Mobbing in der Schule: Der tägliche Terror

Längst nicht immer werden Mobbing-Opfer in der Schule geschlagen oder getreten. Die Misshandlungen nehmen oft viel subtilere Formen an: Gerüchte, Lügen – oder einfach nur Stille. Wie können Eltern und Schule helfen?

Es gibt viele Formen von Mobbing in der Schule. Öffentlich bekannt werden meist Fälle, bei denen offene Gewalt im Spiel ist: Kinder werden von Mitschülern geschlagen oder getreten. Ihre Schulsachen werden beschädigt oder ihnen werden Dinge einfach weggenommen. Doch es gibt noch viel mehr Mobbing-Fälle, in denen solche äußeren Anzeichen fehlen.

Schüler (Archivbild): Von Mobbing betroffene Kinder gehen meist nur ungern zur Schule - und kommen oft auch mit schlechter werdenden Noten nach Hause
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Schüler (Archivbild): Von Mobbing betroffene Kinder gehen meist nur ungern zur Schule - und kommen oft auch mit schlechter werdenden Noten nach Hause

"Noch häufiger müssen Mobbing-Opfer verbale Gewalt und Ausgrenzung erleiden", sagt Johann Haffner, Psychologe in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Heidelberg. Dabei werden Kinder zum Beispiel beschimpft oder lächerlich gemacht. Es werden Lügen über sie in Umlauf gesetzt oder ihre Mitschüler reden nicht mehr mit ihnen.

Dabei ist nicht jedes Hänseln oder jeder Streit automatisch Mobbing. "Davon spricht man erst, wenn jemand über einen Zeitraum von mehreren Wochen oder Monaten systematisch schikaniert wird", sagt der Psychologe. Als weiteres Kriterium komme hinzu, dass ein Schwächerer einem überlegenen Einzelnen oder einer ganzen Gruppe gegenüberstehe.

Jedes Kind kann Opfer von Mobbing werden

Der Anlass für die Schikanen ist meist willkürlich gewählt: "Vielleicht ist ein Schüler neu in der Klasse, trägt eine Brille oder spricht mit einem anderen Dialekt", berichtet Haffner. "Der tiefere Grund für das Mobbing hat mehr mit dem Angreifer zu tun als mit dem Opfer", sagt Jo-Jacqueline Eckardt, Autorin des Buches "Mobbing bei Kindern". Der Angreifer möchte demnach zum Beispiel Macht ausüben oder sich in der Gruppe profilieren. Meist spielen daher auch andere Schüler eine wichtige Rolle. Sei es als Publikum, Mitläufer oder Mittäter.

Die wiederholten Angriffe verletzen die Opfer und demütigen sie. "Oft schämen sie sich dafür und suchen die Schuld für das Mobbing bei sich", sagt die Buchautorin Eckardt. Viele Kinder würden sich nach Angriffen zurückziehen und ihr Leiden verheimlichen. In manchen Fällen komme auch der Druck der Täter hinzu, niemandem etwas über die Vorfälle zu berichten.

Wichtig ist es, dass Eltern bei ihren Kindern auf Warnsignale für mögliches Mobbing achten. Und die kommen vielfältig daher: Äußere Zeichen können zum Beispiel Prellungen oder Kratzer am Körper sein und zerstörte oder verschwundene Sachen. Aufmerksam sollten Eltern auch werden, wenn ihr Kind nicht mehr von anderen eingeladen wird und sich Bekannte oder Freunde abwenden.

Betroffene Kinder gehen meist nur ungern zur Schule - und kommen oft auch mit schlechter werdenden Noten nach Hause. "Häufig leiden Mobbing-Opfer an psychosomatischen Beschwerden wie Schlafstörungen oder Bauchschmerzen", berichtet Haffner. Viele Kinder werden auch zunehmend ängstlich und unsicher.

Eltern müssen Vertrauen gewinnen

Wie können Eltern nun im Kampf gegen den täglichen Terror helfen? "Es ist für Eltern nicht immer einfach, das Vertrauen ihres Kindes zu gewinnen", sagt Eckardt. Auf keinen Fall dürfen sie sich durch ausweichende Antworten abwimmeln lassen. Häufig würden Kinder anfangs auch nur Andeutungen machen, um die Reaktion ihrer Eltern auszutesten. Daher sollte man Schwierigkeiten weder als harmlos abwerten, noch gleich in Panik verfallen.

Am besten ermutigt man sein Kind, möglichst viel von seinen Gefühlen und der Situation zu berichten. Auch könne man sich erkundigen, wem sich das Kind schon anvertraut hat oder was es unternommen habe. "Solche Fragen dürfen nicht mit Vorwürfen verbunden sein", warnt die Expertin aber. Es sei wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass in seiner Situation Gefühle wie Scham oder Hilflosigkeit ganz normal seien.

Anschließend sollten Eltern und Kinder überlegen, wie es weitergeht. Die Maßnahmen hängen immer vom konkreten Fall ab. "In einem frühen Stadium von Mobbing kann es ausreichen, wenn man mit seinem Kind das Verhalten in bestimmten Situationen übt", sagt Eckardt. So lassen sich zum Beispiel selbstbewusste Antworten auf Hänseleien trainieren oder man überlegt, wen das Kind um Hilfe bitten kann.

Streitschlichter und Klassengerichte sollen helfen

Häufig ist es auch gut, die Schule einzubinden. "Dafür können sich Eltern zum Beispiel an den Klassenlehrer oder Schulpsychologen wenden", empfiehlt die Autorin. Zusammen sollten sie überlegen, ob und wie ein Gespräch mit den beteiligten Kindern oder Eltern stattfinden könne. Das Ziel: Das Mobbing muss aufhören.

Wenn die Vorfälle eine ganze Schulklasse betreffen, sollten alle an den Gesprächen teilnehmen. "Dabei kann man hypothetisch über das Thema sprechen oder konkret über einen Fall", sagt Eckardt. Wichtig sei, dass die Kinder selbst Regeln für den Umgang miteinander aufstellen und Lösungen für schwierige Situationen finden. Dabei können zum Beispiel Streitschlichter oder Klassengerichte helfen, die sich in brenzligen Situationen einschalten.

Anja Schäfers, ddp

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