Schule im Zeitraffer: "Ich gehörte nie richtig dazu"

Mit neun Jahren aufs Gymnasium und mit 16 zur Uni - Alice Lortholary war überall die Jüngste. Im Jugendmagazin "Jetzt.de" erzählt sie, warum ihre Mitschüler sie für komisch hielten, wie sie im Lexikon vulgäre Ausdrücke nachschlug und im Studium ihr Alter endlich unwichtig wurde.

Alice Lortholary; Ein Leben im Schnelldurchlauf Zur Großansicht
Jacques-Alexandre Maugüé

Alice Lortholary; Ein Leben im Schnelldurchlauf

Die Tests dauerten nicht länger als eine Stunde. Vor mir lag ein Haufen Papier, und die beiden Männer, die mich an "Dick und Doof" erinnerten, sagten, ich solle Mäuse, Katzen und Musiknoten nachzeichnen. Anschließend sollte ich etwas erzählen, ich erinnere mich nicht mehr, was das war, ich glaube, es war auch nicht wichtig. Schließlich forderten sie mich auf, mich frei im Zimmer zu bewegen.

Dann fällten sie ihre Entscheidung: Ich, fünf Jahre alt, sollte ab sofort nicht mehr in die erste, sondern in die dritte Klasse gehen.

Ich bin in Südfrankreich aufgewachsen, in einem kleinen Dorf. Ich galt als Sonderling: Ich trug keine Jeans und Turnschuhe wie die anderen Kinder, sondern Blumenröcke und Lederstiefeletten, konnte kein Rad schlagen und hatte an kollektiven Sportarten gar keinen Spaß. Dass ich nun noch eine Klasse übersprang, erstaunte meine Mitschüler nicht weiter - für komisch hielten sie mich ohnehin.

Dass ich wie ein Einzelkind aufgewachsen war, half mir im Umgang mit meinem Alter auch nicht wirklich. Meine Mutter und mein Vater hatten schon jeweils zwei Söhne und zwei Töchter aus ihren ersten Ehen, aber diese vier Halbgeschwister waren schon erwachsen, so dass ich mit ihnen nur wenig zu tun hatte. Ich war es also von Haus aus gewohnt, als Nesthäkchen Gespräche mitzubekommen, die ich gar nicht verstand.

"Jünger sein" bedeutete zum ersten Mal "ausgeschlossen sein"

Die Probleme fingen an, als ich mit neun auf das Gymnasium wechselte. Nach den ersten zwei Tagen klebte an meiner Stirn das Label "die Jüngste". Zum ersten Mal bedeutete "jünger sein" auch "ausgeschlossen sein". Der Abstand zwischen mir und meinen Mitschülern wuchs zu einem riesigen Graben. Bei ihnen spielten die Hormone verrückt, um mich herum brach die Pubertät ein, die für mich ein rätselhaftes Reich blieb.

In der Pause auf dem Schulhof stand ich ratlos und stumm vor Verzweiflung neben meinen reiferen Freundinnen, während sie ausführlich über BHs plauderten. Und während alle "Hit me Baby one more time" sangen und choreografierten, konnte ich nur meine Klavierstücke auswendig spielen.

Abends kam ich manchmal ganz aufgeregt nach Hause und wartete ungeduldig auf eine Gelegenheit, irgendein neues vulgäres Wort im Wörterbuch suchen zu können. An mir gingen wegen dieses Fachwortschatzmangels alle Witze vorbei: "D, D-I, D-I-L-, Dild, Dilettantisch, ..." Das Wörterbuch war meistens keine Hilfe.

Die Kluft zwischen meinen Mitschülern und mir schien unüberbrückbar geworden zu sein. Ich kam mir wie eine Ausländerin vor, die die Landessprache nicht versteht. Damit mein Unwissen nicht auffiel, hatte ich ein heuchlerisches Lächeln erfunden, das ich zu jeder Gelegenheit aufsetzte, wenn ich gerade nichts kapierte.

Zwischen 13 und 16 erlebte ich die Pubertät im Schnelldurchlauf

Manchmal erfand ich Geschichten, von denen ich glaubte, sie seien so, wie sie Ältere sich erzählten. Aber es half alles nichts: Ich gehörte nie richtig ganz dazu. Dementsprechend wenig konnte ich mit den Jungs aus meiner Klasse anfangen: Sie waren zwar zwei Jahre älter, aber ich hielt sie für Dummköpfe. Flirts, Schiebertanzen und erste Küsse interessierten mich nicht. Sie langweilten mich mit ihren komisch brüchigen Stimmen.

Während der Pausen, in denen sich Jungs und Mädchen vermischten, ging es hauptsächlich um die nächste SMS-Abstimmung für die Kandidaten der ersten französischen Reality-Show "Loft-Story". Ich aber durfte weder fernsehen noch hatte ich ein Handy. Und so zog sich durch meine ersten Gymnasiumsjahre das komische Gefühl, immer hinterher zu sein.

