Selbstverletzungen: Warum Mädchen sich ritzen

Von Katrin Schmiedekampf

Sie zerschneiden ihre Arme mit Rasierklingen, drücken Zigaretten auf der Haut aus oder fassen heiße Herdplatten an. Wieso tut man sich selbst so weh? Auf SPIEGEL ONLINE erzählen Mädchen, was beim "Ritzen" in ihnen vorgeht und wie es zur Sucht werden kann.

"Anfangs habe ich die Zähne zusammen gebissen und die Augen zugemacht", sagt Jenny*. Sie hatte Hemmungen, sich mit der Nagelschere in den Arm zu schneiden. Doch zugleich spürte sie ein starkes Verlangen danach.

Rote Linien: Das Ritzen ist die häufigste Art, sich selbst zu verletzen
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Rote Linien: Das Ritzen ist die häufigste Art, sich selbst zu verletzen

Als sie sich zum ersten Mal selbst verletzte, war Jenny 13 Jahre alt. Sie zerfetzte ihre Haut zwar nur oberflächlich - aber es blutete. "Danach fühlte ich mich besser", sagt Jenny SPIEGEL ONLINE. Schon bald kniff sie nicht mehr die Augen zu. Das Ritzen wurde zur Gewohnheit. Sie tat es mehrmals in der Woche, abends oder nach der Schule, wenn sie allein in ihrem Zimmer war.

Zum Schneiden benutzte Jenny Küchenmesser, Rasierklingen oder scharfkantige Scherben. Hatten sich auf ihren Armen zu viele Hügellandschaften gebildet, ritzte sie an den Beinen weiter.

Warum sie ihre Haut zerstören wollte - diese glatte, weiche, Schicht, die so wichtig ist für das Tasten und den Wärmehaushalt, die den Körper schützt und zusammenhält? "Weil es sich angenehm anfühlte hineinzuschneiden. Warm und kribbelig." Schmerzen empfand sie nicht, sagt das Mädchen mit der weichen, sympathischen Stimme.

Wenn der Druck nachlässt

"Auto-aggressives" oder "selbstverletzendes Verhalten" (SVV) nennen Psychologen es, wenn Menschen sich absichtlich Wunden zufügen. Das machen besonders häufig Mädchen zwischen 12 und 15 Jahren. Trennung der Eltern, Probleme mit der Familie oder dem Freund, Mobbing in der Schule, sexueller Missbrauch - "es kann sehr unterschiedliche Gründe haben, warum sich Jugendliche verletzen", sagt Falk Burchard, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marsberg.

Schon früher habe es Jugendliche gegeben, die sich selbst verletzen. Doch der Mediziner sieht eine deutliche Zunahme: Denn insgesamt nehmen psychische Störungen bei Jugendlichen zu - das hat auch der aktuelle Jugendsurvey ergeben, eine Studie des Deutschen Jugendinstituts.

Vor dem Ritzen fühlt jedes Mädchen etwas anderes. Manche wollen sich bestrafen, weil sie wütend auf sich selbst sind. Andere fühlen sich zerrissen oder wollen die Endorphin-Ausschüttung, die beim Schneiden entsteht - oder sie wünschen sich Aufmerksamkeit. Nach dem Ritzen aber spüren die meisten das Gleiche: Erleichterung. "Weil der Druck, der sich aufgestaut hat, nachlässt", so Burchard. Daher werde das Ritzen als Lösungsweg erlernt - und oft sogar zur Sucht.

Auch Jenny konnte damit lange Zeit nicht aufhören. Mit 14 beschloss sie, dass es so nicht weitergehen kann. Dass etwas passieren muss. Sie kam in eine Klinik. Weder die Zeit dort noch die Therapie in einer zweiten Klinik halfen ihr, auch eine ambulante Therapie brachte wenig. Es hat einen anderen Grund, dass die inzwischen 19-Jährige sich schon seit fast einem Jahr nicht mehr verletzt hat.

Manche beißen sich selbst

Sich in den Arm zu ritzen - das ist die häufigste Methode, sich selbst zu verletzen. Doch es gibt noch viele andere: die Haut an den Fingernägeln abreißen. Brennende Zigaretten auf den Armen ausdrücken. Körperteile abschnüren. Heiße Herdplatten anfassen. Sich selbst beißen.

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marsberg bei Paderborn ist eine von drei Kliniken, die bei Selbstverletzern eine ganz besondere Methode anwendet: Statt den Jugendlichen unter die Nase zu reiben, dass sie sich "schon wieder selbst verletzt haben", und zu fragen, "was das denn bitteschön soll", geben die Mitarbeiter Tipps, was die Betroffenen tun können, wenn sie "Ritzdruck" spüren. Sie sollen sich einen anderen Reiz setzen - zum Beispiel mit einem Gummiband gegen das Handgelenk schnipsen. Das zwiebelt auch ganz schön.

Nach und nach sollen die Patienten lernen, sich selbst zu mögen, Verantwortung für sich zu übernehmen. Daniela, 17, fällt das schwer. Sie hasst sich. Deshalb schneidet sie sich und hat sogar den Wunsch, Rasierklingen zu schlucken. Das Mädchen, das seit einigen Wochen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marsberg lebt, ist einer der schwierigsten Fälle, die den Ärzten dort bisher untergekommen ist.

"Probleme mit dem Ich - Schicksale in der Jugendpsychiatrie" heißt das SPIEGEL-TV-Thema, bei dem Daniela und drei andere Jugendliche vom Klinikalltag erzählen. Es ist heute um 21.50 Uhr beim Fernsehsender VOX zu sehen.

(* Name von der Redaktion geändert)

Auf SPIEGEL ONLINE erzählen drei junge Frauen, was sie dazu bewegt hat, sich selbst zu verletzen. Und wie sie es geschafft haben, dass aus roten Linien weiße wurden:

Widerworte? Die gab Jenny, 19, nie. Stattdessen verletzte sie sich selbst. Nur ihre ältere Schwester wusste davon. Bis eine Mitschülerin die Wunden in einer Sportstunde entdeckte.

"Ich war der Mensch, der sich jahrelang bis aufs Blut selbst bekämpft hat. Ich bin der Mensch, der seine Narben pflegt", schreibt Alexandra. In ihrem "etwas anderen Lebenslauf" erzählt sie, wie aus rote Linien weiße wurden.

Ihre Schwester hat dichtgehalten. Ihre Freunde haben dichtgehalten. Aber irgendwann kam doch heraus, dass Anna sich in Arme, Schultern und Fußgelenke schnitt. "Dann kam ich in die Klapse", erzählt die 15-Jährige. Manchmal möchte sie gern zurück in die Klinik.


Sind Selbstverletzungen ein Zeichen dafür, dass jemand sich umbringen möchte? Diese und andere Fragen beantwortet Falk Burchardt, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie Marsberg im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

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