Schlagkräftige Schülerin: Ein Fliegengewicht boxt sich nach oben

Susi Kentikian ist die kleinste Profiboxerin der Welt: 18 Jahre alt, 1,55 Meter groß. Die Realschülerin wuchs in einem Asylbewerberheim auf. Erst kämpfte ihre armenische Familie für sie, jetzt kämpft die Boxprinzessin für ihre Familie.

Ich bin für alle nur die Boxerin, noch ganz jung und ziemlich taff. Ein Mädchen aus dem Asylantenheim, eine, die zuschlägt, die sich durchsetzt, so eine echte Erfolgsstory. Aber meine Geschichte ist mehr als das.

Als Profiboxerin muss man gut sein und man braucht Beziehungen. Ich bin ziemlich gut. Vorm Boxen hatte ich schon Schwimmen, Gymnastik und Karate ausprobiert - nichts habe ich lange durchgehalten. Aber beim Boxen wusste ich gleich: Das ist das Richtige für mich.

Boxen habe ich bei Frank gelernt. Der war eigentlich der Trainer von meinem Bruder. Einmal bin ich mit in den Verein gegangen, nur zum Zugucken. Aber Frank hat gleich gesagt, ich soll auch mitmachen. Da hat er mich sozusagen entdeckt.



Das ist jetzt schon fünf Jahre her. Bis heute bringt mir beim Boxtraining wirklich alles Spaß. Mein Körper ist schon so ans Training gewöhnt, dass ich keine vier Tage mehr ohne aushalte. Aber man muss auf sich achten. Wenn man Boxen als Beruf macht, ist das Wichtigste, dass man gesund bleibt. Die größte Angst von jedem Boxer sind Verletzungen. Manchmal habe ich Schmerzen in den Händen - ich hoffe, die halten all die Jahre durch.

Ich bin klein, eins einundfünfzig. Ich bin die kleinste Profiboxerin der Welt. Aber ich lüge immer und sage: Ich bin einen Meter und fünfundfünfzig Zentimeter groß. Sonst ist mir das peinlich. Aber ich bin es inzwischen schon gewohnt, dass alle Gegnerinnen größer sind als ich. Ich war immer die Kleinste.

Von Armenien über Russland nach Hamburg

Ich bin 1987 in Eriwan, der Hauptstadt Armeniens, geboren. Armenien ist ein wunderschönes Land, doch es gab Krieg und noch viele andere Probleme. Mein Papa sollte zur Armee eingezogen werden, zu den Kämpfen in Berg-Karabach. Da wurde Mutti krank, ich glaube, sie hat das alles nicht verkraftet. Papa dachte, in einem anderen Land würde es uns vielleicht besser gehen. Und er konnte natürlich auch nicht in den Krieg, weil er auf uns Kinder aufpassen musste und auf seine kranke Frau. So sind wir nach Deutschland gezogen: Meine Eltern, mein vier Jahre älterer Bruder Mikael und ich.

Aber in dem Heim in Berlin, wo wir untergebracht waren, gab es neue Probleme. Viele verschiedene Menschen mussten da zusammen leben, manche waren total gewalttätig. Wir konnten kein Deutsch sprechen oder verstehen. Als es mit Mutti immer schlechter ging, war Papi nur noch ratlos, und wir haben das Land wieder verlassen. Dahin, wo wir wenigstens die Sprache verstanden: Erst nach Moldawien, dann weiter nach Russland.

In Russland bin ich sogar eine kurze Zeit zur Schule gegangen. Aber dann passierte wieder ein Unglück: Wir wurden ausgeraubt. Nun hatten wir gar nichts mehr, alles Geld war weg, auch der Schmuck. Der war noch von Omi. Wir hatten nicht mal Geld für Muttis Medikamente. Da hat Papa beschlossen, wieder nach Deutschland zu ziehen, wo es die beste Behandlung für Mutti geben sollte.

Damals war ich sieben Jahre alt. Erst haben wir in diesen Flüchtlingsschiffen in Hamburg-Altona an der Elbe gewohnt. Da war nur Dreck und Gewalt. Dann waren wir in einem Heim im Stadtteil Langenhorn. Die Klos waren oft so dreckig, dass die Kinder in den Keller gegangen sind, wenn sie mal mussten. Und die Wäsche wurde immer geklaut, man musste die Waschmaschinen richtig bewachen. Man saß da, und drum herum stank es nach Pisse.

Neulich war ich noch mal dort. Erst hätte ich unser altes Zimmer beinahe nicht wiedererkannt, es war ganz frisch gestrichen, neue Gardinen waren auch da. Aber da habe ich zufällig nach oben geguckt: An der Decke hing noch die alte Lampe - voller toter Wanzen und Fliegen. In diesem Moment wusste ich: Ja, das war das Zimmer, in dem wir so lange gewohnt haben, sieben Jahre. Hier haben wir jeden Tag alles gegeben, um normal zu bleiben. Ein Mensch kann das dort wirklich nicht lange aushalten. Es war die schlimmste Zeit in meinem Leben.

Menschen schrieben Petitionen für sie

Viele reden von meinem Leben wie von einem Märchen. Ich bin die aus dem Ghetto, die Aufsteigerin, die sich nach oben durchboxen musste. Aber die Erinnerung wird nicht plötzlich weniger schlimm, nur weil manche Dinge jetzt besser sind. In meiner Erinnerung ist immer noch nur Angst.

Und Kampf. Wir bekamen ja erst 2004 eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, die vielen Jahre davor haben wir in Angst gelebt. Wir mussten uns auch verstecken. Viele Leute haben dafür gekämpft, haben Petitionen geschrieben, dafür, dass wir nicht abgeschoben werden.

Ich habe bis heute Angst vorm Fliegen. Über das Heim in Langenhorn sind immer die Flugzeuge geflogen. Weil da gleich der Flughafen war. Das war wirklich sehr laut. Einmal haben sie uns zum Flughafen mitgenommen... Es fällt mir immer noch schwer, darüber zu reden. Wir haben geschlafen, es war so morgens um vier, Mutti war gerade wieder im Krankenhaus. Auf einmal ganz viel Lärm und laute Stimmen an der Tür: "Aufmachen, Polizei!" und so.

Oh Gott, wir hatten Angst. Papa stand richtig unter Schock. Die haben gesagt: "Kommen Sie bitte mit zum Flughafen!"

Wir konnten nur schnell ein paar Sachen zusammenpacken. Und unterwegs heimlich meinen Trainer anrufen. Gott sei Dank hatten wir noch Guthaben auf dem Handy. Sonst hätte niemand etwas bemerkt! Papa hat vor Aufregung beinahe einen Herzanfall bekommen. Dann haben sie uns alle, also Papa, meinen Bruder und mich, in das Polizeiauto gesteckt, sind zum Flughafen gefahren. Die wollten uns ohne meine Mutter abschieben!

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Boxprinzessin Susi Kentikian: Sieg nach Punkten

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