Als ich aber etwa zwölf Jahre alt war, entwickelte ich eine Strategie: Eigentlich wäre es sinnvoll gewesen, einfach mit gleichaltrigen Mitschülern aus niedrigeren Klassen rumzuhängen. Ich aber tat genau das Gegenteil: Ich sah mich nach einem älteren Freundeskreis um. Es waren für meinen Geschmack sehr offene Leute, viele von ihnen engagierten sich politisch, und alle waren fest entschlossen, nach dem Abitur die kleine Provinzstadt zu verlassen.

Wenn ich schon die Jüngste war und damit leben musste, dann wollte ich daraus Vorteile ziehen. Mit zwölf zog ich an meiner ersten Zigarette. Als ich 13 war, nahmen mich meine 18-jährigen Freundinnen mit auf Partys in die Stadt und in die Disco. Ich forderte mich heraus, mehr als all meine Mitschüler zu erleben, und vor allem früher. Zwischen 13 und 16 erlebte ich all das, was zu einer Pubertät gehört, im Schnelldurchlauf.

Plötzlich fragte niemand mehr nach meinem Alter

Als ich mit 16 das Abi in der Tasche hatte, wäre ich wieder gerne älter gewesen. Ich fühlte mich viel zu jung, um von zu Hause auszuziehen. Trotzdem ging ich nach Paris. Zum ersten Mal war es egal, wie alt ich war. Im Studium vermischen sich so viele unterschiedliche Leute - die in der Schule so starren Altersgrenzen werden weich und irgendwann unwichtig. Plötzlich fragte niemand mehr nach meinem Alter, weder Professoren, Mitstudenten oder Arbeitskollegen. Es war egal geworden.

In jenem Sommer lernte ich einen Kollegen kennen, der mit 26 gerade eine Ausbildung macht. Er fragte mich, was ich für ein Studium gemacht hätte. Ich sagte, ich hätte gerade mit 21 einen Master an der Uni gemacht. Er fragte zurück: "Hast du sonst noch was im Leben gemacht?" Ich habe nichts geantwortet und habe ihn leise verachtet. Ich hätte gerne gesagt, dass ich noch ein neues Studium anfangen könnte und dabei immer noch jünger als er wäre, aber ich blieb höflich. Diese Frage machte mir etwas bewusst: Jüngersein hieß mit einem Mal auch, mehr Möglichkeiten zu haben.

Ob Dick und Doof damals die richtige Entscheidung getroffen hatten, kann ich heute schwer beurteilen. Hätten meine Eltern sich weigern sollen, mich eine Klasse überspringen zu lassen? Vielleicht hätte ich mich dann in der Schule gelangweilt. Hätte ich dann zwischen zwölf und 14 weniger Schwierigkeiten gehabt? Wahrscheinlich. Aber wer ist in diesem Alter schon glücklich?

Heute bin ich noch immer meist die Jüngste in einer Gruppe. Aber es stört mich nicht mehr. Ich habe es mir mit dem Alter angewöhnt. Wenn man jung ist, will jeder älter sein. Aber sobald man ein gewisses Alter überschritten hat, kippt das. Früher oder später will jeder jünger sein.

