Rapper Prinz Pi als Vertretungslehrer: Bunga-Bunga in Bellevue

Rapper als Vertretungslehrer: Life of Pi Fotos
Torsten Roman

Der Musiker Friedrich Kautz, alias Prinz Pi, ist für seine hintersinnigen Punchlines bekannt. Für das Jugendmagazin "Spiesser" erzählt er seiner Klasse vom römischen Philosophen Cicero und darüber, was er mit Dichterfürst Goethe gemeinsam hat.

9.45 Uhr: Die Zehntklässler stürmen den Klassenraum. Prinz Pi wartet, bis alle auf ihren Plätzen sitzen. Das dauert.

Prinz Pi: "Guten Morgen! Ich heiße Friedrich und mache als Prinz Pi Musik. Für euch bin ich heute der Lehrer. Ich selbst war damals auf einer Schule, auf der alle einen Stock im Arsch hatten. Ich war genervt: Lehrer, die Schulpflicht, Gesetze und die Polizei - fand ich damals alles doof."

Pi berichtet, er habe es "unfassbar scheiße" gefunden, dass er zur Schule gehen musste. Ob er seinen Unterricht zum Thema "Der Staat und seine Bürger" deswegen anders gestaltet? Abwarten.

Prinz Pi: Habt ihr schon mal was von Cicero gehört? Kollektives Kopfschütteln.

Prinz Pi: Er war ein römischer Redner und Staatsmann. Das Römische Reich, also dort wo Cicero lebte, war damals wie das heutige Amerika: Man kam nicht drumherum.

Justin ruft euphorisch: HipHop! Wrestling! Nike!

Prinz Pi: Genau. Guckt mal eure Turnschuhe an. Das ist amerikanisches Design. Und die Musik, die in den letzten sechzig Jahren wichtig war, kam auch aus Amerika.

Tupac, Michael Jackson oder doch Kurt Cobain: Eine Schülergruppe streitet, wer von ihnen der Beste war. Pi unterbricht.

Prinz Pi: Kommt ihr eigentlich alle aus Deutschland?

Robert: Nein. Ich wurde in Armenien geboren. Ich lebe schon seit 14 Jahren hier, habe aber keinen deutschen Pass.

Angelika: Ich komme aus der Ukraine.

Leonardo: Und ich aus Berlin!

Prinz Pi nickt: Cicero meinte, dass Staat eine Sache sei, die von jedem einzelnen Bürger gemacht wird. Wie ist eure Beziehung zu Deutschland?

Nico: Gut. Ich bin hier geboren, das ist meine Heimat. Meine Mama ist Südkoreanerin, mit ihrem Land fühle ich mich nicht besonders verbunden.

Erduan: Wir haben zeitweise in Albanien gewohnt. Ich kann die Deutschen in ihren Ansichten oft nicht verstehen. Sie meckern ständig, dabei geht es ihnen gut. Ich fühle mich mehr als Albaner.

Leonardo: Und ich habe kroatische Wurzeln, die kroatische Kultur habe ich recht spät kennengelernt. Meine Beziehung zu Deutschland ist umso stärker.

10.10 Uhr: Der Rapper fragt, wer mehrsprachig aufgewachsen sei. Hände schießen in die Höhe.

Prinz Pi: Und in welcher Sprache träumt ihr?

Erduan: Vermischt. Meistens ist es aber auf Albanisch, denn ich bin so ein fauler Mensch und deutsche Sätze sind länger.

Auffällig: Auch nach 30 Unterrichtsminuten ist es ruhig. Pi hat noch immer die volle Aufmerksamkeit - und nutzt sie aus: Es wird politisch.

Prinz Pi: In zwei Jahren dürft ihr ja wählen. Leo, freust du dich aufs Wählen?

Leonardo: Nicht wirklich, denn eine Stimme allein kann nichts ändern. Alle müssen supporten.

Charlene: Wahlen in Amerika sind wie Rockkonzerte!

Nico: Und in Italien darf Berlusconi einen auf Pornostar machen! Schallendes Gelächter.

Prinz Pi: Stellt euch mal vor, im Schloss Bellevue fänden "Nuttenpartys" statt … Bunga-Bunga-Feten im Haus des Bundespräsidenten?

