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Minderjährige Flüchtlinge: "Irgendwann war es mir egal, ob ich sterbe"

Von Sebastian Gubernator

Unbegleiteter Flüchtling: Mohammads Weg nach Wuppertal Fotos
DPA

Seine Flucht war eine Odyssee von Afghanistan nach Wuppertal: Schleuser brachten Mohammad durch die Türkei, auf einem Ruderboot kam er nach Griechenland. Jetzt sucht der 17-Jährige ein Leben in der deutschen Normalität.

Eigentlich ist es ein Wunder, dass er lachen kann. Nach allem, was geschehen ist. Die Erinnerungen sind noch frisch für Mohammad, 17, aufgewachsen in Afghanistan, wohnhaft in Wuppertal. Der Krieg hat seinen Lebenslauf zerstört.

Er steht im Klassenraum 228 einer Berufsschule. Deutschstunde in der FK1, einer Förderklasse für junge Ausländer, die noch nicht lange in Deutschland leben. Viele sind aus ihrer Heimat geflohen, Syrer vor Bürgerkriegsbomben, Roma vor Ausgrenzung, Mohammad vor den Taliban. In der Förderklasse lernen sie den Unterschied zwischen "der", "die" und "das", was ein Opernhaus ist, wie man kocht.

"Wie viel kostet das?"

Iris Braun, die Deutschlehrerin, hat Tische zusammenschieben lassen, ein improvisierter Flohmarkt, auf dem Tassen und Jacken liegen, eine alte Kamera und ein Plüschtier. Monopoly-Geld wechselt den Besitzer. Die Schüler lachen und sagen Sätze auf, die jeden Tag in deutschen Kaufhäusern fallen, ohne dass sich jemand Gedanken machen muss über Vokabeln oder den korrekten Satzbau.

"Kann ich das mal sehen?"

"Wie viel kostet das?"

"50 Euro."

Mohammad spielt Verkäufer, "kein Rabatt, kein Rabatt", ruft er und hört nicht auf zu grinsen. Seit einem Jahr lebt er in Deutschland, ein fleißiger, lebensfroher Mensch, der besser Deutsch spricht als die meisten seiner Klassenkameraden. Er mag Jackie Chan und Borussia Dortmund. Er lacht viel. Das ist die eine Seite.

Aber Mohammad hat Dinge erlebt, die sich in Deutschland kaum jemand vorstellen kann. Im Fachjargon ist er ein UMF, ein Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtling. Mohammad ist einer von 14.000 in Deutschland. Die Zahl stammt vom Bundesverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge, einem Verein, der ihre Interessen in Deutschland vertritt. Die Gruppe macht mit knapp 5000 Gesuchen zwar nur einen Bruchteil der 200.000 Asylsuchenden aus, die 2014 beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) einen Asylantrag gestellt haben. Doch seit 2008 hat sich ihre Zahl verfünffacht.

Sie entkamen den Kriegen und der Verfolgung in Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea, Somalia. Ihre Eltern starben auf der Flucht oder schickten sie allein los, weil sie zu Hause nicht sicher waren.

Geburtsurkunde im Schuh versteckt

Mohammads Geschichte lässt sich nur anhand seiner Erinnerungen rekonstruieren. Aus seiner Vergangenheit gibt es keine Dokumente außer der Geburtsurkunde, die er während der Flucht in einem seiner Schuhe trug, verpackt in ein Plastiktütchen. "Pass gut darauf auf, ohne das bist du nichts", hatte ihm sein Onkel gesagt.

Da hatten die Taliban schon das Dorf im Osten Afghanistans überfallen, in dem Mohammad aufgewachsen war: 25 Häuschen zwischen Bergen, eine Jugend in der Koranschule und hinter dem Ochsenpflug. Sein Vater, der in einer Miliz gegen die Taliban gekämpft hatte, war schon vor dem Angriff untergetaucht. Und sein Onkel traf eine Entscheidung: Mohammad, der älteste Sohn, war nicht mehr sicher in Afghanistan. Er musste fliehen.

So erzählt Mohammad es zwei Jahre später. In einem Jugendheim wohnt er in einem Zimmer mit Bett, Schrank und Schreibtisch, in der Ecke ein Röhrenfernseher, auf der Fensterbank etwas Frühlingsschmuck. Eine Art Normalität auf 17 Quadratmetern. Neben Mohammad sitzt sein Vormund, eine Frau mit halblangem Haar, die sich um ihn kümmert, als wäre er ihr Kind: Sie hilft bei den Hausaufgaben, geht mit ihm zur Ausländerbehörde und in den Zoo. Sie macht das ehrenamtlich.

Mohammad erzählt seine Geschichte - Einfaches auf Deutsch, Schwieriges auf Persisch: Wie er sich mit anderen Flüchtlingen durch Afghanistan, Iran und die Türkei treiben ließ. Wie die Schleuser zuschlugen, wenn jemand nicht mehr laufen konnte. Wie er schließlich in ein Paddelboot stieg und auf einer griechischen Insel landete, deren Namen er nicht weiß.

In einer Zelle in Griechenland

Als Mohammad über seine Flucht spricht, senkt er den Blick und schlingt die Arme um seinen Körper, als wolle er die Erinnerungen abwehren. Die griechische Polizei habe ihn ins Gefängnis gesteckt, flüstert er, sechs Monate in engen, dreckigen Zellen.

Was sich wie ein Gefängnis anfühlte, könnte eines der griechischen Flüchtlingslager gewesen sein, die Menschenrechtsorganisationen seit Jahren kritisieren. Pro Asyl spricht von "geschlossenen Haftanstalten", in denen Flüchtlinge "erneut Opfer von Missbrauch" werden.

In seinem Zimmer in Wuppertal wispert Mohammad: "Irgendwann war es mir egal, ob ich lebe oder sterbe." Es ist, als entzögen die Erinnerungen ihm alles, was er vorhin noch hatte: die Kraft, die Freude, das selbstbewusste Lachen. Niemand weiß genau, wie viele minderjährige Flüchtlinge traumatisiert sind, eine amtliche Statistik für seelische Abgründe gibt es nicht.

Der Zufall hat Mohammad nach Wuppertal gebracht. Er kam in einem Lastwagen von Griechenland nach Italien, von dort nahm er ohne Ticket einen Zug nach Deutschland, der letzte Abschnitt seiner langen Reise.

Was denkt er über die Zukunft? Mohammad starrt den weinroten Teppich an. Es ist, als lähme ihn die Erinnerung. Sein Vormund sagt, er wolle hier bleiben und einen Schulabschluss machen. Vielleicht studieren.

Mohammad sitzt auf seinem Bett und schweigt.

Asylanträge unbegleiteter Minderjähriger 2013
Herkunftsland* Erstanträge
Afghanistan 691
Somalia 354
Syrien 287
Eritrea 138
Ägypten 119
Pakistan 88
Irak 86
Guinea 73
Äthiopien 53
Russische Föderation 47
Serbien 46
Iran 41
Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

* 12 häufigste Herkunftsländer

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