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Schülerin vs. Behörden: Hartz IV, ein Drama in vier Akten

Jahrelang hat die Familie auf ihr Studium gespart - jetzt ist der Vater arbeitslos und beantragt Hartz IV. Während Mitschüler Autos geschenkt bekommen, schlägt Christina Schmitt, 19, sich mit den Formularen ihrer Eltern herum und verzweifelt an der Behördenwelt. Protokoll eines Dramas.

Erster Akt: Der Antrag, ein Monstrum

Der Hartz-IV-Antrag liegt vor mir. Undurchdringlich, ein Irrsinn an Formulierungen. Was soll ich ankreuzen? "Du machst wieder a Schmiererei zam", sagt meine Mutter. Der Zettel sieht schlimmer aus als meine Latein-Hausaufgabe.

Christina, 19, aus Bayern: "Ich muss heulen - ich will nicht heulen"
Christian Geutner

Christina, 19, aus Bayern: "Ich muss heulen - ich will nicht heulen"

Auf dem Sofa sitzen meine Eltern, sie schalten den Fernseher aus. "Sturm der Liebe" ist erstmal vorbei. Mein Vater holt die Unterlagen und knallt sie auf den Tisch: Stromrechnungen, Sparbücher, Versicherungen.

Er hat sich über 20 Stunden mit Aktenordnern, trägen Beamten und Behörden herumgeschlagen. Sein Gesicht ist fahl, seit zwei Wochen ist er unausstehlich. Er spricht tagelang fast gar nicht, dann fängt er urplötzlich an zu schreien. Er schimpft über das Jobcenter und darüber, was alles falsch gelaufen ist in seinem Leben. Ich kann ihn verstehen. Mein Kopf explodiert gleich. Ich möchte auch schreien.

Hartz IV. Eine Reform, die anfangs ein ganzes Volk in Aufruhr versetzt hat. Eine Reform, deren Problem nicht in ihrer Existenz, sondern in ihrer Anwendung liegt. Das Arbeitslosengeld II zu beantragen, ist ein einziger Hürdenlauf. Jede Hürde verängstigt meine Eltern mehr, schüchtert sie ein. Mit dem Antrag fängt es an - sie sind damit schon lange überfordert. Jetzt habe ich übernommen.

In der Schule bin ich jetzt ein Kotzbrocken

Meine Nerven liegen blank. Nachmittags schlage ich mich zu Hause mit dem 30-seitigen Monstrum herum, vormittags in der Schule bin ich ein Kotzbrocken, weil ich an das Monstrum denken muss. Ich bin kurz vor der Kapitulation. Alles hinschmeißen? Ein schöner Gedanke. Ich muss den Antrag noch mal ausfüllen: Ich habe so viel durchgestrichen, dass ich kaum noch durchblicke.

Irgendwann liegt das Papier ausgefüllt vor mir. Morgen hat mein Vater einen Termin im Jobcenter, es soll überprüft werden, ob der Antrag vollständig ist. Erst dann wird er bearbeitet. Das Jobcenter soll eine Hilfe sein. Für meinen Vater ist es eine Hürde.

Ich komme mit, ich kenne die Unterlagen am besten, ich habe sie ausgefüllt. Das letzte Mal hat der Berater meine Eltern angeschrien, der Antrag war angeblich durcheinander. Mein Vater war so eingeschüchtert, dass er nicht einmal mehr falsche Angaben ändern wollte, die sich zu unseren Ungunsten ausgewirkt hätten.

Ich komme mit, weil ich wissen möchte, ob es in bestimmten Fällen Ausnahmen gibt. Ob es in meinem Fall eine Ausnahme gibt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Ich könnte auch heulen,
Coolie, 29.05.2008
aber vor Wut bei so viel Ignoranz der beteiligten Behörden. Bei solch gelagerten Fällen, die ja sicher nicht selten sind, zeigt sich wie handwerklich ungeschickt dieses Gesetzeswerk formuliert ist. Noch schlimmer als die Arbeitslosigkeit empfinde ich allerdings die menschenunwürdige Behandlung bei den Behörden.
2. so ist das in Deutschland
Mulharste, 29.05.2008
..einfach nur zum kotzen! ..das schlimmste sind aber noch diese völlig überforderten Mitarbeiten in den Jobcentern und diese hochgradis unsinnige Regelung, Erspartes aufzubrauchen. Klar soll Erspartes aufgebracuth werden, aber doch nciht nach dem Verteilungsplan von H4, wenn ich sonst null Förderung bekomme, wie zb ne Monatskarte. Ich darf einfach keine haben. Was anderes sit natrülich diese protzige 1000€ Klassenfahrt. Humbug und sollte unterbunden werden. NE Klassenfahrt soll meinetwegen 150€ kosten und gut.
3. Kommt mir bekannt vor
kalauer, 29.05.2008
Kommt mir alles bekannt vor. Nach außen ist alles ganz toll und jeder bekommt sein Geld. Aber die Dummen die sparen, aber leider nicht genug verdienen, bekommen Alles wieder abgenommen. Und durch Mini-Arbeitsplätze mit Hartzzuschlag sollen sie auch noch ewig in dieser Knechtschaft gehalten werden. Ich halte Dir die Daumen das es reicht für Dein Studium und dass Du hinterher beim Geldverdienen nicht vergißt wie es Dir ergangen ist.
4. Das eigentliche Problem...
maa_2001, 29.05.2008
...liegt darin, daß die Politik die Medien dazu nutzt, dem Bürger zu erklären, welch` großartigen Taten auf dem Arbeitsmarkt in den vergangenen Monaten erreicht wurden. Fakt und der eigentliche Skandal ist allerdings, daß die Schilderung offensichtlich (teilweise aus dem engsten Familienkreis bestätigt) der Wahrheit entspricht. 90.000 Mitarbeiter einer Bundesagentur (oder wie das Monster aktuell auch gerade heißt) treiben ihre "Kunden" (der wahre Hohn!) in die Arme von Zeitarbeitsfirmen. Erfolgreiche Vermittlungen (bitte hierbei vor allem das Aufwand-Leistungsverhältnis beachten) durch das Arbeitsamt werden sich wohl auf dem üblichen, niedrigen Niveau bewegen. Da ist eine Reform mal ganz dringend angesagt! Aber auch hier wird sich -ganz im Einklang mit den bekannten Verhältnissen im öffentlichen Dienst- nichts, aber auch rein gar nichts ändern. Und genau das und die Folgekosten (Pensionslasten) wird uns in Deutschland einmal "das letzte Hemd kosten".
5. Keine Sorgen wegen Studium
altebanane 29.05.2008
Hallo liebe besorgte Tochter, ich kann dir wirklich versichern, das Beste, was dir als Studentin passieren kann, ist, wenn deine Eltern H4-Empfänger sind. Dann bekommst du nämlich problemlos den höchsten Bafög-Satz. Dein lieber Vater sollte den Stress im neuen Job - überdenken-.
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