Spaß-Tanz-Turnier: So cool kann hässlich sein

Von Lina Zimmer

Menschen, die hässlich tanzen, haben bei der Disco-Balz kaum Chancen - doch beim Ugly Dance World Cup waren sie die Stars: Das Publikum kürte die schlechtesten Tänzer der Nacht. Ohne Talent schafft es allerdings niemand zum Weltmeister - einfach nur peinlich zu sein reicht nicht.

DPA

Dem Türsteher sind die künftigen Weltmeister nicht hässlich genug. "Hinten anstellen", schnauzt er sie an. Es ist kurz nach 20 Uhr, die Schlange vor dem Bunker auf dem Hamburger Heiligengeistfeld ist schon mehr als hundert Meter lang. In zwei Stunden soll hier der zweite Ugly Dance World Cup beginnen, die Weltmeisterschaft im Hässlich-Tanzen.

Levin, 18, Victor, 19, Timo und Michael, beide 20, haben sich mit einem YouTube-Video für die Teilnahme qualifiziert. Darin zappeln sie zu "Rhythm is a Dancer" vor einem alten VW Polo auf einem Supermarktparkplatz. Mehr als 4000 Menschen haben das Video schon gesehen. Der Türsteher nicht.

Die vier Abiturienten scheinen ihm zu brav für Hässlichtänzer. Sie tragen weder Hasenohren noch Tangas aus bunten Zuckerperlen oder BHs über dem T-Shirt, wie ihre Mitstreiter. Erst Florian Schüppel, 32, Miterfinder und Organisator des Ugly Dance World Cups, kann ihn überreden, die Jungs vorzulassen.

"Um hässlich zu tanzen, braucht man kein Kostüm"

"Es gibt einen Unterschied zwischen Hässlich-Tänzern und Scheiß-Tänzern", sagt Schüppel. Hässlich-Tänzer tanzten, weil es ihnen Spaß mache. Scheiß-Tänzer tanzten, um im Mittelpunkt zu stehen. Hässlich-Tänzern schaue man gern zu, Scheiß-Tänzer seien einfach nur peinlich.

Im schmalen Umkleideraum riecht es nach Schweiß, Bier und Haarspray. Zwei Mädchen sind aus Luxemburg angereist, sie trinken sich schon seit Stunden Mut an. Jemand hat Wodka mitgebracht. Victor staunt über die Outfits der anderen. Einer hat einen Motorradhelm mit einem Oma-Schlüpfer kombiniert, ein anderer Pudelmütze mit Leggings.

Dabei sind die schrägen Outfits eigentlich ein Missverständnis. "Es geht hier nicht um Trash, wir wollten nie eine Bad-Taste-Party veranstalten", sagt Schüppel. "Um hässlich zu tanzen, braucht man kein Kostüm", sagt er. Ganz ohne Verkleidung wollen aber auch Victor und seine Freunde nicht auf die Bühne. Michael hat einen Flanell-Schlafanzug und eine Blockflöte mitgebracht, Levin ein Superman-Oberteil.

Die Presse ist internationaler als die Teilnehmer

Eine Choreografie haben sie nicht. "Das machen wir spontan", sagt Timo. Schließlich würden sie schon seit zwei Jahren zusammen schlecht tanzen. Wenn man auf dem Land aufwachse, falle das leicht, sagt Victor. Die Vier kommen aus Steinfeld in Niedersachen, sind zusammen zur Schule gegangen, Michael und Timo machen jetzt eine Ausbildung, Levin und Victor Zivildienst. Der nächste Zug nach Hause fährt erst um halb sieben Uhr morgens, bis dahin müssen sie durchmachen. "Die Dezentiner" haben sie sich genannt. "Dezent" war in der Schule für sie ein anderes Wort für "cool".

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Ungelenke Abiturienten: Glückwunsch, du tanzt so schlecht
"Die sind wie wir vor zehn Jahren", sagt Schüppel. Mit "wir" meint er sich und seine drei Freunde Björn Willemsen, Christian Müller und Falko Ohlmer, alle 32: Die Erfinder des Ugly Dance Worldcups. Die Idee hatten sie auf Björns Party zum 30. Geburtstag. Sie tanzten im Kreis, immer einer in der Mitte, und auf einmal machten 80 Leute mit. Und weil ihnen Ugly Dance Contest zu unspektakulär klang, haben sie gleich eine Weltmeisterschaft ausgerufen.

