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23. Dezember 2012, 07:30 Uhr

Mobbing unter Jugendlichen

"Die Schule wurde meine persönliche Hölle"

Gemobbt zu werden fühlt sich mies an - zu mobben auch, aber manchmal erst viel später. Dem Jugendmagazin "Spiesser" haben zwei Täter und ein Opfer erzählt, wie sie ausgeteilt haben und was sie einstecken mussten.

Ein fieser Witz hier, ein böser Blick da - Mobbing fängt klein an und hat für die Opfer und manchen Täter große Folgen. Wer gemobbt wurde, muss sein Selbstwertgefühl erst mühsam wieder zusammenpuzzeln. So ging es Nicole, die für das Jugendmagazin "Spiesser" aufgeschrieben hat, wie sehr sie in der Schule unter Hänseleien und Beleidigungen litt. "Mit jeder Attacke schwand die Hoffnung auf Anerkennung", erinnert sie sich.

Die 20-jährige Jana hat selbst gemobbt und sie plagen jetzt, Jahre später, deswegen Gewissensbisse. Im Internet machte sie Klassenkameraden fertig, ihren Ex-Freund und seine neue Freundin. "Es war so einfach, einen gemeinen Kommentar zu schreiben", sagt sie.

Auch eine ehemalige Schülerin, die ihren Namen nicht nennen möchte, hat in der sechsten Klasse ein Mädchen gemobbt. "Lisa zu beleidigen, wurde eine Art Sport", sagt sie heute. Erst als die Eltern sie zur Rede stellten, bekam sie langsam Mitleid mit ihrer Klassenkameradin.

Dem "Spiesser" haben alle drei erzählt, wie sie sich als Opfer oder als Täter fühlten:

Anonym: "Ja, Lisa nervte mich!"

Ich war in der sechsten Klasse, 13 Jahre alt, und hatte gerade so meinen Platz an der neuen Schule gefunden. Die Mädels machten ein Drittel der Klasse aus, und so hatten sich schnell feste Grüppchen gebildet. Die Freundschaft zwischen mir und meiner besten Freundin war noch ganz frisch.

Gegen Ende des Schuljahrs kam sie. Die Neue. Hergezogen aus Bayern. Ich nenne sie hier Lisa. Am Anfang waren wir alle unvoreingenommen. Ich besuchte Lisa einmal zu Hause, wir machten Psychotests in Zeitschriften... ganz normal eigentlich.

Dass wir keine richtigen Freunde werden, wurde mir bald klar. Sie war mir zu aufdringlich. Von da an mied ich sie.

Auch einige meiner Mitschüler konnten sie nicht leiden. Wer genau mit dem Mobben angefangen hat? Ich weiß es nicht mehr. Lisa zu beleidigen wurde eine Art Sport: Hier mal ein Witz über ihre bayerische Aussprache, dort mal eine (neidische?) Bemerkung über ihre Unterrichtsbeiträge. Plötzlich war fast die ganze Klasse gegen Lisa.

Gleichzeitig haben meine beste Freundin und ich ein Briefebuch angefangen, in das wir uns Nachrichten schrieben. Darin gaben wir den anderen Mädels Sympathie-Noten. Lisa schnitt nicht gut ab. Ich stufte sie eifersüchtig herab, weil ich Angst hatte, meine beste Freundin an sie zu verlieren.

Und ja: Lisa nervte mich! Weil sie einem hinterherlief und ständig Fragen stellte. Die Jungs erfanden Spottreime und wiegelten sich gegenseitig zu immer größeren Gemeinheiten auf, die Mädels lästerten. Bis die Situation irgendwann eskalierte: In einer Unterrichtsstunde verließ der Lehrer kurz den Raum. Das nutzten die Jungs, um eine Ladung Papierkügelchen auf Lisa zu schießen. Als unser Lehrer wiederkam, schrie er uns an - wegen der Sauerei. Nicht wegen Lisa. Auch die anderen Lehrer bekamen davon nichts mit. Oder wollten nichts mitbekommen.

