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Schülerin mit krankem Vater Papas langsamer Abschied

Demenz: Wenn der Vater zum Kind wird
Fotos
Franziska Reinhart

2. Teil: Warum ausgerechnet ihr Papa? Wie Alexandra den Vater zu trösten und zu schützen versucht

Besonders freut er sich, wenn er eine Aufgabe bekommt und helfen kann. Deswegen bittet Alexandra ihren Vater, Schulsachen für sie zu besorgen: Sie schreibt ihm eine Liste, weil er nicht mehr versteht, was ein Geodreieck ist, was Karteikarten sind. Diese Liste gibt er im Schreibwarengeschäft ab. Einmal bringt er trotzdem etwas anderes mit.

Alexandra weiß jedoch, dass sie ihm keine Vorwürfe machen darf. Er würde die Welt nicht mehr verstehen und Angst bekommen. Das will sie nicht: "Es war mein Fehler, ich - habe dir etwas Falsches aufgeschrieben." Ihr Papa sieht sie liebevoll an, er merkt nichts von ihrem Spiel: "Macht nichts." Dann läuft er noch mal los. Er geht gerne einkaufen, wobei er immer das Gleiche mitbringt: Maultaschen und Spülmaschinentabs. Obwohl Alexandras Mutter und ihre Töchter mittlerweile mehrmals in der Woche gefüllte Teigtaschen essen, freuen sie sich - die Maultaschen beweisen doch, dass ihr Papa für sie sorgt und will, dass es ihnen gut geht.

Alexandra ist es ganz recht, dass ihr Vater öfter unterwegs ist, für die Elfjährige bedeutet dies ein paar Minuten Verschnaufpause. Erst wenn ihre Mutter gegen halb fünf nach Hause kommt, kann Alexandra ihre eigenen Hausaufgaben erledigen und für den nächsten Tag lernen. Abends fällt sie müde ins Bett.

Warum musste gerade ihr Papa krank werden? Er hat nicht geraucht, viel Sport getrieben, sich gesund ernährt. Sie ist wütend - und traurig.

Alexandras Vater will weder, dass man mit ihm über seine Krankheit spricht, noch dass andere vor ihm darüber sprechen. Seine Familie akzeptiert das und hält sich daran. Als Alexandras Oma zu Besuch kommt, fragt sie ihre Schwiegertochter versehentlich nach den Medikamenten für ihren Sohn - in seiner Gegenwart. Er fängt an zu schreien: "Nein, nein, nein!" Immer häufiger bekommt er Schreianfälle, stundenlang: "Nein!" Wenn ihn seine Frau bittet aufzuhören, wird er noch aggressiver.

Ihr Vater setzt sich auf Alexandras Schoß

Tagsüber von sieben Uhr morgens bis fünf Uhr abends besucht er nun eine Einrichtung, in der junge Demenzkranke betreut werden. Nur nachts und am Wochenende ist er zu Hause. Manchmal sucht er Todesanzeigen heraus und schaut sich alte Fotos an: Als er 19 Jahre alt war, starb sein bester Freund bei einem Autounfall. Er durchlebt diesen Schicksalsschlag noch einmal, weint bitterlich. Alexandra versucht ihn zu beruhigen: "Jetzt ist es vorbei. Komm, wir räumen das Album wieder weg."

Sie, die elfjährige Tochter, tröstet ihren Vater, der mehr und mehr zum Kind wird. Als sie auf einem Stuhl Platz nimmt, setzt sich ihr Papa auf ihren Schoß.

Alexandra spielt in ihrem Zimmer, als plötzlich ihr Vater in der Tür erscheint. Er würgt, weil ihm ein kleines Stück Fleisch im Hals steckt, das er ungekaut heruntergeschluckt hat. Sie starrt ihn an: Sein Gesicht ist ganz weiß, seine Augen drehen sich langsam nach oben. Alexandra ist hilflos, bis ihre Mutter das Fleischstückchen mit ihrem Finger endlich herausbekommt. Weil ihr Vater Probleme beim Schlucken hat, isst er nur noch wenig und nimmt immer mehr ab. Auch das Sprechen fällt ihm zunehmend schwerer.

