"Du musst sofort ins Krankenhaus. Nimm am besten ein paar Sachen mit, es kann sein, dass du die Nacht drin bleiben musst." Es ist der 26. Dezember 1999, die elfjährige Conny Schmidt sitzt im Behandlungszimmer ihres Hausarztes. Schon den ganzen Tag lang hat sie Bauchschmerzen, sie kann kaum noch aufrecht stehen. Der Arzt hat festgestellt, dass ihre Milz um das Dreifache angeschwollen ist und sie viel zu viele weiße Blutkörperchen hat.
Und jetzt soll sie also ins Krankenhaus. Am zweiten Weihnachtsfeiertag, wo doch gerade die Ferien begonnen haben. Und dann auch noch über Nacht.
Wenig später liegt sie in einem Krankenwagen, der mit Blaulicht in Richtung München rast, zur Kinderpoliklinik. Conny hat keine Ahnung, was mit ihr nicht stimmt, aber sie weiß, dass es ernst ist. In diesem Moment ist sie sicher, dass sie sterben muss.
Als sie am nächsten Morgen aufwacht, liegt sie in einem kleinen, engen Raum, doppelt so hoch wie breit, mit kahlen, weißen Wänden. Es gibt nur ein einziges winziges Milchglasfenster. Überall stehen Überwachungsgeräte und Monitore mit roten und blauen Graphen. Es sieht aus wie in den Arztserien, die Connys Mutter immer anschaut. An der Decke dreht sich ein riesiger Ventilator. Er ist so laut, dass es ihr vorkommt, als würde sie mitten auf einem Flughafen stehen.
Menschen kommen an ihr Bett und beugen sich über sie: Sie sind dick vermummt, von ihren Gesichtern sieht Conny nur die Augen, denn alle tragen Kittel, Handschuhe, Mundschutz und eine Haube auf dem Kopf - sogar ihre Mutter! Wenn sich andere Menschen nur in Schutzkleidung eingepackt an ihr Bett trauen, dann muss ihre Krankheit wohl wirklich schlimm und extrem ansteckend sein.
Jeder dritte Patient überlebt - Conny zählt die Betten auf der Station
Wahrscheinlich habe ich nur noch ein oder zwei Tage zu leben, denkt sie sich. "Was ist denn eigentlich los mit mir?", fragt sie immer wieder nach. "Das wissen wir noch nicht sicher, wir müssen die Ergebnisse der Untersuchungen abwarten", antworten ihr die Ärzte nur, und auch aus ihrer Mutter bekommt sie nicht mehr heraus.
Als sie das Isolationszimmer kurz verlassen darf, sieht sie draußen auf dem Gang die anderen Kinder der Station, die alle keine Haare mehr haben. Conny weiß, dass das ein Zeichen für Krebs ist, und in diesem Moment ist das für sie eine riesige Erleichterung. Dann hat sie selbst also auch "nur" Krebs und keine schreckliche, ansteckende Seuche! Warum hat ihr das nur keiner früher gesagt? Krebs kann man doch behandeln, und ansteckend ist er auch nicht - sie hätte sich also keine so großen Sorgen zu machen brauchen!
Als nach einer Knochenmarkpunktion endgültig feststeht, dass sie an Leukämie erkrankt ist, beginnt sofort die Suche nach einem Knochenmarkspender. Ihre Eltern und ihre vier Geschwister lassen sich testen, in Marktl, ihrem Heimatdorf, und im gesamten Landkreis gibt es einen Spendenaufruf. Doch alle Bemühungen bleiben vergeblich, und nach drei Monaten Suche wird sie in die Hochrisikogruppe eingestuft.
Conny sieht sich regelmäßig die Protokolle des Therapieverlaufs an, denn sie möchte genau wissen, wie es um sie steht und was gerade in ihrem Körper passiert. Auf den Protokollen gibt es drei verschiedene Spalten für die Risikogruppen.
Bis jetzt lag sie in der Mitte, das war okay für sie. Jetzt liegen ihre Werte im Bereich der rechten Spalte, bei der Überlebenschance steht eine neue Zahl: 30 Prozent. Conny legt sich daraufhin eine ganz eigene Theorie zurecht: 30 Prozent, das bedeutet, dass jeder dritte Patient überleben wird. Conny zählt also die Betten auf der Station durch - ihres ist das neunte! Also wird sie überleben. Von nun an denkt sie nicht einmal mehr daran, dass sie sterben könnte, es gibt einfach keine solche Option mehr.
Das ganze Dorf lässt sich testen für eine Knochenmarkspende
Und noch etwas anderes gibt ihr Kraft und Sicherheit: Ganz Marktl hat sich für eine Knochenmarkspende testen lassen. Menschen, zu denen sie früher nur auf der Straße "Hallo" gesagt hat, denken an sie und wollen ihr helfen, wieder gesund zu werden. Ihre alte Grundschule veranstaltet ein Schulfest, um auf ihren Fall aufmerksam zu machen und Geld zu sammeln. Connys Klasse schreibt ihr jeden Tag einen Brief und mit ihrer besten Freundin telefoniert sie täglich. Ihre Mutter hat ihren Job aufgegeben und lebt jetzt in einem Elternwohnheim direkt neben der Klinik. Obwohl es für ihre Geschwister schwer ist, verzichten sie auf ihre Mutter, damit diese immer bei Conny sein kann. Wenn von so vielen Seiten so viel für sie getan wird, kann sie doch eigentlich gar nicht mehr sterben!
Wie viel kann ein Mensch aushalten? Was ist wirklich "schlimm"? Wann ist die Grenze erreicht? Immer wieder stellt Conny sich diese und ähnliche Fragen, als ihr Blick auf den Infusionsbeutel fällt, der an einem Ständer neben dem Bett hängt.
Sie weiß, dass von ihm aus durch den Schlauch und die Nadel in diesem Moment ein Schmerzmittel in ihr Blut fließt. Da kommt ihr eine Idee: Sie setzt sich auf und greift nach dem Schlauch. Das kleine Rädchen dort dreht sie bis zum Anschlag zurück - jetzt ist der Schlauch blockiert, die Flüssigkeit gelangt nicht mehr in ihren Körper.
Die Schmerzen werden stärker. Erst fühlt es sich an, als würde jemand das Knochenmark aus ihrer Wirbelsäule ziehen, dann plötzlich so, als wäre zu viel drin und ihre Knochen müssten zerspringen. Ihr Hals und ihr Mund, von der Chemotherapie angegriffen, brennen wie Feuer. Connys Kopf fühlt sich an, als wäre ihr Gehirn lose und jemand würde ihn kräftig hin und her schütteln. Sie muss würgen, Säure aus ihrem Magen trifft auf die wunden Stellen in Hals und Mund.
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