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24. Juli 2007, 14:14 Uhr

Mobbing unter Jugendlichen

Hassobjekt Mitschüler

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"Es tut mir leid, ich kann nicht mehr." Das war die letzte Botschaft, die Patrick von seinem Chatfreund bekam. Beide wurden von ihren Klassenkameraden gequält, gedemütigt - ebenso wie Alex. Heute helfen Patrick und Alex jugendlichen Mobbing-Opfern.

"Wenn man gemobbt wird, kommt einem ein Tag wie ein Jahr vor", sagt Patrick und schaltet seinen Blick auf unendlich. Die Zeit verschwimmt in seiner Erinnerung. Damals hat er viel gechattet, jeden Tag mehrere Stunden. So lange, dass sein Vater schon wütend war, weil der damals 14-Jährige den Computer dauerhaft blockierte. Auch Martin, sein Chat-Partner, hatte Probleme in der Schule, wie Patrick wurde er von seinen Mitschülern gedemütigt und beleidigt. Jeden Tag.

Die beiden Jungen verstanden sich blendend. Bis Patrick eine Nachricht bekam, als er selbst offline war: "Danke für deine Hilfe. Es tut mir leid, aber ich kann nicht mehr. Tschüss." Patrick wusste: Es war ein Abschiedsbrief. Was er tun sollte, wusste er nicht. Er kannte weder den Nachnamen noch die Adresse des Jungen. Von Martin hörte er nie wieder.

Das sei der "Wendepunkt" gewesen, sagt Patrick. Er gründete den Verein "Rolltreppe aufwärts", bastelte eine Homepage, auf der sich jugendliche Mobbing-Opfer über ihre Erfahrungen austauschen können und Hilfe und Tipps bekommen. Im Großraum Frankfurt treffen sich Patrick und die anderen vom Verein auch persönlich mit Mobbing-Opfern.

"Vielleicht wollten die Lehrer blind sein"

"Wenn man jeden Tag schikaniert wird, bildet man sich irgendwann ein, dass man selber schuld ist", sagt der 16-Jährige. Er macht zwischen den Sätzen lange Pausen, als wolle er sichergehen, dass jedes Wort sitzt: Die Mitschüler haben seine Stifte zerbrochen, bald wurde es zum Ritual, ihn in der Nähe des Schulhofs zu verprügeln: "Nach der siebten oder achten Stunde, da ist das Schulgelände wie tot." Keiner hat bemerkt, wenn er geschlagen, getreten, erniedrigt wurde. Irgendwann kam der Zusammenbruch, da war er fast 15.

Patricks Homepage: In Foren können die Jugendlichen diskutieren und finden auch persönliche Hilfe

Patricks Homepage: In Foren können die Jugendlichen diskutieren und finden auch persönliche Hilfe

"Ich war zu nett", sagt Patrick, wenn man ihn fragt, warum es alle auf ihn abgesehen hatten. Er habe immer allen vertraut, nie etwas Böses gedacht. Patrick schaut auf den Main und versucht, begreifbar zu machen, was man sich als Erwachsener kaum vorstellen kann: "Für die anderen war das der Spaß nach der Schule. Das war deren Belustigung. Die haben sich das angeschaut wie andere Leute einen Boxkampf im Fernsehen."

Patrick hat nie in den Kampf eingewilligt, er war nie der Herausforderer, aber immer der Verlierer. Manchmal mussten seine Verletzungen sogar vom Arzt behandelt werden. Die Lehrer waren "blind", sagt er. Und schiebt hinterher: "Vielleicht wollten sie auch blind sein." Inzwischen ist Patrick umgezogen, geht auf eine andere Schule - es geht ihm besser.

Die Hölle, das sind die anderen

Mehr als 500 Kilometer entfernt litt Alex am täglichen Terror, der Gang zur Schule wurde zum Horror. Es waren Leute aus seiner Klasse, Freunde und Geschwister von Leuten aus seiner Klasse und Freunde von Freunden und Geschwistern von Leuten aus seiner Klasse.

Wenn Alex erzählt, wie er über den Schulhof ging und all die abschätzigen Blicke sah und die boshaften Kommentare hörte, wird deutlich, wie er die Situation erlebt hat: Die, die ihn mit "Alex H. - Missgeburt" vor dem Physikraum begrüßten, kannten ihn meist gar nicht persönlich. Aber sie kannten ihn gut genug, um ihm das Leben zur Hölle zu machen. "Ich bin Alex H. und ich bin sooo hässlich", riefen sie. Ob "Hurensohn", "Penner" oder "Spasti": Diese Schimpfwörter habe er von "denen" gelernt, sagt Alex.

Als Unschuldsengel sieht er sich nicht. Er habe auch zurückgeschlagen, sich mit den anderen geprügelt. "Eigentlich bin ich nicht so der Schlägertyp", sagt der schmale Junge mit Zahnspange und Brille und schaut zu Boden. "Aber irgendwann war ich so wütend."

