Schweizer Nachwuchskünstler: Von einem, der auszog, Deutschland zu rocken

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Lern was Anständiges! Das hören Kinder, wenn sie Künstler werden wollen. Bei Laurin Buser war das anders: Er brauche keine Ausbildung, sagten seine Eltern und fuhren ihn mit 15 zum ersten Auftritt. Heute ist er Schauspieler, Rapper und Nachwuchsstar der Poetry-Slam-Szene.

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Wenn Laurin Buser seine Schallplatte auspackt, hat er gewonnen. Dann steht er auf der Bühne, mal im Hamburger Schauspielhaus, mal in Berlin beim ZDF, mal in einem Club in Lindau, mal in der Schweiz oder in Österreich. Laurin Buser, 20, ist Schauspieler, Rapper und Slampoet. Die "Schallplatte" ist einer seiner Texte, mit denen er bei Poetry Slams antritt. Sie sei unschlagbar, sagt ein Kollege.

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Slam-Poet Laurin Buser: "Das Publikum ist immer auf seiner Seite"

Intro: Irgendwie, irgendwo, irgendwann

Laurin Buser bekam gute Noten in seinen Schulaufsätzen, aber gern schrieb er sie nicht, zu formal, zu viele Regeln. Mit 15 präsentierte er seinen ersten Slam-Text vor Publikum und musste nur eins beachten: Nicht länger als fünf Minuten reden, dann kommt der Nächste. Die Zuschauer sollen klatschen, kreischen, mit den Füßen trampeln. So entscheiden sie, wer gewinnt. "Der erste Text war sehr sozialkritisch, sehr wenig selbstironisch, sehr ernst und in sehr schlechtem Hochdeutsch", sagt er heute.

Vier Monate nach dem ersten Auftritt gewann er zum ersten Mal. Danach siegte er bei der U-20-Poetry-Slam-Meisterschaft in der Schweiz, im Jahr darauf verteidigte er den Titel, dann belegte er, der Schweizer, bei den deutschsprachigen Meisterschaften in Düsseldorf den zweiten, im Jahr darauf den ersten Platz.

Sein Hochdeutsch hat er inzwischen poliert - ohne die charmante Schweizer Melodie zu verlieren. Bei seiner tiefen, vollen Stimme, den braunen Haaren und Augen würden viele Mädchen auch kreischen, wenn er als Sänger einer Boyband auf der Bühne stünde - ganz ohne pointierte Texte.

Ein Kollege sagt über Laurin, er sei zielstrebig. Manch anderer bleibe beim Poetry-Slam hängen, entwickle sich nicht weiter, er hingegen schaue in die Zukunft. Laurin sagt, er langweile sich schnell. Deswegen arbeitet er heute auch als Schauspieler und produziert mit einem Kollegen ein HipHop-Album.

Track 1: So sehr dabei

Laurin Buser hängt mit einer Zigarette auf dem Sofa und bläst Ringe in die Luft. Er hat seine Turnschuhe ausgezogen, trägt Jeans und ein verwaschenes Shirt. Gerade ist er aus Wiesbaden gekommen, da hatte er ein Gastspiel mit dem Jungen Theater Basel, am Abend wird er in Hamburg auftreten, beim "Best of Poetry Slam".

Laurin schläft bei Michel Abdollahi, 31. Er hätte ins Hotel gehen können, das hätten die Veranstalter bezahlt. "Aber man schlägt die Gastfreundschaft von Brüdern nicht aus", sagt er. Michel wird am Abend moderieren. Die beiden kennen sich, so wie in der Szene sowieso jeder jeden kennt. Michel hat auf der Bühne angefangen wie Laurin, heute führt er in Hamburg durch fast jeden und in anderen Städten durch viele Slams, im vergangenen Jahr moderierte er beim Sommerfest des Bundespräsidenten. Auch er ist nicht hängengeblieben.

Eine halbe Stunde nach seiner Ankunft, gegen 18 Uhr, sitzt Laurin Buser noch immer und weiß nicht, mit welchem Text er auftritt. Ob er einen Drucker habe, fragt er Michel.

Als der Poetry Slam aus den USA nach Deutschland kam, war Laurin gerade erst geboren. Damals nutzten manche das neue Genre, um gegen den etablierten Kulturbetrieb zu rebellieren. Inzwischen ist es dort angekommen: Zwar gibt es in Deutschland auch Hunderte Kneipen-Slams, aber die Kunstform hat es in große Häuser geschafft: In Hamburg füllt sie längst die schicksten Theater und größten Konzerthallen der Stadt, in die O2-World kamen zuletzt über 4000 Zuschauer zur Meisterschaft. Und jene Poeten, für die der Slam mehr sein soll als ein Hobby, jene Poeten, die sie sich weiterentwickeln, wollen nicht rebellieren, sondern ihr Geld als Schriftsteller verdienen, als Comedian, als Musiker oder als Schauspieler. Oder mit allem auf einmal - wie Laurin Buser. Wie viel Geld so zusammenkommt, sagt er nicht. Nur so viel: Mit Kleinkunst verdiene er mehr, als er brauche.

