Nachtwolf-Biker Dmitrij: "Putin ist ein Patriot"
Er gehört Moskaus berühmtestem Motorrad-Club an, den Nachtwölfen: Nach der Arbeit baut Dmitrij Greil, 20, dort an seinen eigenen Maschinen. Manchmal geht sogar Russlands Premierminister Wladimir Putin mit den Bikern auf Fahrt.
Motorradrocker Dmitrij: "Ich möchte einmal mit der Maschine um die Welt fahren"
"Es heißt, wir, die wir 1991 geboren wurden, seien besondere Kinder. Wir betraten die Welt an einem Wendepunkt der Geschichte. Und wir sind sehr wenige.
Ich wurde im Sternzeichen Schütze geboren, mit einem krankhaft vergrößertem Kopf und Rachitis, einer Mangelerkrankung der Knochen. Das war lebensgefährlich, die Ärzte sagten meinen Eltern, dass ich nicht länger als ein Jahr zu leben hätte. Ich habe überlebt.
Meine Mutter ist Ärztin. Als ich klein war, versteckte sie meine Krankenakte. Sie wusste, dass mich mit der Krankengeschichte kein Kindergarten in Moskau aufnehmen würde.
Meine Eltern sind sowjetische Menschen. Meine Mutter arbeitete 42 Jahre in einem staatlichen Krankenhaus, mein Vater 30 Jahre als Ingenieur bei Mosenergo, dem städtischen Energieversorger. Man hatte ihnen beigebracht, dass sie ihre Pflicht für die Gesellschaft zu erfüllen haben. Selbst in den neunziger Jahren, als Staatsbedienstete fast kein Geld bekamen, haben sie deshalb ihre Posten nicht verlassen, auch wenn das bedeutete, dass sie nachts und am Wochenende dazuverdienen mussten. Ohne solche Menschen wäre unsere Gesundheits- und Energieversorgung zusammengebrochen.
Sie haben nichts für sich auf die Seite gelegt. Alles, was sie machten, taten sie für uns Kinder. Manchmal scheint mir, dass es damals eine größere Brüderlichkeit unter den Menschen gab. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar: Sie haben einen guten Menschen aus mir gemacht.
"Das Chaos der neunziger Jahre hat das Land in Fetzen gerissen"
Ich glaube, die Sowjetunion war ein wunderbares Land. Ich schaue positiv auf Stalin, er schuf den stärksten Staat der Menschheit, den man vielleicht nur noch mit Rom vergleichen kann. Die Sowjetunion war furchtbar stark, ihre Stärke beruhte auf Angst.
Meine eigenen Vorfahren haben darunter gelitten. Mein Großvater war ein Russlanddeutscher. Nach dem Krieg wurde die Familie unterdrückt. Sie wurde nach Kasachstan geschickt, um die Steppe zu erobern.
Dieses Land wurde unter Schmerzen geboren, durch Leiden und Blut. Aber bei all dem Schlechten war es stark. Warum haben sie es zerstört?
Mit vier, fünf Jahren habe ich zum ersten Mal auf dem Motorrad meines Vaters gesessen. Damals kehrte ein Freund meiner Eltern von einer Dienstreise ins Ausland zurück. Er überreichte meinem Bruder und mir feierlich zwei Kaugummis aus dem Westen. Hätte er sie zwei Außerirdischen gegeben, sie hätten nicht verwirrter ausgesehen als wir. Wir konnten damit erst gar nichts anfangen. Mandarinen bekamen wir nur an Neujahr zu Gesicht.
Mein älterer Bruder hat die neunziger Jahre bewusster erlebt als ich. Von seinen Jugendfreunden sitzt heute ein Drittel im Gefängnis. Der Rest lebt nicht mehr, ums Leben gekommen durch Drogen oder Bandenkriminalität. Das Chaos der neunziger Jahre hat das Land in Fetzen gerissen.
Ich arbeite als Ingenieur. Wir bohren Bohrlöcher und entnehmen Grundproben, um die Festigkeit von Böden zu bestimmen, auf denen gebaut werden soll. Ich kenne den Bausektor also ziemlich genau. Das ist eine Sauwirtschaft, der von Korruption zerfressen ist. Eine Drei-Zimmer-Wohnung kostet in Moskau so viel wie ein Haus in Südfrankreich.
Beim Bau werden oft technische Vorschriften verletzt. Jeder versucht, so viel abzukassieren, wie es irgendwie geht. Es werden im Winter Hochhäuser auf den frostigen Boden betoniert, danach bilden sich riesige Risse. Ich hätte Angst davor, in so einem Haus zu wohnen.
"Ich bin ein Patriot, und ich liebe mein Land"
Ich habe mit zehn Jahren ein eigenes Moped bekommen. Der Motorradclub der Nachtwölfe bedeutet mir alles. Dass ich hier Mitglied sein darf, ist vielleicht für einen Journalisten vergleichbar mit der Ehre, für die "New York Times" schreiben zu dürfen. Dank des Clubs hatte ich sogar die Gelegenheit, kurz mit Wladimir Putin zu sprechen. Er kam zu einem unserer Treffen. Er ist kein Gott und nicht abgehoben.
Wir haben Tee getrunken und geredet. Putin ist Patriot, er liebt sein Land. Wenn er wieder Präsident wird, kann das nur gut sein für Russland. Gleichzeitig aber ist er auch eine Zelle des korrupten Systems, welches das Land beherrscht. Doch er hat viel Gutes vollbracht. Er versucht, das Land zu einigen. Unter seiner Herrschaft kümmert sich der Staat endlich um die Rentner, die in den neunziger Jahren komplett vergessen wurden.
Ich träume davon, selbst eine Zelle einer neuen Gesellschaft zu gründen, eine Familie mit zwei Kindern und einem eigenen Haus in einem Dorf. Ich bin ein Patriot, und ich liebe mein Land.
Ich will 70 Jahre lang so fit erleben können wie jetzt. Und ich will einmal um die Welt fahren mit einem Motorrad. Manchmal setze ich mich auf meine Maschine und fahre einfach los. In der Tasche trägst du nur ein paar Schlüssel, auf dein Gesicht fällt nasser Schnee, du frierst: Das ist ein Kick. Das ist stärker als das beste kolumbianische Heroin.
Auf der Straße kannst du der Mensch sein, der du wirklich bist. Unglücklich sind jene, die nie dort waren."
Aufgezeichnet von Anna Skladmann und Benjamin Bidder
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- Mittwoch, 29.02.2012 – 09:53 Uhr
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- Nie zuvor wuchs eine Generation Russen so frei auf wie die Kinder des Umbruchs in der Sowjetunion vor zwei Jahrzehnten. 2012 steht Russlands "Generation Putin" an der Schwelle zum Erwachsensein - SPIEGEL ONLINE stellt sie vor.
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- Wlada Kolosowa, 24, hat die erste Hälfte ihres Lebens in Russland verbracht, ihre Wurzeln aber sehr vernachlässigt. Jetzt bereist sie die fremde Heimat von Nikel im Norden nach Sotschi im Süden, von der ukrainischen Halbinsel Krim bis zum Baikalsee in Sibirien. Für den UniSPIEGEL berichtet sie wöchentlich, was sie dort erlebt.
Wlada Kolosowa - Teil I: "Junge Frau, darf ich an Ihnen saugen?"
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Bevölkerung: 142,958 Mio.
Fläche: 17.098.200 km²
Hauptstadt: Moskau
Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin
Regierungschef: Dmitrij Medwedew
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