Mobbing unter Jugendlichen: "Die Schule wurde meine persönliche Hölle"

3. Teil: Nicole: "Mein Selbstbewusstsein wurde pulverisiert"

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Frank Grätz

Mobbing unter Jugendlichen: "Ich drehte völlig durch"

Heute betrachte ich die vier Jahre Grundschule als die glücklichsten Jahre meiner Schulzeit. Es waren die einzigen, in denen ich nicht gemobbt wurde.

Nach sechs Monaten im vierten Schuljahr wurde ich in die fünfte Klasse versetzt, übersprang also ein Schuljahr. In meiner neuen Klasse waren viele neidisch, weil ich meine Schulzeit abkürzen konnte. Am ersten Tag schrieb ich - als komplette Neuanfängerin - ein Englischdiktat fehlerfrei. Sofort wurde mir vorgeworfen: "Du bildest dir doch ein, was Besseres zu sein, weil du bessere Noten hast."

Ich war ein Jahr jünger als alle anderen. Mich zu integrieren, war schon deshalb schwierig. Und es wurde mir auch nicht leicht gemacht: Eine Klassenkameradin lud mich zu sich nach Hause ein. Am nächsten Tag verkündete sie allen, sie habe nur wissen wollen, ob ich wirklich so bescheuert sei. Ein anderes Mal wurde grölend das Biologiebuch herumgereicht, in dem eine nackte Neunjährige abgebildet war - ich war die einzige Neunjährige. Fiese Sprüche waren ganz normal. Immer wenn es sich ergab, bekam ich Schläge. Die Lehrer haben es nie gesehen.

An der Uni wird es hoffentlich anders

Die Schule wurde meine persönliche Hölle. Falls ich mir vorher eingebildet hatte, besser als die anderen zu sein, war das auf jeden Fall vorbei - mein Selbstbewusstsein wurde pulverisiert.

Noch schlimmer wurde es, als ich mich in einen Mitschüler verliebte. Er diskutierte mit seinen Freunden, warum ich so eklig sei, dass man nie etwas mit mir anfangen könnte - während ich anwesend war. Wenn wir gerade schon bei unschönen Erinnerungen sind: Vielen "Dank" an das nette Mädel aus meinem Deutschkurs, das mir mitteilte, ich solle mich mal wieder waschen. Natürlich so, dass es jeder mitbekam.

Mit jeder Attacke schwand die Hoffnung auf Anerkennung. In unserer Abi-Zeitung gab es für jeden Schüler Charakteristika. Demjenigen, der über mich schrieb, dass keiner Mobbing so lang und so gut ausgehalten habe, hätte ich am liebsten eine heruntergehauen. Die Lehrer haben mir nie geholfen. Wir hatten nur Gesprächskreise, in denen ganz allgemein gesagt wurde, dass Mobbing schlecht sei und man das nicht machen soll. Von meinen Eltern kamen nur die Standardratschläge: "Ignorier es" und "Wehr dich". Wie? Das wussten sie nicht.

Ohne meine besten Freunde hätte ich die Schule wahrscheinlich abgebrochen. An der Uni wird es hoffentlich anders.

Text: Nicole Prehn für das Jugendmagazin "Spiesser"