Laurin bläst auf dem Sofa immer noch Ringe in die Luft. Kurz bevor sie los wollen, springt er auf und ruft: "Oh, fuck! Text ausdrucken."

Track 2: Verschwende deine Jugend

Hinter Laurin Buser hängen Bilder von Inge Meisel, Mario Adorf und Suzanne von Borsody, sie haben dem Hamburger Ernst-Deutsch-Theater einen Gruß hinterlassen. Neben ihm sitzt ein anderer Poet, gegen den er gleich antreten wird. Er studiert Schauspiel.

Laurins Eltern haben ihrem Sohn von einer Schauspielschule abgeraten. Der Vater arbeitet als Schauspieler und Musiker, die Mutter als Regisseurin. Während andere Eltern ihren Kindern ermahnen, etwas Anständiges zu lernen, sagten sie, er brauche keine Ausbildung, und fuhren ihn zum ersten Auftritt.

"Ich wollte schon immer auf der Bühne stehen, als was auch immer", sagt Laurin. Es war für ihn und seine Eltern selbstverständlich, dass er nach der Schule versuchen würde, davon zu leben. "Das ist für mich Normalfall wie für andere eine Lehre oder ein Jurastudium", sagt er.

Trotzdem überlegt er jetzt, Schauspiel zu studieren. Warum nicht in Potsdam, fragt der Kollege. "Potsdam? Da will ich nicht hin", sagt Laurin. "Ich war da noch nicht. Gibt es da überhaupt einen Slam?"

Um kurz nach 20 Uhr, Michel Abhollahi begrüßt auf der Bühne die Gäste, sagt Laurin, er müsse sich mal überlegen, was er gleich macht. Er hat nicht so viele eigene Slam-Texte wie manch anderer, er schreibt zurzeit lieber neue Songs.

Ob jemand eine Stoppuhr habe? Er will aus zwei Texten einen machen und muss testen, ob die Zeit reicht. Die "Schallplatte" kann er nicht auspacken, damit hat er in Hamburg schon im Februar gewonnen. Er will nicht immer das Gleiche machen, will nicht bei dem bleiben, das funktioniert. Kurz darauf steht er neben der Bühne und kaut auf der Unterlippe. Gleich ist er dran.

Track 3: Krawall und Remmidemmi

"Hallo", sagt Laurin. "Mögt ihr Schweizerdeutsch?" Ein paar Zuschauer lachen, ein paar klatschen. Dann slamt er vom Toben, Tanzen, Trinken und Flirten, von Sex und Lust, von Stress und Frust, von Musik und Schuld. "Ihr Europäer sagt, die Amerikaner sind schuld", spricht er ins Mikro. "Die Amerikaner sagen, die Islamisten sind schuld. Die Islamisten sagen, Israel ist schuld. Die Israelis sagen, die Deutschen waren schuld, die Deutschen sagen, die Großväter waren schuld. Die Großväter sagen, die Computer sind schuld. Die Computer sagen: 01100101. Das 0:1 sagt, der Schiri war schuld. Der Schiri sagt, der Blickwinkel war schuld. Der Blickwinkel sagt: Ah, man immer ich!"

Nach zehn Minuten sagt Laurin: "Dankeschön!" Das Publikum klatscht und lacht und johlt.

Outro: Jetzt geht wieder alles von vorne los

Laurin Buser geht zurück hinter die Bühne, auf der Treppe hält er inne: "Ach, die Wertung", sagt er. "Aber die hört man ja oben auch." Auch dort vergisst er sie, weiß nicht, wie gut er war und ob er ins Finale kommt. Das ist auch nicht wichtig. Hauptsache, er stand auf der Bühne.

Letztlich kommt Laurin Buser ins Finale. Und gewinnt. "Das Publikum ist einfach immer auf Laurins Seite", sagt ein Kollege.

Start der Audio-Slideshow: Wie Laurin Buser die Bühne rockt

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1.
derschlaefer 13.07.2012
Ja, es gibt in Potsdam einen Slam, organisiert und moderiert von Marc-Uwe Kling (bisher der einzige, der den deutschen Meistertitel im Jahr darauf verteidigen konnte. Und zwar bei den richtigen Meisterschaften, nicht in der U20)
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