Alle sind sich einig: So etwas sei unvorstellbar. Pi fragt, ob jemand Politiker werden wolle.

Eduardo: Ich bin zwar ein guter Redner, aber nein.

Auch seine Mitschüler schütteln den Kopf und berichten von ihren Berufswünschen. Darunter: Immobilienmakler, Psychologen und Polizisten.

Prinz Pi: Gleich drei Leute wollen zur Polizei. Du auch Leo? Echt jetzt? Find ich krass!

Leonardo: Ich wurde mehrmals bei illegalen Sachen erwischt, aber die Bullen waren immer nett. Und cool ist der Job allemal.

Nun wollen die Schüler von Pi wissen, warum er Musiker geworden ist.

Prinz Pi: Ich wollte nie Rapper werden, ich bin da so reingerutscht. Jetzt finde ich das aber gut. Auch, weil ich auf diese Weise junge Leute erreichen kann. Damals ist man Dichter geworden, heute wird man Rapper.

"Egal wie besoffen du bist, Goethe war Dichter", schlaumeiert es aus der letzten Reihe.

Prinz Pi unterbricht das Gelächter. Er bedankt sich bei der Klasse und resümiert: "Ich hätte nicht gedacht, dass so viele von euch eine solch positive Beziehung zu unserem Staat haben."

Was sagen die Schülerinnen zu ihren Vertretungslehrern?

Nico, 15:

Friedrich hätte noch mehr über seine Lebensgeschichte erzählen können. Denn die interessiert mich wesentlich mehr, als es Politiker und Polizisten tun.

Note: 2

Judith, 16:

Prinz Pi hat sich als Lehrer gut gemacht. Er war vorbereitet, hat frei gesprochen und lockere Sprüche abgelassen. Pi kann uns gern öfter unterrichten!

Note: 2+

Joseph, 15:

Politik interessiert mich eigentlich nicht wirklich. Prinz Pi hat den Stoff aber so gut rübergebracht, dass auch ich mal zugehört und mitgemacht habe.

Note: 2


Von Anne Juliane Wirth und Torsten Roman (Fotos) für das Jugendmagazin "Spiesser"

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insgesamt 15 Beiträge
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    Seite 1    
1. Ich will ihn auch...
karamello 02.05.2013
als Lehrer haben! Die Schüler überzeugen zwar nicht gerade mit ihrer Intelligenz aber Prinz Pi schon! Außerdem haben mir seine Texte in mancher Hinsicht mehr beigebracht als meine Lehrer damals. Prinz Pi ist nämlich gerade nicht so ein "Gangsta-Rapper" sondern hat Niveau - und übertrifft sich mit jedem neuen Album immer wieder selbst.
2. Könnt ihr nicht deutsch schreiben?
clubzwei 02.05.2013
Muss ich jetzt googeln, was Punchlines sind?
3.
theea 02.05.2013
Zitat von clubzweiMuss ich jetzt googeln, was Punchlines sind?
Sie können das gerne "in den Weiten des Internets nachschlagen", ja. Welche konkrete Suchmaschine Sie dafür verwenden, sei Ihnen freigestellt ;)
4.
John.Moredread 02.05.2013
Zitat von theeaSie können das gerne "in den Weiten des Internets nachschlagen", ja. Welche konkrete Suchmaschine Sie dafür verwenden, sei Ihnen freigestellt ;)
Internet? Sie wollten bestimmt Zwischennetz sagen :)
5. Klar, drei wollen zur Polizei und ist ja so cool
hanfpiraten 02.05.2013
Dass bei "Spiesser" inhaltliche Vorgaben direkt von Status-quo-Politikern kommen, dürfte hinlänglich bekannt sein, aber das hier ist schon arg billig.
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    Friedrich Kautz alias Prinz Pi lebt in Berlin und ist ein deutscher Rapper - früher auch als Prinz Porno bekannt. Nach seinem Abi studierte der heute 33-Jährige Kommunikationsdesign. Das erste Album des Rappers, dessen Texte vornehmlich für sozialkritische Themen bekannt sind, wurde 1998 im Internet veröffentlicht. Am 12. April erschien sein 15. Soloalbum "Kompass ohne Norden".

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