Zu Beginn der Krankheit kann man sich mit ihm noch über die Musik von Richard Wagner und den Toskana-Urlaub unterhalten. Alexandra spricht ihn bewusst auf diese Themen an, antwortet jedes Mal auf dieselben Sätze, stellt dieselben Fragen. Würde sie ihm von der Schule erzählen, verstünde er sie nicht. Er bekäme Angst, weil ihm dann bewusst würde, dass er krank ist. Bittet man ihn dagegen langsam und deutlich: "Hol mal die Brille", wiederholt er den Satz immer wieder. Später sagt er bloß: "...die Brille, die Brille, die Brille."

Schließlich kann er nur noch die Lippen bewegen. Alexandra beugt sich ganz nah zu ihm, um zu erraten, was er ihr sagen will. Ihr Papa ist überglücklich, als er merkt, dass seine Tochter ihn verstanden hat: Er erzählt vom Toskana-Urlaub - und strahlt.

Das Herz schlägt, aber nur ein kleiner Teil des Hirns arbeitet

Es sind Sommerferien, die 13-jährige Alexandra ist mit einer Freundin unterwegs gewesen und gerade nach Hause gekommen, als das Telefon klingelt. Eine Betreuerin ihres Vaters ist am Apparat und möchte mit ihrer Mutter sprechen. Alexandra wundert sich: Die Betreuer rufen normalerweise nie mittags an, weil sie genau wissen, dass ihre Mutter arbeitet.

Nachdem sie die Telefonnummer der Arbeitsstelle durchgegeben hat, meldet sich wenig später ihre Mutter: "Papa liegt im Krankenhaus, wir fahren zu ihm." Alexandra versucht sich zu beruhigen. Vielleicht hat er sich wieder verschluckt und man hat ihn nur ins Krankenhaus gebracht, um zu kontrollieren, ob wieder alles in Ordnung ist.

Als ihre Mutter kommt, um sie abzuholen, weiß Alexandra sofort, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Ihre Mutter bestätigt: Alexandras Vater hatte einen Herz-Kreislauf-Zusammenbruch und musste reanimiert werden. Sein Herz schlägt, aber nur noch ein kleiner Teil seines Gehirns arbeitet. Die ganze Autofahrt zum Krankenhaus weint Alexandra. Als sie gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrer Mutter das Krankenzimmer betritt, ist alles ruhig. Um das Bett ihres Vaters stehen viele Maschinen. Aber ihr Papa sieht friedlich aus - als würde er schlafen.

Am nächsten Morgen sitzt Alexandra auf dem Krankenhausflur und wartet. Ihre Mutter und ihre Oma besprechen sich gerade mit den Ärzten. Dann wird sie hereingeholt: Die Ärzte werden die Geräte abschalten. Alexandra hat das erwartet. Sie weiß, dass ihr Vater, wenn er wieder aufwachen würde, wahrscheinlich nur noch still im Bett liegen und an die Decke sehen könnte. Sie weiß, dass es so besser ist.

Alexandra und ihre Mutter warten draußen, während die Geräte abgeschaltet werden, dann dürfen sie hineingehen.

Es ist still, sie schweigen. Alexandra blickt auf ihren Vater: Langsam weicht die Farbe aus seinem Gesicht. Als sie das Gefühl hat, dass ihr Papa nicht mehr in seinem Bett liegt, nicht mehr da ist, geht sie hinaus und setzt sich still auf einen Stuhl.

Der Beitrag von Anna-Lisa Behnke, 19, erschien zuerst in der Schülerzeitung "Innfloh" am Ruperti-Gymnasium in Mühldorf am Inn. Er wurde ausgezeichnet als zweitbeste Reportage beim Schülerzeitungswettbewerb des SPIEGEL - und die "Innfloh"-Redaktion holte auch den Gesamtsieg.

