten, das verschafft Respekt
Von den Jungs auf dem Spielfeld habe ich mich völlig ernst genommen gefühlt. Die haben wahnsinnig fair gespielt, trotzdem musste ich ziemlich oft pfeifen. Anstoß, Tor, Anstoß, Tor, so ging das fast das ganze Spiel. Am Schluss stand es 8:0. Ein paar Mal musste ich eingreifen, einige Einwürfe und ein indirekter Freistoß. Da habe ich immer an den Lehrgang gedacht. Dort haben sie uns ganz oft gezeigt, wie wir kräftig in die Pfeife pusten müssen, damit wir uns Respekt verschaffen.
Wenn ich schon pfeife, dann muss ich es auch konsequent durchziehen, erst recht als Mädchen. Etwas Selbstbewusstsein kann da nicht schaden, manchmal muss ich als Schiedsrichterin sogar ein bisschen mutig sein, auch wenn ich nur Bruchteile von Sekunden Zeit habe zum Nachdenken. Erst nach dem Spiel habe ich mich nochmal an die ein oder andere Situation erinnert und über meine Entscheidung nachgedacht. Da war zum Beispiel ein kleines Gerangel, bei dem ich nochmal überlegt habe, ob das nicht doch ein Foul war.
Nach fünfzig Minuten habe ich dann abgepfiffen, die Zeit ging viel schneller rum, als ich dachte. Nach dem Spiel musste ich in der Kabine nur noch den Spielbericht ausfüllen, in den nicht nur das Endergebnis, sondern auch andere Details wie der Halbzeitstand eingetragen werden müssen. Und auch als ich gegangen bin, hat mich keiner mehr wegen Fehlentscheidungen oder meiner Leistung angesprochen. Eine schöne Premiere.
Mein nächstes Spiel wird erst in der Rückrunde stattfinden, also im Februar oder März. Ob Jungs oder Mädchen ist mir eigentlich egal. Mädchen foulen zwar nicht so viel, dafür gibt es mehr Gezicke und Beleidigungen. Aber auch darauf wäre ich vorbereitet."
Aufgezeichnet von Anne-Kathrin Gerstlauer
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