Heute betrachte ich die vier Jahre Grundschule als die glücklichsten Jahre meiner Schulzeit. Es waren die einzigen, in denen ich nicht gemobbt wurde.
Nach sechs Monaten im vierten Schuljahr wurde ich in die fünfte Klasse versetzt, übersprang also ein Schuljahr. In meiner neuen Klasse waren viele neidisch, weil ich meine Schulzeit abkürzen konnte. Am ersten Tag schrieb ich - als komplette Neuanfängerin - ein Englischdiktat fehlerfrei. Sofort wurde mir vorgeworfen: "Du bildest dir doch ein, was Besseres zu sein, weil du bessere Noten hast."
Ich war ein Jahr jünger als alle anderen. Mich zu integrieren, war schon deshalb schwierig. Und es wurde mir auch nicht leicht gemacht: Eine Klassenkameradin lud mich zu sich nach Hause ein. Am nächsten Tag verkündete sie allen, sie habe nur wissen wollen, ob ich wirklich so bescheuert sei. Ein anderes Mal wurde grölend das Biologiebuch herumgereicht, in dem eine nackte Neunjährige abgebildet war - ich war die einzige Neunjährige. Fiese Sprüche waren ganz normal. Immer wenn es sich ergab, bekam ich Schläge. Die Lehrer haben es nie gesehen.
An der Uni wird es hoffentlich anders
Die Schule wurde meine persönliche Hölle. Falls ich mir vorher eingebildet hatte, besser als die anderen zu sein, war das auf jeden Fall vorbei - mein Selbstbewusstsein wurde pulverisiert.
Noch schlimmer wurde es, als ich mich in einen Mitschüler verliebte. Er diskutierte mit seinen Freunden, warum ich so eklig sei, dass man nie etwas mit mir anfangen könnte - während ich anwesend war. Wenn wir gerade schon bei unschönen Erinnerungen sind: Vielen "Dank" an das nette Mädel aus meinem Deutschkurs, das mir mitteilte, ich solle mich mal wieder waschen. Natürlich so, dass es jeder mitbekam.
Mit jeder Attacke schwand die Hoffnung auf Anerkennung. In unserer Abi-Zeitung gab es für jeden Schüler Charakteristika. Demjenigen, der über mich schrieb, dass keiner Mobbing so lang und so gut ausgehalten habe, hätte ich am liebsten eine heruntergehauen. Die Lehrer haben mir nie geholfen. Wir hatten nur Gesprächskreise, in denen ganz allgemein gesagt wurde, dass Mobbing schlecht sei und man das nicht machen soll. Von meinen Eltern kamen nur die Standardratschläge: "Ignorier es" und "Wehr dich". Wie? Das wussten sie nicht.
Ohne meine besten Freunde hätte ich die Schule wahrscheinlich abgebrochen. An der Uni wird es hoffentlich anders.
Text: Nicole Prehn für das Jugendmagazin "Spiesser"
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