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insgesamt 65 Beiträge
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1. das Problem des Alters....
Neinsowas 03.12.2010
....immer noch nicht überwunden! Wehe, wenn sie im Leben einmal nicht mehr die Jüngste sein wird.... Da merkt man sehr deutlich, dass die heute einzig belegte, deshalb so überbewertete "rationale" Intelligenz der mindestens genauso wichtigen "sozialen" Intelligenz nicht unbedingt voraus ist.
2. Hochbegabte brauchen Hilfe
MonaM 03.12.2010
Zitat von sysopMit*neun Jahren aufs Gymnasium und mit 16 zur Uni - Alice Lortholary war überall die Jüngste. Im Jugendmagazin "Jetzt.de" erzählt sie, warum ihre Mitschüler sie für komisch hielten, wie sie im Lexikon vulgäre Ausdrücke nachschlug und im Studium ihr Alter endlich unwichtig wurde. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,730031,00.html
Die (bisherige) Lebensgeschichte der Alice Lortholary beweist einmal mehr, dass sich Staat und Gesellschaft mit ebensolcher Intensität den Problemen der hochbegabten Kindern widmen müssen, wie es mit minderbegabten und benachteiligten der Fall ist. Für Kinder und Jugendliche (und ihre Familien) ist ihre Genialität vor allem eine Belastung, zu deren guter Bewältigung sie viel Verständnis und Hilfe benötigen und verdient haben - letztlich zum Nutzen der ganzen Gesellschaft.
3. korrekt
bilder_rahmen 03.12.2010
Zitat von Neinsowas....immer noch nicht überwunden! Wehe, wenn sie im Leben einmal nicht mehr die Jüngste sein wird.... Da merkt man sehr deutlich, dass die heute einzig belegte, deshalb so überbewertete "rationale" Intelligenz der mindestens genauso wichtigen "sozialen" Intelligenz nicht unbedingt voraus ist.
Sehe ich genauso. Ich wurde relativ frü eingeschult, war in meinen Klassen also auch immer einer der jüngsten. Zwar nie so extrem, da ich nie eine Klasse übersprungen habe... ... dennoch fängt man an sich irgendwann über das Alter zu definieren. Heute, mit 23, habe ich diesen Punkt überwunden, aber es war ein schreckliches Gefühl sich zum ersten Mal alt zu fühlen. Auch mit der sozialen Intelligenz muss ich Ihnen zustimmen. Was unter Anderem die Wertschätzung anderer Menschen (Dick und Doof - ich denke ich verstehe wie es gemeint sein soll, obwohl die verkörpernden Komiker geniale Menschen waren) betrifft. Deutlich auch zu lesen an dem verhalten gegenüber dem 26 jährigen. Man sollte jedem zugestehen sein Leben so zu leben wie man es möchte. In dieser Weise herablassend über andere zu denken zeugt eben nicht gerade von einer großen sozialen Kompetenz... ... In diesem Sinne herzlich Willkommen in den Führungetagen von Wirtschaft und Politik... ... Bleibt also alles wie gehabt.
4. selsbtreflektion
kuriosos 03.12.2010
das hauptproblem bei solchen geschichten ist das keine rechte kindheit stattfindet, und diese menschen zumeist genausogut an einem aspergersyndrom leiden könnten. ihr intellekt lässt sie bei einfacher gestrickten menschen als klugscheisser rüberkommen, oder ins schweigen verfallen um nicht anzuecken. soziale oder gar emotionale kompetenz werden durch selbstreflektion ersetzt, da man derartiges fast nur noch aus zweiterhand erlernt. das gefühl das einen niemand versteht und das man mehr oder weniger alleine ist, während das "erwachsene" umfeld einen als wesentlich weiter und damit auch belastbarer wahrnimmt und demzufolge auch ganz andere erwartungen an einen solchen menschen richtet, erkennt man zumeist als betroffener erst sehr viel später. notwendigerweise bemerkt man als kind diesen unterschied sehr deutlich. noch deutlicher wenn es normale geschwister im haushalt gibt. aber fassen kann man ihn mangels erfahrung und angesammelter information nicht. und solche erfahrungen machen einsam sie führen zu seltsamen psychischen reaktionen und schlussendlich zum unglücklichsein. zwar ist das kein abschliessendes urteil, aber die wahrscheinlichkeit einer ziemlich stumpfen jugend ist doch recht hoch. das erwachsenenleben bringt ja gottseidank linderung und erleichterung, aber eben nicht immer.
5. Soziale Intelligenz?
auchhiermal 03.12.2010
Zitat von bilder_rahmenSehe ich genauso. Ich wurde relativ frü eingeschult, war in meinen Klassen also auch immer einer der jüngsten. Zwar nie so extrem, da ich nie eine Klasse übersprungen habe... ... dennoch fängt man an sich irgendwann über das Alter zu definieren. Heute, mit 23, habe ich diesen Punkt überwunden, aber es war ein schreckliches Gefühl sich zum ersten Mal alt zu fühlen. Auch mit der sozialen Intelligenz muss ich Ihnen zustimmen. Was unter Anderem die Wertschätzung anderer Menschen (Dick und Doof - ich denke ich verstehe wie es gemeint sein soll, obwohl die verkörpernden Komiker geniale Menschen waren) betrifft. Deutlich auch zu lesen an dem verhalten gegenüber dem 26 jährigen. Man sollte jedem zugestehen sein Leben so zu leben wie man es möchte. In dieser Weise herablassend über andere zu denken zeugt eben nicht gerade von einer großen sozialen Kompetenz... ... In diesem Sinne herzlich Willkommen in den Führungetagen von Wirtschaft und Politik... ... Bleibt also alles wie gehabt.
Und wer bitteschön hat in diesem Fall unsozial gestänkert??? Der 26-jährige, der mit irgendwelchen schnippischen Bemerkungen um sich schoß ("Und hast du im Leben sonst noch etwas gemacht"), oder die junge Frau, die sich daraufhin im Stillen (!) ihren Teil zu dem Gesagten gedacht hat? IQ- und EQ-Werte zeigen keinerlei Korrelevanz, dies wurde bereits in zahlreichen Untersuchungen (auch an Schulkindern) nachgewiesen. Gegenteiliges verbreiten nur Mitmenschen, die gerne einen hohen EQ oder IQ hätten, damit aber nicht gesegnet sind.
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Zur Person
Die Französin Alice Lortholary, 22, studierte nach dem Abi zunächst Germanistik und französische Literatur in Paris und machte dann ihren Master in Deutsch-Französischem Journalismus. Das Studium beendete sie - natürlich - mit Bravour: Note 1,0. Derzeit arbeitet sie als Praktikantin bei "Jetzt.de".
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