Schummelnde Schüler: Die besten Spick-Tricks der Welt

Von Ariane Stürmer

Japaner greifen zum Gummizug, Jordanier tricksen mit Folie, Russen setzen auf präparierte Gürtel - bei Spickzetteln beweisen Schüler weltweit ein Höchstmaß an Kreativität. Eine Ausstellung zeigt die kuriosesten Varianten der Pennälerschummelei.

Schöner Spicken: Die Galerie der Trickser Fotos
dpa

Einmal, es muss Ende der achtziger Jahre gewesen sein, da ging Günter Hessenauer wieder einer ins Netz. Schon eine Weile beobachtete der Lehrer einen 15-Jährigen. Hessenauer fixierte den Schüler mit seinem Blick, während er langsam auf ihn zuging. Der Junge beugte sich über das Papier auf seinem Tisch, krakelte ein paar Worte darauf, sah sich immer wieder um wie gehetzt.

Als Hessenauer nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, ergab der Schüler sich. Er ließ den Stift fallen, hob die Hände wie bei einem Überfall in die Höhe - und Hessenauer las auf den Handinnenflächen die wichtigsten Stichworte zur Induktionslehre.

Was für andere Lehrer ein pures Ärgernis ist, ist für Hessenauer vor allem eines: eine Leidenschaft. Günter Hessenauer - heute 68, Brille, graues welliges Haar, Koteletten bis auf Kinnhöhe - hatte eine weitere Geschichte für seine Spicker-Sammlung. Für den Schüler war die Physikarbeit freilich beendet.

Seit den sechziger Jahren trägt der Lehrer aus Nürnberg Spickzettel und Spicktricks jeglicher Art zusammen. Manche hat er selbst seinen Schülern abnehmen müssen, wenn sie so offensichtlich auf ihre Notizen lugten, dass er den Betrug selbst mit zwei zugekniffenen Augen nicht mehr übersehen konnte. Manche hat er nach Schulschluss unter Bänken gefunden, einen in der Grünpflanze des Lehrerzimmers. Aber die meisten haben ihm Freunde, andere Lehrer und Schüler geschenkt, als sie von seiner Leidenschaft erfuhren.

Anerkennung für die Profi-Spicker

Vom auf die Hand geschriebenen Spicker ist Hessenauer nicht mehr geblieben als die Erinnerung. Greifbar aber sind jene 300 Zettel, die er vor zwei Jahren dem Schulgeschichtlichen Museum Nürnberg vermacht hat. Sie wurden Teil einer Sammlung der Universität Erlangen-Nürnberg. Über tausend Spickzettel zeigt das Museum jetzt erstmals in einer umfangreichen Ausstellung.

Aus der ganzen Welt haben Schüler und Studenten, Lehrer und Professoren, Sammler und Institute ihre Zettelchen in den vergangenen Jahren nach Nürnberg geschickt. Aus Japan, Hongkong, Jordanien, Frankreich, USA, Tansania. Die Sammlung ist über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt.

Und sie zeigt: Gespickt wird auf der ganzen Welt, in jeder sozialen Schicht und verbrieft seit dem frühen 18. Jahrhundert. Nur die Art, mit der Schüler spicken, unterscheidet sich international. Umgang, Einsatz und Herstellung der kleinen Hilfszettel variierten stark, sagt Mathias Rösch, Leiter des Museums. In den USA und an den Eliteschulen Hongkongs etwa sei Spicken ein gesellschaftliches Tabu. "In Jordanien haben die Schüler da keine Hemmungen. Spicken ist üblich. Und in Deutschland nehmen wir das ja eher mit einem Augenzwinkern." Manche Lehrer haben zu Rösch auch schon gesagt: "Wenn einer gut spickt, muss man das auch anerkennen."

Gut spicken, das kann man auf ganz unterschiedliche Weise. Es gibt die klassischen Zettel: gefaltet, gerollt, geklebt, halbrund, rund, 80 Zentimeter lang, in Sonderbriefmarkengröße, handgeschrieben, gedruckt, kopiert. Es gibt gebastelte Spicker in Uhren und Brillen, auf Flaschen und Radiergummihüllen, in Zigarettenschachteln und auf Stifte gerollt.

Jedes Schulsystem hat seine eigenen Spicker

Aus Japan ist Rösch eine Form des Zettelspickers bekannt, die er bisher nur von dort kennt: Wie eine Ziehharmonika wird das Blättchen gefaltet und an einem Ende mit einem Gummiband am Ellbogen unter dem Ärmel fixiert. Kommt ein Lehrer zu nahe, lässt der Schüler den Zettel los, und schon verschwindet er unter der Kleidung.

Ausschließlich in Jordanien nutzen Schüler eine Art Kohlestift zum Spicken: Das benötigte Wissen schreiben sie auf eine Folie, legen dann einen durchsichtigen Klebestreifen darüber und ziehen ihn ab. Die Schrift bleibt haften, der Spicker kann an jeden beliebigen Ort geklebt werden.

Die Herstellung von Spickzetteln sei vor allem vom jeweiligen Schulsystem eines Landes abhängig, sagt Rösch. In Russland etwa gebe es ein Multiple-Choice-System, bei dem stets einer von mehreren bekannten Frageblöcken pro Fach bearbeitet werden müsse. Die Schüler haben darauf reagiert, indem sie spezielle Gürtel angefertigt haben: In die Gürtel sind Stecktaschen eingearbeitet, darin steckt jeweils ein Spickzettel. Kommt Fragebogen Nummer neun in der Prüfung dran, zieht der Schüler aus Tasche Nummer neun die zugehörigen Antworten. 20 Zentimeter können die Spickzettel lang sein, PC-beschriftet auf einer Breite von drei Zentimetern.

