SchülerVZ-Profile: Die ganze Welt liest mit

Von Katrin Schmiedekampf

Mein Geburtsdatum, meine Hobbys, mein Lieblingsfach: Im SchülerVZ verraten Jugendliche so ziemlich alles über sich. Sogar Privatfotos vom Strand können andere Nutzer bestaunen. Ein Pädagoge zieht nun in einen Warn-Feldzug für die Schüler.

Wenn Markus Gerstmann in einer Klasse auftaucht, sind viele Schüler erstmal sauer. Denn der Medienpädagoge bereitet sich auf einen Projekttag in der Schule so vor: Er schaut sich die Klassenliste durch und prüft, wer im SchülerVZ angemeldet ist. Profile von Leuten, die besonders viel über sich selbst verraten, druckt Gerstmann aus - und hängt sie für alle sichtbar im Klassenraum auf.

"Die meisten Schüler finden das überhaupt nicht lustig. Sie beschweren sich, weil sie glauben, dass nur Freunde ihre Profile ansehen", sagt Gerstmann. Das erste Mal war es die neunte Hauptschulklasse eines Bremer Schulzentrums, die er mit den Profil-Aushängen schockte. "Warum hängt das hier? Das sind meine Daten, das geht keinen etwas an!" Diese Sätze musste sich der Medienpädagoge anhören.

Dabei können Menschen auf der ganzen Welt nachlesen, welche Hobbys und Lieblingsfilme jemand hat, mit wem er befreundet ist und was er anderen auf die virtuelle Pinnwand schreibt. Einzige Voraussetzung: Der Neugierige besitzt selbst einen SchülerVZ-Zugang.

Doch den freien Zugriff auf das eigene Profil kann man ganz leicht verhindern, und zwar so: Man erlaubt nur Freunden, sich die persönliche Seite anzuschauen. Das wollte Gerstmann den Schülern klar machen. "Nach dem Projekttag sperrten viele tatsächlich ihr Profil für Leute, mit denen sie nicht befreundet waren."

Überzeugungsarbeit leistet Gerstmann auch, wenn er folgende Geschichte erzählt: "Ein Mädchen liegt im Bikini am Pool. Sie merkt, wie jemand sie durch ein Loch in der Hecke beobachtet und findet das unangenehm. Also geht sie rein und zieht sich ein T-Shirt an. Auch im SchülerVZ finden sich Bilder von Leuten am Strand. Aber da merkt man nicht, wenn man angestarrt wird." Eine gruselige Vorstellung, das finden auch die Schüler.

Markus Gerstmann arbeitet als Medienpädagoge für das "Service Bureau Jugendinformation" in Bremen. Zusammen mit seinen Kollegen informiert er Jugendliche "über wichtige Themen". Er versucht, die Sprache seiner Zielgruppe anzunehmen. Ein bis zweimal im Monat wird er von Lehrern in Klassen eingeladen, um mit ihnen über das SchülerVZ und andere Internet-Seiten zu diskutieren. Er kommt dann meist einen Vormittag in die Schule.

"Ich spreche zuerst über Poesiealben und Freundschaftsbücher. Die Dinge, die man früher darüber erfahren hat, kann man heute im Internet nachlesen." Wovor Gerstmann die Schüler warnt: Das Internet vergisst nichts. Viele Dinge kann man auch nach Jahren noch finden. Und obwohl man eigentlich Schüler sein muss und nur von Bekannten eingeladen werden darf, verschaffen sich immer wieder auch Erwachsene Zugang.

Mein Filmriss ist länger als die ganze Party

"Was ist eigentlich Freundschaft?", fragt Gerstmann die Schüler. Er kann sich nicht vorstellen, dass einzelne tatsächlich 500 Freunde haben - obwohl sich in ihrer Liste im SchülerVZ so viele Leute tummeln. Und noch etwas brennt dem Pädagogen auf der Seele: "Wollt ihr wirklich, dass zukünftige Chefs euch in Gruppen wie 'Mein Filmriss ist länger als die ganze Party' findet?" Auch über das Thema Mobbing wird geredet. Denn es kommt immer wieder vor, dass Leute einander böse Nachrichten auf die virtuelle Pinnwand schreiben oder Gruppen gründen, in denen über jemanden gelästert wird.

"Die realen Probleme, die in den Klassen auftauchen, landen auch bei uns", sagt der SchülerVZ-Jugendschutzbeauftragte Phillippe Gröschel, 22. Er und seine Kollegen reagieren auf Lästereien so: "Gründer von Mobbing-Gruppen werden ohne Vorwarnung gelöscht." Und die jüngsten Nutzer genießen besonderen Schutz: "Alle Mitglieder, die unter 16 Jahre alt sind, werden automatisch auf Privat eingestellt", sagt Gröschel.

Auch im SchülerVZ finden sich eine ganze Reihe von Infos zum Thema Jugendschutz. Jeder Schüler könne selbst entscheiden, welche Informationen er tatsächlich in seinem Profil eintragen wolle und welchem Personenkreis er diese zugänglich mache, schreiben die Betreiber. Die möchten sich bald an einen runden Tisch mit anderen Plattformbetreibern, Jugendschützern und Datenschutzexperten setzen und über das Thema diskutieren. "Außerdem wollen wir eine Arbeitsgruppe zum SchülerVZ bilden, in der sich Eltern, Lehrer und Schüler zusammensetzen und überlegen, was man am SchülerVZ noch verbessern kann", sagt Gröschel.

"Die Holzhammer-Methode bringt nichts"

Dass sich der SchülerVZ-Jugendschutzexperte und seine Kollegen mit dem Thema befassen, ist klar. Aber wie kam der Medienpädagoge Gerstmann dazu? Irgendwann vor etwa einem Jahr merkte er, dass das Schülerverzeichnis genauso funktioniert wie das StudiVZ - und dass Schüler in ganz Deutschland fasziniert davon sind. Viele Informationen, die die Jugendlichen Preis gaben, schockierten ihn. "Ich bin 44 Jahre alt und habe früher noch die Debatte um die Volkszählung miterlebt. Damals wollten eine Reihe von Menschen ihre Daten nicht Preis geben. Jetzt stellen die Leute sie ganz selbstverständlich ins Netz."

Die Schüler davon abzuhalten, ein eigenes Profil zu erstellen, versucht Gerstmann nicht. Auf Elternabenden, zu denen er regelmäßig eingeladen wird, rät er sogar davon ab. "Die Holzhammer-Methode bringt gar nichts. Die Jugendlichen sind dabei, weil sie mitreden wollen, weil sie Leute treffen, die sie sonst aus den Augen verlieren", sagt er. Sein Tipp an besorgte Eltern: Sich zeigen lassen, welche Seiten die Jugendlichen besuchen - und ihnen raten, nicht alles öffentlich zu machen.

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SchülerVZ: Mobbing-Gruppen werden gelöscht

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