Im vergangenen Jahr machten immerhin Teams aus sechs Nationen mit, sogar eine Gruppe aus Afghanistan sei angereist, sagt der Veranstalter. Diesmal ist die Auswahl weniger international. Von den zehn eingeladenen Gruppen kommen acht aus Deutschland, eine aus Luxemburg und eine aus der Schweiz. Dafür ist diesmal das russische Fernsehen mit dabei.

Acht Kameramänner und -frauen filmen die Bühne von allen Seiten, noch mehr Fotografen blitzen aus der Menge der 500 Zuschauer. "Die Dezentiner" sind als letzte der zehn Gruppen dran. Gemessen an den Klicks auf YouTube sind die Vier die Favoriten. Das Publikum buht, als sie die Bühne betreten.

"Die Dezentiner" und ihr Geheimrezept

Ein gutes Zeichen, denn Buhrufe sind der Applaus für Hässlich-Tänzer. Michaels Blockflöte kommt gut an und Timo erntet für seinen Lava-Lampen-Move besonders laute Buhrufe. Trotzdem ist Victor nach dem Auftritt unzufrieden. "Wir können noch mehr", sagt er.

Die Jury, bestehend aus zwei zufällig ausgewählten Zuschauern und dem Hässlich-Tanz-Weltmeister 2009, haben die vier Niedersachsen trotzdem überzeugt. Sie schaffen den Einzug ins Halbfinale. Von den 14 angetretenen Frauen ist keine mehr dabei. Victor wundert das, seiner Meinung nach können Frauen mindestens genauso hässlich tanzen wie Männer. Doch für geschlechterphilosophische Überlegungen bleibt keine Zeit.

Mit den "Woidboyz" aus Bayern haben "Die Dezentiner" einen besonders harten Gegner: die Vizeweltmeister 2009. Ihr Tanzstil ist ein Mix aus Schuhplattler mit homoerotischen Einlagen. Doch keine wirkliche Konkurrenz, wie sich schnell zeigt. Diesmal entscheidet das Publikum mit der Lautstärke der Buhrufe. Ein klarer Sieg für "die Dezentiner". Sie stehen im Finale. In der letzten Runde geben sie noch einmal alles. Timo springt sogar in die Menge und schwebt zumindest ein paar Meter auf Händen. Dann verstummt die 90er-Eurotrash-Techno-Musik, das Publikum hört gar nicht mehr auf zu buhen. "Die Dezentiner" sind die neuen Weltmeister.

In der Umkleide verrät Levin ihr Geheimrezept: nüchtern bleiben. Schon im letzten Jahr hätten die gewonnen, die am wenigsten tranken, hatte ihnen Florian gesagt. Denn Betrunkene tanzen selten hässlich, sondern meistens scheiße.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. ...
motormouth 25.10.2010
Gut, dann erbarme ich mich mal und eröffne die Forumsdiskussion... Mich wundert, dass hier nicht wiedereinmal ein neuer "Trend" seitens des SPON "kreiert" wird. So wie neulich á la "Der neueste Trend aus den USA kommt nun auch in Deutschland an: Studenten stricken". Oder gibt es vielleicht keinen Grund wegen eines evtl. fehlendem persönlichen Vorteils (vielleicht ist der Betreiber des Webshops der Strickstudenten ja ganz rein zufällig ein guter Freund des Strickstudenten-Autors?), diesen Tanzwettbewerb weiter zu pushen?
2. Immer her damit
ekel 25.10.2010
Ich hab seit längerem das Gefühl, dass in der Rubrik "Studentenspiegel" inzwischen einfach alle Artikel landen, die in keine andere Rubrik passen und die keiner lesen will. Wer interessiert sich bloss für sowas? Bringt mal wieder was über das Hochschulleben, und nicht solche Sachen wie das Stricken und dieser blöde Tanzwettbewerb. Dann werdet ihr als Nachrichtenmagazin vielleicht auch wieder von Leuten ernst genommen, die nicht jeden Morgen Bild lesen.
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