Seit einiger Zeit beschäftigen sich auch Forscher mit den kleinen Papieren. Man könnte fragen: Braucht die Welt das wirklich auch noch, eine Spickzettelforschung? Was können die Papierchen über unsere Kultur verraten, das wir nicht schon längst wüssten? Günter Hessenauer sagt: zum Beispiel wie lange es dauert, bis eine Lehrplanänderung im Unterricht ankommt.

Der Sammler selbst nutzte den Dickbauch des Biolehrers

Zum Beispiel in Geschichte: Früher wurden fast ausschließlich Zahlen gepaukt. Heute lernen Schüler historische Zusammenhänge. Wann aber kam diese neue Didaktik in den Klassenzimmern an? Ab wann wurde sie nicht nur gelehrt, sondern auch geprüft? Auch für Sprachforscher könnten Spickzettel wichtig sein. Hessenauer würde zum Beispiel interessieren, ob es Parallelen zur SMS-Kultur gibt. Wann kam das Wort "Amiland" auf? War es zuerst als neutrale Abkürzung auf Spickzetteln, bevor es als abfällige Bezeichnung für die USA in Sprachgebrauch kam?

Rösch wiederum sagt, die drängendsten Fragen seien: Steigert Spicken wirklich den Lernerfolg? Ist eine faire Beurteilung in einem solchen System überhaupt noch möglich? Und macht der Leistungsbetrug die Schüler auf Dauer nicht schwächer als stärker? Der Leiter des Schulmuseums hat sich bereits viele Vorwürfe anhören müssen, seine Ausstellung ermuntere die Jugendlichen ja nur noch mehr.

Mancher Schüler hat sich im Gästebuch bereits bedankt für die zahlreichen Anregungen. Genau das aber wollten Rösch und sein Team nicht erreichen. "Wir wollen nicht fürs Spicken werben", sagt er mit Nachdruck. Es gehe vielmehr darum, "zum Nachdenken anzuregen: Was bedeutet Spicken fürs Schulsystem?"

Für Mathias Rösch bedeutete es Sicherheit in Angstfächern. Und für Günter Hessenauer den Aufstieg in der Klassenhierarchie. "Ich war kein Alphatier, also musste ich mir ein wenig Respekt verschaffen", erzählt er. Als Siebtklässler saß er damals in der ersten Reihe - wie alle, die in der Klasse nichts zu sagen hatten. Es ging "um den Mittelfußknochen der Maus oder so was". Seinen Spickzettel hatte er ganz vorn an den Rand des Tisches gelegt. Da stand sein Biologielehrer, so nah, dass dessen Beine den Tisch des kleinen Hessenauer berührten. Der Zettel lag an dem einzigen Ort im Raum, den der Lehrer nicht sehen konnte: "Unter seinem Bauch", sagt Hessenauer.


  • Ausstellung im Schulmuseum Nürnberg: "Bloß nicht erwischen lassen!", bis 31. Oktober 2009, Äußere Sulzbacher Straße 60-62, 90491 Nürnberg.
  • Günter Hessenauer: Erwischt! Spickzettel & Co. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, 128 Seiten, 8,95 Euro.
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Forum - Heimliche Hilfe - Was waren Ihre Spickertricks?
insgesamt 34 Beiträge
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1. Spicker in der K12
Sönke_k 03.09.2009
Die besten Spickertricks, die bei uns auf dem Gymnasium noch angewendet werden, sind: - Der Bierdeckelspicker (Klassiker!!): Man schreibt auf einen Pappkarton und spickt in unter den Schultisch - Ablenken des Lehrers erleichtert das Spicken ungemein - "draußen Spicken": Während einer Arbeit auf die Schultoilette gehen und dort dann "zufällig" einen Spicker finden... Manchmal geben uns aber die Lehrer eh so viel Tipps, sodass wir eigentlich schon genau wissen welche Aufgabenart, bzw. welcher Stoff in der Klausur vor kommt.
2. auf-den-tisch-damit
aldianer 03.09.2009
Die einfachen Tricks sind immer noch die besten: Ab der 10. Klasse habe ich immer die benötigten Informationen auf den Tisch geschrieben, möglichst klein und nah an der Seite wo man sitzt, und legte anschliessend das Aufgabenblatt auf die beschriftete Stelle. Immer wenn ich den Spicker gebraucht habe, musste ich nur das Blatt minimal nach oben verschieben und konnte, ohne mich grösseren Gefahren auszusetzen, gut ablesen. Anschliessend musste nur noch die Schrift mit der Hand verwischt bzw abgewischt werden. Voraussetzung: heller Tisch, Bleistift
3. Spickertricks???
mavoe 03.09.2009
Zitat von sysopWas waren Ihre Spickertricks?
Nöö, auf keinen Fall, NIEMALS! Hab ich NIE gebraucht!
4. Keine :-)
Homanx 03.09.2009
Zitat von sysopWas waren Ihre Spickertricks?
Im Ernst: Unser Mathelehrer hat das augenzwinkernd zugelassen. Als ich ihn später mal darauf ansprach, antwortete er, daß die Speickzettel eh' nicht gebraucht wurden. Durch das konzentrierte Schreiben des Spickers bspw. am Vorabend, habe man sich diese Sachen "eingetrichtert". Er hatte recht! Die meisten Lehrer nehmen eh' meist die Sachen in den Arbeiten dran, die nicht "gespickert" sind Homanx, der Spicker :-)
5.
chenuu 03.09.2009
ich hatte eine PopSwatch. Man konnte die Uhr einfach aus der Armbandhalterung lösen und darunter bequem einige Spicker verstecken. Hat über Jahre geklappt. Ein anderer Trick war, Spickzettel in den Saum von langen Pullis zu nähen und dann einfach umzuklappen.
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