Ich war in der sechsten Klasse, 13 Jahre alt, und hatte gerade so meinen Platz an der neuen Schule gefunden. Die Mädels machten ein Drittel der Klasse aus, und so hatten sich schnell feste Grüppchen gebildet. Die Freundschaft zwischen mir und meiner besten Freundin war noch ganz frisch.
Gegen Ende des Schuljahrs kam sie. Die Neue. Hergezogen aus Bayern. Ich nenne sie hier Lisa. Am Anfang waren wir alle unvoreingenommen. Ich besuchte Lisa einmal zu Hause, wir machten Psychotests in Zeitschriften... ganz normal eigentlich.
Dass wir keine richtigen Freunde werden, wurde mir bald klar. Sie war mir zu aufdringlich. Von da an mied ich sie.
Auch einige meiner Mitschüler konnten sie nicht leiden. Wer genau mit dem Mobben angefangen hat? Ich weiß es nicht mehr. Lisa zu beleidigen wurde eine Art Sport: Hier mal ein Witz über ihre bayerische Aussprache, dort mal eine (neidische?) Bemerkung über ihre Unterrichtsbeiträge. Plötzlich war fast die ganze Klasse gegen Lisa.
Gleichzeitig haben meine beste Freundin und ich ein Briefebuch angefangen, in das wir uns Nachrichten schrieben. Darin gaben wir den anderen Mädels Sympathie-Noten. Lisa schnitt nicht gut ab. Ich stufte sie eifersüchtig herab, weil ich Angst hatte, meine beste Freundin an sie zu verlieren.
Und ja: Lisa nervte mich! Weil sie einem hinterherlief und ständig Fragen stellte. Die Jungs erfanden Spottreime und wiegelten sich gegenseitig zu immer größeren Gemeinheiten auf, die Mädels lästerten. Bis die Situation irgendwann eskalierte: In einer Unterrichtsstunde verließ der Lehrer kurz den Raum. Das nutzten die Jungs, um eine Ladung Papierkügelchen auf Lisa zu schießen. Als unser Lehrer wiederkam, schrie er uns an - wegen der Sauerei. Nicht wegen Lisa. Auch die anderen Lehrer bekamen davon nichts mit. Oder wollten nichts mitbekommen.
Mir war nicht klar, dass wir so grausam waren
Lisa ließ nicht locker: Sie lief mir hinterher und fragte, wieso ich nichts mit ihr zu tun haben wolle. Ich antwortete irgendwann "Weil du so aufdringlich bist."
Später schrieb Lisa jedem Mädchen einen persönlichen Brief, in dem stand, wie sie sich fühlte, in dem sie fragte, warum wir sie mieden. Ich merkte, wie schlecht es ihr gehen musste, beachtete sie aber trotzdem nicht mehr. Die anderen reagierten ähnlich.
Dann kam der große Elternabend. Einige Eltern hatten inzwischen - wahrscheinlich durch Lisas Mutter - vom Mobbing mitbekommen und waren schockiert. Wir bekamen alle gewaltige Standpauken von unseren Eltern. Meine erzählten mir, dass Lisa sogar daran dachte, die Schule zu wechseln, dass sie total verzweifelt war und sich jeden Tag in die Schule quälte. Langsam bekam ich Mitleid und vor allem ein schlechtes Gewissen. Ja, ich schämte mich. Mir war nicht klar gewesen, dass wir so grausam waren.
Nach dem Elternabend gingen wir einigermaßen normal mit Lisa um, machten keine Witze auf ihre Kosten und Lisa schrieb sogar in mein Freundebuch. Wenigstens einige versuchten, das Geschehene wiedergutzumachen.
Lisa ging trotzdem von unserer Schule, ich glaube, weil sie noch mal umgezogen ist. Wenn ich heute daran denke, kann ich nur den Kopf darüber schütteln, wie wir uns verhalten haben. Heute würde ich definitiv anders handeln und mich bemühen, neue Menschen in meinen Freundeskreis aufzunehmen. Oder sie zumindest in Ruhe zu lassen.
Text: anonym
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