Reif für die Prüfung? Bekenntnisse einer Mathenull
Für tausende Abiturienten tickt die Uhr, einer von ihnen ist Rick Noack. Im Abi-Blog schreibt er über den Schulendspurt, die Angst vor den Tests, über Vorfreude und Wehmut. In der Mathematik hat er seinen Hauptfeind ausgemacht.
Mit zehn wechselte ich von der Grundschule aufs Gymnasium, ich hielt mich damals für ein Mathe-Talent, wenn ich ehrlich bin für ein Zahlen-Genie. Schließlich hatte mich eine Schule mit "mathematisch-naturwissenschaftlicher Ausrichtung" angenommen. Für mich gleichbedeutend mit einem Oxford-Stipendium. Jedenfalls erzählte ich das damals jedem.
Ansonsten plagte mich die Frage, ob ich Zirkusdirektor, Chemie-Nobelpreisträger oder Bauarbeiter werden soll. Doch nach zwei Tagen Gymnasium kam der Schock: Wie kann sich ein künftiger Nobelpreisträger durch Mathe-Hausaufgaben überfordert fühlen? Und auch die Lehrer weigerten sich konsequent, mein Talent zu erkennen: In der zehnten Klasse sagte einer dann, ich sei "vollkommen unmathematisch".
Und spätestens jetzt, kurz vor dem Abitur, musste auch ich einsehen: Meine mathematischen Fähigkeiten sind doch recht überschaubar.
Also meldete ich mich für einen Crashkurs "Mathematik" an. Denn in Sachsen schreiben wir ein "Vorabitur" - eine Prüfung im Abi-Umfang, die aber nur wie zwei normale Tests gewertet werden. Viel Aufwand für wenig Punkte. Es ist die Generalprobe für die Reifeprüfung.
Für den Crashkurs ging ich an die Volkshochschule, einen Ort, an dem motivierte und enthusiastische Menschen mit gleichen Vorlieben aufeinander treffen. Hobby-Köche backen Kuchen, Yoga-Fans rollen sich auf ihren Matten ein. Und Mathe-Begeisterte - die rechnen eben. Nun gehörte ich dazu. Freiwillig.
Perfektes Frühstück im Magen, kaputter Taschenrechner im Rucksack
Nur meine Nachhilfelehrerin, Mitte 50, war nicht sonderlich motiviert: "Punkt zwölf bin ich hier raus", sagte sie gern. Nachdem ich ihr mit einer falschen Antwort anscheinend den Samstag vermiest hatte, fragte sie: "Wann hast Du das letzte Mal eigentlich eine Schule von innen gesehen?"
Warum nur bot die VHS im Anschluss keine Entspannungskurse an? Ich hätte Bedarf gehabt.
Kurze Zeit später wurde es ernst. Mitten in der Probe-Prüfung bekam mein Taschenrechner plötzlich Lust auf Ferien. So wie Erwachsene eine standardisierte "Out of Office"-Nachricht verschicken, zeigte mein Rechner "Mat Error" an. Übersetzt heißt das "mathematischer Fehler". Liebend gern hätte ich jetzt alles Mögliche aus dem Englischen übersetzt. Die mehr als 100-seitige Bedienungsanleitung meines Rechners zum Beispiel. Ja, sogar ein Essay, das für Toleranz gegenüber der Mathematik wirbt. Nur nicht diese Meldung: "Mat Error".
Wenn man "Mat Error" schreit, klingt das nach Terror, nach blinder Verzweiflung. "Mat Error" erschien plötzlich überall. Statt Ergebnissen spuckte mein Rechner nur noch Fehlermeldungen aus. Später erfuhr ich, dass wohl einfach nur der Speicher voll gewesen war.
Ein Taschenrechner ist immer nur so dumm, wie derjenige, der ihn bedient, haben mir bislang alle Mathelehrer eingetrichtert. Und tatsächlich: Ich fühlte mich jetzt dumm. Warum hatte ich keinen Ersatz-Taschenrechner eingepackt? Stattdessen hatte ich mir ein Frühstück aus Rührei, belegten Brötchen, Traubenzucker und Früchten zusammengestellt. Lecker. Aber mit Butterbrötchen kann man leider keine Wurzeln ziehen. Und ohne einen Rechner ist es recht schwer, Abitur-Aufgaben zu lösen.
Wahrscheinlich ist das der Grund, warum man in Sachsen ein Vorabitur schreibt: Damit auch der Letzte begreift, dass es nun wirklich ernst wird. Üben werde ich jetzt sehr oft. Aber erst ab morgen. Oder übermorgen.
Ich glaube übrigens nicht, dass wir Mathe-Grundkurs-Schüler "völlig unmathematisch" sind. Ich selbst lerne gern, wenn ich weiß, dass ich etwas später wirklich brauchen werde. Aber wenn ich Mitschüler frage, was ich mit diesem Bruch oder jener Gleichung später einmal berechnen kann, dann antwortet fast jeder: Rechne doch einfach und denk nicht darüber nach!
Inzwischen habe ich leider tatsächlich aufgehört zu fragen. Stattdessen habe ich beschlossen, meinen Taschenrechner in drei Monaten direkt nach der Abiprüfung in den Dauerurlaub zu schicken. In Sachsen soll es Müllhalden mit großartigem Panoramablick geben.
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- Freitag, 11.03.2011 – 13:26 Uhr
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