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lorn order 06.07.2010
Ein großartiger, erschütternder und aufwühlender Artikel! Mein eigener Vater litt auch an Demenz und ist daran gestorben. Ich war jedoch ein erwachsener Mann, als ich seinen Verfall miterleben musste. Das war nur sehr schwer [...]
Ein großartiger, erschütternder und aufwühlender Artikel! Mein eigener Vater litt auch an Demenz und ist daran gestorben. Ich war jedoch ein erwachsener Mann, als ich seinen Verfall miterleben musste. Das war nur sehr schwer zu ertragen. Um wieviel schlimmer muss dieses Erlebnis für ein elfjähriges Kind sein!
nurEinGast 06.07.2010
So etwas sollte niemand, und erst recht nicht Kinder, durchmachen müssen. Eine ergreifende, aufwühlende Geschichte. Die Familie hat meinen tiefsten Respekt. Und sie ist ein gutes Beispiel dafür, warum ein Verbot der Sterbehilfe [...]
So etwas sollte niemand, und erst recht nicht Kinder, durchmachen müssen. Eine ergreifende, aufwühlende Geschichte. Die Familie hat meinen tiefsten Respekt. Und sie ist ein gutes Beispiel dafür, warum ein Verbot der Sterbehilfe letztendlich so unsinnig ist.
tz88ww 06.07.2010
Was arbeitete er bei Siemens? Würde mich interessieren, was er da vielleicht jahrelang einatmen mußte. Einen schönen Tag noch.
Was arbeitete er bei Siemens? Würde mich interessieren, was er da vielleicht jahrelang einatmen mußte. Einen schönen Tag noch.
lennido 06.07.2010
Ich sitze hier an meinem Schreibtisch, versuche die Gedanken zu ordnen, die durch meinen Kopf jagen und versuche erwas Sinnvolles zu Papier zu bringen. Dieser Artikel war das Beste, das Eindringlichste, was ich je zu diesem Thema [...]
Ich sitze hier an meinem Schreibtisch, versuche die Gedanken zu ordnen, die durch meinen Kopf jagen und versuche erwas Sinnvolles zu Papier zu bringen. Dieser Artikel war das Beste, das Eindringlichste, was ich je zu diesem Thema gelesen habe. Ich habe selbst meinen Vater fast 15 Jahre lang in sein Vergessen begleitet. Alles was in dem Artikel stand, habe ich auch in der einen oder anderen Form erlebt. Die Bilder, die Gefühle, alles kam wieder hoch und war präsent, als wäre es erst gerade passiert. Ich war ein erwachsener Mann von Mitte Dreißig, als es begann. Wenn wir, meine Mutter und ich, schon verzweifelt waren und oft am Ende unserer Kräfte nicht mehr wußten, wie es weitergehen soll, wie hat sich dann dieses junge Mädchen fühlen müssen? Ich ziehe den Hut vor ihr und verbeuge mich vor so viel Gefühl und Kraft. Ein tiefempfundenes Lob auch an die Autorin, die es geschafft hat, ein sensibles Thema sachlich und ohne etwas zu beschönigen oder zu verklären zu papier zu bringen. Wenn man Gleiches oder Ähnliches erlebt hat, sieht man das Leben und das Sterben mit anderen Augen! Es wird Sie niemals wieder loslassen!!!
misterbighh 06.07.2010
bewegt weil meine Familie am Anfang der Geschichte steht. Wütend macht mich hierbei die Ikk die von der Iduna gekauft wurde, die mit allen Tricks versucht die Pflegestufe zu verweigern. Die sollten sich was schämen!
bewegt weil meine Familie am Anfang der Geschichte steht. Wütend macht mich hierbei die Ikk die von der Iduna gekauft wurde, die mit allen Tricks versucht die Pflegestufe zu verweigern. Die sollten sich was schämen!
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