Mir war nicht klar, dass wir so grausam waren

Lisa ließ nicht locker: Sie lief mir hinterher und fragte, wieso ich nichts mit ihr zu tun haben wolle. Ich antwortete irgendwann "Weil du so aufdringlich bist."

Später schrieb Lisa jedem Mädchen einen persönlichen Brief, in dem stand, wie sie sich fühlte, in dem sie fragte, warum wir sie mieden. Ich merkte, wie schlecht es ihr gehen musste, beachtete sie aber trotzdem nicht mehr. Die anderen reagierten ähnlich.

Dann kam der große Elternabend. Einige Eltern hatten inzwischen - wahrscheinlich durch Lisas Mutter - vom Mobbing mitbekommen und waren schockiert. Wir bekamen alle gewaltige Standpauken von unseren Eltern. Meine erzählten mir, dass Lisa sogar daran dachte, die Schule zu wechseln, dass sie total verzweifelt war und sich jeden Tag in die Schule quälte. Langsam bekam ich Mitleid und vor allem ein schlechtes Gewissen. Ja, ich schämte mich. Mir war nicht klar gewesen, dass wir so grausam waren.

Nach dem Elternabend gingen wir einigermaßen normal mit Lisa um, machten keine Witze auf ihre Kosten und Lisa schrieb sogar in mein Freundebuch. Wenigstens einige versuchten, das Geschehene wiedergutzumachen.

Lisa ging trotzdem von unserer Schule, ich glaube, weil sie noch mal umgezogen ist. Wenn ich heute daran denke, kann ich nur den Kopf darüber schütteln, wie wir uns verhalten haben. Heute würde ich definitiv anders handeln und mich bemühen, neue Menschen in meinen Freundeskreis aufzunehmen. Oder sie zumindest in Ruhe zu lassen.

Text: anonym

Nicole: "Mein Selbstbewusstsein wurde pulverisiert"

Heute betrachte ich die vier Jahre Grundschule als die glücklichsten Jahre meiner Schulzeit. Es waren die einzigen, in denen ich nicht gemobbt wurde.

Nach sechs Monaten im vierten Schuljahr wurde ich in die fünfte Klasse versetzt, übersprang also ein Schuljahr. In meiner neuen Klasse waren viele neidisch, weil ich meine Schulzeit abkürzen konnte. Am ersten Tag schrieb ich - als komplette Neuanfängerin - ein Englischdiktat fehlerfrei. Sofort wurde mir vorgeworfen: "Du bildest dir doch ein, was Besseres zu sein, weil du bessere Noten hast."

Ich war ein Jahr jünger als alle anderen. Mich zu integrieren, war schon deshalb schwierig. Und es wurde mir auch nicht leicht gemacht: Eine Klassenkameradin lud mich zu sich nach Hause ein. Am nächsten Tag verkündete sie allen, sie habe nur wissen wollen, ob ich wirklich so bescheuert sei. Ein anderes Mal wurde grölend das Biologiebuch herumgereicht, in dem eine nackte Neunjährige abgebildet war - ich war die einzige Neunjährige. Fiese Sprüche waren ganz normal. Immer wenn es sich ergab, bekam ich Schläge. Die Lehrer haben es nie gesehen.

An der Uni wird es hoffentlich anders

Die Schule wurde meine persönliche Hölle. Falls ich mir vorher eingebildet hatte, besser als die anderen zu sein, war das auf jeden Fall vorbei - mein Selbstbewusstsein wurde pulverisiert.

Noch schlimmer wurde es, als ich mich in einen Mitschüler verliebte. Er diskutierte mit seinen Freunden, warum ich so eklig sei, dass man nie etwas mit mir anfangen könnte - während ich anwesend war. Wenn wir gerade schon bei unschönen Erinnerungen sind: Vielen "Dank" an das nette Mädel aus meinem Deutschkurs, das mir mitteilte, ich solle mich mal wieder waschen. Natürlich so, dass es jeder mitbekam.