Alex' Eltern sagten immer wieder: "Sei einfach nett, dann sind sie auch nett zu dir." Versucht hat es der heute 15-Jährige. Immer wieder. Vier lange Schuljahre. Wenn neue Schüler in die Klasse kamen, gab Alex alles, um sie als Freunde zu gewinnen. Da hatten die anderen die Fronten schon geklärt: "Mit dem solltest du dich nicht anfreunden", haben sie gesagt. Und damit geprahlt, dass sie Alex zusammengeschlagen, ihn mit Bällen beworfen und sein Gesicht in den Dreck gedrückt haben.

"Es gab ein Problem. Und das Problem war ich."

Auf Drängen von Alex' Mutter, der Elternratsvorsitzenden, kam die Beratungslehrerin regelmäßig in die Klasse. Im Stuhlkreis ging es nur um eins: "Es gab ein Problem. Und das Problem war ich", sagt Alex. Das Ergebnis war für ihn nicht gerade erbaulich: "Sie haben zu mir gesagt, ich soll endlich normal sein." Dabei, meint er, sei doch jeder anders. "Wenn normal bedeutet, so zu sein, wie die waren, dann wollte ich nicht normal sein."

Immer wieder hat Alex bei Lehrern Hilfe gesucht. Ohne Erfolg. "Du darfst dich nicht so anstellen. Du gefällst dir doch in der Opferrolle" - mehr brachte der Erdkundelehrer nicht zustande. Zuvor hatte er Alex wegen seiner guten Ideen und Noten noch als "Lokomotive" des Unterrichts bezeichnet; ohne ihn würden "die Stunden nur halb so viel Spaß machen".

Homepage von Alex: "Wir wissen, wie das ist, wenn man gemobbt wird"

Homepage von Alex: "Wir wissen, wie das ist, wenn man gemobbt wird"

"Die Lehrer und Direktoren sagen alle, dass 'man' was tun muss. Aber im konkreten Fall wollen sie nicht", sagt Alex jetzt sehr bestimmt. Sie seien darum bemüht, den guten Ruf der Schule nicht zu gefährden, statt den Jugendlichen zu helfen. Auch die Eltern hätten wenig Verständnis für die Probleme in der Klasse gezeigt: Die Kinder seien halt in der Pubertät, da seien solche Auseinandersetzungen "ganz normal".

Was in der Klasse passierte, nennt Alex eine "Hetzkampagne". Nach dem Motto "Lass uns mal den Alex aus der Klasse dissen." Wenn er nicht mehr da gewesen wäre, hätte das auch niemanden gestört. Er überlegt einen Moment. "Das war Hass." Alle wurden ihre Aggressionen los, sie entluden sie an Alex.

"Na, hässliches Stück Scheiße?"

Und Alex? Der schluckte seine Wut und Verzweiflung. Er fraß sie in sich hinein - und bekam Bauchweh. Die Schmerzen kamen immer häufiger. Er litt unter Übelkeit, Fieber, Schüttelfrost, starken Kopfschmerzen. Einmal musste er stationär behandelt werden, weil er tagelang nichts gegessen hatte. Seine Eltern brachten ihn zum Durchchecken ins Krankenhaus: EEG, Magenspiegelung, Kernspin - ohne Ergebnis. Alex' Körper war gesund.

Ein Kinder- und Jugendpsychiater sprach es als erster aus: Mobbing könne Ursache all der Beschwerden sein, psychosomatische Schmerzen also. Er riet zu einem Schulwechsel und schrieb Alex für die sechs Wochen bis zu den Sommerferien krank. Doch auch danach hörte es zunächst nicht auf. "Na, hässliches Stück Scheiße? Hat man dich aus deiner ach so asozialen Klasse gemobbt? Och nein. Armer alter Wichser. Haste aber auch gar nichts gemacht, du blöder Penner", schrieb ihm ein früherer Klassenkamerad per Internet.

Die Wende kam für Alex am 5. Mai 2006, zwei Tage vor seiner Konfirmation. Sie kam per Post, als Päckchen und in Form eines Computers. Am letzten Tag an der alten Schule beschloss er, den Rechner zu nutzen, um anderen Jugendlichen zu helfen. Keiner sollte mehr das Gefühl haben, der Einzige zu sein, den alle anderen nicht mochten. Darum fing Alex an, zu recherchieren. Er las alles zum Thema Mobbing, was ihm in die Hände fiel. Ende vergangenen Jahres ging "Schüler-gegen-Mobbing.de" online. Auf der Seite können Betroffene chatten, sich austauschen - und Alex' Geschichte lesen.

In seiner neuen Schule geht es Alex gut. Er hat Freunde gefunden, auch die Bauchschmerzen sind weg.

Patrick und Alex haben sich getroffen, sich über ihre gleichnamigen Projekte und Erfahrungen ausgetauscht. Sie haben ein Ziel: Die "Schüler gegen Mobbing"-Seiten sollen anderen helfen, nicht den Mut zu verlieren.

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