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insgesamt 166 Beiträge
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1. Na und?
Alexander Axt 23.12.2012
Auch ich wurde in meiner Schulzeit gemobbt. Das ist längst vergessen und ich habe dadurch gelernt. Es ist mir nie wieder passiert. Als man es während meiner Grundausbildung erneut versuchte, setzte es ein paar gut gezielte Nasenstüber. Ruhe war und ich hatte den Respekt meiner Kameraden, weil die vier größten Idioten des Zuges Wochenlang mit geschienten Nasen herumlaufen mussten. Solche Erfahrungen gehören zum Erwachsenwerden. Mutti kann da nicht helfen.
2. früher...
inecht 23.12.2012
... haben uns die Lehrer geprügelt, vor der ganzen Klasse niedergemacht, uns der Lächerlichkeit preisgegeben. Da einigte die Schüler das gemeinsame Feindbild. Wie viel grausamer, heute Schüler sein zu müssen.
3. -
fördeanwohner 23.12.2012
Richtiges Mobbing ist übel für die Betroffenen. Wenn alle anderen einen permanent schlecht machen und vielleicht noch körperlich drangsalieren, kann das nicht gutgehen. Das Problem ist aber, dass man den Mobbern in der Schule nicht wirklich beikommen kann, wenn deren Eltern nicht mitspielen. Und das ist leider zu häufig der Fall. Da werden dann Maßnahmen seitens der Schule einfach ausgehebelt. Mordrohungen in sozialen Netzwerken werden kommentiert mit: "Das ist doch nun wirklich nicht schlimm. Das sind doch nur Worte." In diesem Fall kann man Eltern von betroffenen Kindern nur empfehlen, Anzeige zu erstatten, wenn die Mobber 14 oder älter sind. Bei jüngeren Schülern ist das natürlich schwieriger. Das Thema "Mobbing" steht im Fokus, wird aufgearbeitet und diskutiert. Es gibt Prävention. Das ist alles berechtigt. Aber dadurch ergibt sich ein neues Problem. Schüler kennen die Problematik und verwenden Mobbing als Ausrede. "Ich werde gemobbt", dient z.B. dazu, nicht zur Schule gehen zu müssen. Eigentlich haben diese Kids ganz andere Probleme, meist durchs Elternhaus bedingt. Und dann gibt es noch Schüler, die von zuhause "geeicht" sind, selbst austeilen, aber behaupten gemobbt zu werden, wenn andere sich revanchieren. Da werden dann sogar Atteste vorgelegt, die das "Mobbing" belegen. In solchen Fällen kommt es dann schließlich genau dazu, dass diese Kinder von ihren Mitschülern ausgegrenzt werden. Ein Teufelskreis, den man nicht brechen kann. Nicht, dass man mich falsch versteht. Ich bin davon überzeugt, dass es Mobbing gibt. Aber mir ist es ein Anliegen aufzuzeigen, wie komplex das Thema eigentlich ist und was es erschwert, das Problem richtig anzugehen.
4. Und dass schlimme ist,
robrob 23.12.2012
Dass die hier dargestellten noch in "normalen Mobbing Ausmaß" sind. Ich kenne durchaus noch schlimmere Fälle. Zurückbleiben, wie im artikel ansatzweise angesprochen, emotionale Wracks.
5. Mobbing unter Strafe stellen!
BettyWuth 23.12.2012
Für den Tatbestand des Mobbings fehlen deutsche Gesetze, die ein solches Tun deutlich und massiv unter Strafe stellen. Hier sind die Rechtshüter gefordert. Und nicht morgen, sondern am liebsten noch vorgestern! Denn was den betroffenen Opfern hiermit angetan wird, ist in keinem Falle hinzunehmen.
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Cybermobbing unter Jugendlichen
Was ist das?
Wenn jemand einen anderen Menschen absichtlich und über längere Zeit beleidigt, bedroht, bloßstellt oder belästigt, und wenn das im Internet oder per Handy geschieht, spricht man von Cybermobbing. Gerade unter Kindern und Jugendlichen kennen sich Opfer und Täter meist aus Schule, Verein oder Wohnviertel. Cybermobbing zwischen Personen, die sich noch nie gesehen haben, ist sehr selten.
Wie entsteht es?
Spannungen in der Klasse verlagern sich oft ins Internet, wo unbeliebte Schüler dann verspottet und belästigt werden. Manchmal brechen auch Freundschaften auseinander und ehemals gute Freunde tragen ihren Konflikt im Netz aus. In manchen Gruppen gehört es zum alltäglichen Umgang, sich gegenseitig herunterzumachen. Cybermobbing kann aber auch aus Unachtsamkeit oder Langeweile entstehen. Oft ist Jugendlichen nicht bewusst, wie verletzend ein flapsiger Kommentar sein kann.
Wie erkennt man es?
Opfer von Cybermobbing sind oft bedrückt, ungewöhnlich schweigsam oder angespannt. Viele können schlecht schlafen und haben morgens vor der Schule Schmerzen oder andere Beschwerden. Sie werden selten zu Geburtstagen oder Partys eingeladen und wollen lieber von ihren Eltern angeholt werden, statt mit dem Schulbus zu fahren. Wenn man sie darauf anspricht, spielen Jugendliche ihre Situation vor Erwachsenen oft herunter.
Wie schützt man sich?
Gebt möglichst wenige persönliche Daten im Internet preis, ladet möglichst wenige Bilder und Videos von euch hoch und macht niemals eure vollständige Adresse oder Handynummer öffentlich. Überprüft eure Sicherheitseinstellungen und gebt euren Privatbereich nicht für jeden frei.
Wie kann man sich wehren?
Nehmt beleidigende E-Mails, Bilder oder Posts nicht einfach hin, aber antwortet auch nicht direkt darauf. Fragt lieber zuerst eure Eltern, einen Lehrer oder einen guten Freund, wie ihr damit umgehen sollt. Redet mit Menschen an, denen ihr vertraut, und fresst den Ärger nicht in euch hinein. Speichert SMS oder E-Mails und macht Screenshots von Seiten, auf denen ihr beleidigt werdet. Sperrt Leute, die euch belästigen du meldet Kommentare an den Betreiber der Webseite. Geht in besonders ernsten Fällen zur Polizei und erstattet Anzeige.
Was droht den Tätern?
Cybermobbing ist kein Staftatbestand, aber in Cybermobbing vereinigen sich einzelne Straftaten. Dazu gehören zum Beispiel Beleidigung, üble Nachrede, Verleumdung, Nötigung, Bedrohung oder Gewaltdarstellung. Alle diese Vergehen können mit bis zu einem Jahr im Gefängnis bestraft werden, in manchen Fällen sogar härter. Kinder unter 14 Jahren sind grundsätzlich strafunmündig. Bei Jugendlichen steht nicht die Bestrafung, sondern der Erziehungsgedanke im Vordergrund. In Betracht kommen deshalb in erster Linie erzieherische Weisungen und Auflagen im Sinne des Jugendstrafrechts.

Quellen: www.klicksafe.de, www.polizei-beratung.de

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