Platonische Freundschaft: Da läuft doch was - oder?

Reine Mädchen-Jungs-Freundschaft, keine Beziehung, kein Sex - kann das gutgehen? Kann es, zumindest solange es nicht knistert. Entdeckt einer von beiden seine Gefühle für den anderen, wird es für alle Beteiligten alles andere als leicht, weiß Katrin Brinkmann von der Jugendzeitschrift "Yaez".

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Jan Kopetzky

Scheitern manchmal am Verlieben: Mädchen-Jungs-Freundschaften

Ich verlor meinen besten Freund Jan mit Anfang 20. Aber nicht der Tod war Schuld. Es war die Liebe. "Ich glaube, es ist besser, wenn wir uns erstmal nicht mehr sehen", hatte er gesagt und die Tür hinter sich zugezogen. Ich blieb allein zurück und konnte es nicht fassen. War das jetzt das Ende unserer Freundschaft? Was sollte ich denn ohne ihn machen?

Gemeinsam hatten wir ganze Nächte verquatscht, über die Zukunft, unsere Träume, die Liebe sinniert. Und uns dabei gegenseitig unsere musikalischen Neuentdeckungen vorgespielt. Bei meinem Umzug in die neue Wohnung schleppte Jan freiwillig meinen wuchtigen Schrank. Und wenn es mir schlecht ging, rief ich ihn an, zehn Minuten später stand er mit einer Packung Schokoeis vor meiner Tür. Nie langweilten wir uns miteinander. Wir verstanden uns einfach gut. Vielleicht zu gut.

Psychologen nennen so was "Harry-und-Sally-Syndrom". In der amerikanischen Liebeskomödie ist es der skeptische Harry (gespielt von Billy Crystal), der die These aufstellt: "Männer und Frauen können nie nur Freunde sein, der Sex steht immer zwischen ihnen." Am Ende behält er Recht. Besonders Männern fällt es schwer, bei der besten Freundin nicht auch ans Fummeln zu denken.

Nährboden für Eifersucht

Laut einer Untersuchung der Psychologinnen Cornelia Rohde-Höft und Regine Heißenbüttel-Röhr von der Universität Oldenburg fühlen sich 44 Prozent der befragten Männer von ihrer besten Freundin angezogen. Bei den Frauen sind es nur 31 Prozent. Ein weiteres Hindernis liegt in unserer Erziehung: In der Schule werden wir erst darauf geeicht, uns aus dem Weg zu gehen ("Mädchen spielen doch eh nur mit Puppen"), und später in der Pubertät darauf, im anderen Geschlecht das Objekt der Begierde zu sehen.

Nach der Sache mit Jan habe ich gesagt: Nein! Klappt nicht. Heute weiß ich: Eine platonische Freundschaft zwischen Junge und Mädchen kann doch funktionieren! Dank Markus. Ich habe ihn bei einem Praktikum kennengelernt. Wir verstanden uns sofort. Ich lachte Tränen, wenn er mir per Mail witzige YouTube-Videos schickte. Er liebte die Musik, die ich ihm auf CDs brannte. Gemeinsam lästerten wir bei einem Feierabend-Pils über die Macken unserer Partner.

Aber immer waren die Fronten geklärt. Wir steckten jeweils in festen Partnerschaften. Überhaupt ist mit ihm alles so entspannt. Wenn er vorbeischaut, muss ich weder den Bauch einziehen, noch auf meine alte Jogginghose verzichten. Und kippt er auf einer Party betrunken vom Barhocker, rege ich mich nicht auf - er ist ja schließlich nicht mein Freund.

Zum Glück sahen unsere Liebsten das ebenso entspannt. Denn so eine Mädchen-Jungs-Freundschaft bietet den perfekten Nährboden für Eifersucht. Die Vorstellung, dass die eigene Freundin sich einmal in der Woche mit einem anderen Jungen trifft und dabei Geheimnisse austauscht, behagt den meisten gar nicht. Besonders das Umfeld reagiert auf diese Konstellation meist höchst misstrauisch und mit klaren Unterstellungen: "Da läuft doch was!" Weil sich eben keiner vorstellen kann, dass mal nichts läuft, wenn Mädchen und Junge sich häufig sehen, sich in den Arm nehmen oder sich beim jeweils anderen ausheulen. Das passt nicht in unser traditionelles Bild.

Zwischen Topmodels und Abseitsregel

Dabei hat es nur Vorteile, eine beste Freundin und einen besten Freund zu haben! Mit ihr suche ich nach Makeln bei den "Germany's Next Topmodel"-Kandidatinnen, mit ihm die Anschlussfehler bei Star Wars. Sie weiß genau, welcher Schal zu welchem Top passt - er kann mir endlich die Abseits-Regel erklären. Sie versteht, warum Reden in einer Beziehung so wichtig ist - er, warum Mann manchmal lieber schweigt. Wer einen besten Freund hat, braucht keinen professionellen Beziehungsberater.

Aber was, wenn doch etwas lief? Kann aus Liebe Freundschaft werden? Die Berliner Freundschaftsforscherin Ann-Elisabeth Auhagen fand heraus, dass immerhin 30 Prozent aller Mann-Frau-Freundschaften aus Partnerschaften hervorgehen. Sicher wird man trotzdem leiden, auch wenn man sich freundschaftlich trennt. Weil ein Scheitern in der Liebe, diesem ultimativen Glücksziel, einfach schwer zu akzeptieren ist. Nach längeren Beziehungen kann es Monate dauern, vielleicht sogar Jahre, bis die Scherben zusammengekehrt sind.

Richtiger Liebeskummer ist eine traumatische Erfahrung. In der psychologischen Stress-Skala steht eine Trennung auf Platz zwei, nach dem Tod eines Angehörigen. Aber man wird trotzdem in Kontakt bleiben. Und wenn man nur bei Facebook schaut, was der andere gerade so treibt. Weil einen mehr verbindet als trennt. Und je zufriedener sich beide in verschiedene Richtungen entwickeln, je glücklicher sie in einer neuen Beziehung sind, desto einfacher gelingt die Freundschaft.

Vor einem Jahr habe ich Jan wiedergetroffen. Ich hatte in der Stadt zu tun, in der er heute lebt. Gemeinsam mit seiner Freundin. Wir haben uns auf ein Bier verabredet. Seit er gegangen war, haben wir das nicht mehr gemacht. Plötzlich war alles wie früher: Wir haben in alten Zeiten geschwelgt, über Feten, Freunde, unser früheres Leben geredet. Und viel gelacht. Es war schon sehr spät, als wir uns zum Abschied fest umarmten. Für einen kurzen Augenblick sahen wir uns an und ich glaube, wir waren beide traurig. Weil wir erkannten, dass es nie mehr so werden würde wie früher. Dass wir beide einen Freund verloren haben.

Von Katrin Brinkmann für die Jugendzeitschrift Yaez

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Ausgabe November 2009

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