Mit jeder Attacke schwand die Hoffnung auf Anerkennung. In unserer Abi-Zeitung gab es für jeden Schüler Charakteristika. Demjenigen, der über mich schrieb, dass keiner Mobbing so lang und so gut ausgehalten habe, hätte ich am liebsten eine heruntergehauen. Die Lehrer haben mir nie geholfen. Wir hatten nur Gesprächskreise, in denen ganz allgemein gesagt wurde, dass Mobbing schlecht sei und man das nicht machen soll. Von meinen Eltern kamen nur die Standardratschläge: "Ignorier es" und "Wehr dich". Wie? Das wussten sie nicht.

Ohne meine besten Freunde hätte ich die Schule wahrscheinlich abgebrochen. An der Uni wird es hoffentlich anders.

Text: Nicole Prehn für das Jugendmagazin "Spiesser"

Jana, 20: "Sofort war sie ein arrogantes Miststück"

Warum ich andere beleidigt, runtergemacht und bedroht habe? Das kann ich schwer erklären. Manchmal waren es schlicht Abneigung, Neid oder Eifersucht. Manchmal hab ich einfach nur mitgemacht, weil meine Freunde eine bestimmte Person nicht mochten. Das alles geschah fast nur online.

Es war so einfach, einen gemeinen Kommentar zu schreiben. Beleidigungen unter Bilder zu posten. Oder einfach nur die fiesen Sachen von anderen zu "liken". Heute weiß ich, es lag daran, dass ich den Opfern nicht in die Augen sehen musste. Ich stand niemandem gegenüber, der mir bei einem Spruch sofort einen Konter geben konnte. Ich erhielt Bestätigung von anderen, denn oft wurden meine Kommentare auch "geliked".

Außerhalb des World Wide Webs passierte nichts, es hatte keine Konsequenzen für mich. Auf dem Schulhof kommt ein Lehrer und geht dazwischen. Wenn ich im Verein jemanden fertigmache, kommt der Trainer und verwarnt mich. Aber wenn ich online jemanden stundenlang beleidige und nerve, kommt niemand. Bei einigen Chats wurde ich vom Administrator rausgeworfen, bei SchülerVZ wurde ich mehr als einmal gelöscht. Aber was macht das schon? Dann habe ich mich eben unter einem anderen Namen neu angemeldet. Meine Familie weiß bis heute nichts von all dem.

Online verbreitete ich Gerüchte

Als ich 16 war, wusste mein eigener Freund nichts von meiner "anderen Seite". Bis er mein Ex-Freund war. Danach drehte ich völlig durch. Ich terrorisierte ihn, bedrohte ihn. Und als er eine neue Freundin hatte, wurde auch sie mein Feind. Dabei kannte ich sie gar nicht. Jetzt mit 20 weiß ich, dass das total bescheuert war. Ich war emotional überfordert, einfach verletzt.

Die Anlässe konnten aber auch nichtig sein. Wie im Fall des Mädchens aus der Parallelklasse, das die megageilen Stiefel hatte, die ich unbedingt wollte, die aber zu teuer waren. Sofort war sie ein Snob, ein arrogantes Miststück. Online verbreitete ich Gerüchte, dass ihre Noten erkauft seien und so weiter. Einer anderen verpasste ich online den Stempel "Schulschlampe", weil sie mit meinem Freund gesprochen hatte.

Ich habe das Gefühl, dass wenn man noch zur Schule geht Nichtigkeiten total wichtig sind. Als ich meine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau begann, änderte sich alles. Ich kam in ein neues Umfeld, lernte neue Menschen kennen. Eines Tages, als ich an der Kasse saß, war eine, die ich fertig gemacht hatte, Kundin. Es war mir unendlich peinlich. Ich hatte Angst, dass sie mich jetzt vor meinem Chef und den Kollegen blamiert. Aber sie tat nichts, sie würdigte mich keines Blickes.

Inzwischen bereue ich, was ich getan habe. Das Gefühl, im Internet von aller Moral losgelöst zu sein, ist weg. Das war dumm, gemein und unüberlegt - ich hatte nicht bedacht, dass man sich im Leben immer zweimal sieht.

Heute habe ich selbst Angst. Davor, einmal Opfer von jemandem wie mir zu werden. Und davor, dass meine Familie erfährt, was ich gemacht habe.

Text: Paula Leutner für das Jugendmagazin "Spiesser"

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