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Spielhölle Grundschule: Direktoren verbannen Wrestling-Chips

Auf dem Schulhof gilt eine neue Währung: Bunte Jetons mit Bildern muskelbepackter Showkämpfer lösen die Panini-Bilder ab. Manche Schulleiter sehen das als "Glücksspiel" mit Suchtgefahr, sie verbieten Handel und Zocken mit Wrestling-Chips.

Der starke Mann mit dem nackten Oberkörper und der schwarzen Maske darf sich nicht mehr auf den Schulhof sehen lassen. Rey Mysterio hat Hausverbot an mehreren Schulen in Berlin und Hamburg; jedenfalls gilt das für sein Abbild, das finster vom einem kleinen goldenen Plastik-Jeton blickt und unter dem die Zahl zehn steht.

Heiße Währung: Überall zocken Grundschüler mit Wrestling-Chips
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Heiße Währung: Überall zocken Grundschüler mit Wrestling-Chips

Rey Mysterio mit den zehn Power-Punkten ziert eines der begehrtesten Wrestling-Chips. Das sind bunte Plastikscheiben mit Metallkern, auf denen die Fotos amerikanischer Showringer zu sehen sind. Grundschüler sammeln, tauschen und verzocken sie. Lehrer und Eltern barmen, das sei Glücksspiel, und haben sie kurzerhand verbannt.

Sieben Spiel-Varianten sind üblich, eine heißt "Slammerz": Ein Spieler legt seinen Chip auf den Boden. Sein Gegner wirft einen zweiten darauf und versucht, durch einen geschickten Treffer, den liegenden Chip umzudrehen. Schafft er das, darf er beide behalten.

Oft sammeln schon Kinder in der Kita Wrestling-Chips. Und Grundschüler spielen immer öfter auch um Geld. Je mehr Power-Punkte ein Chip hat, desto mehr Geld bekommt der Gewinner. Das Ziel ist dabei stets, den Wert der eigenen Sammlung zu steigern.

"Diese Chips sind reine Abzocke"

Einige Schulleiter haben die Chips bereits verboten. "Diese Chips haben nichts mehr mit Spiel zu tun, sie sind reine Abzocke", sagt Uwe Jeske, Leiter der Stechlinsee-Grundschule im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Er hat die bunten Plastikscheiben vor einigen Wochen vom Schulhof verbannt, weil sie "Glücksspielcharakter" hätten. Zu oft habe die Spielerei "in emotionale Freundesbeziehungen eingegriffen". Verlierer hätten nicht nur ihre Chips, sondern auch Ansehen und Freunde eingebüßt.

Im Hort der Schule ist das Thema allerdings noch immer "ziemlich groß". Dort dürfen die Schüler zwar noch mit den Chips spielen, aber nur noch unter Aufsicht in einem Extra-Raum. Mit ähnlichen Argumenten wurden an anderen Schulen bereits Panini-Sammelbilder verboten - bei der Fußball-EM wurden Schulleiter so zu Spielverderbern.

Die Wrestling-Chips seien nicht als Schulhof-Währung gedacht, sagt Thomas Schmitz vom amerikanischen Hersteller Topps: "Das empfehlen wir nicht." Um Geschicklichkeit gehe es und um den Spaß am Sammeln. Die Chip-Verbote halte er für übertrieben.

Jeder verspielte Chip reißt ein Loch in die Taschengeld-Kasse. Ein Viererpack kostet im Kiosk 1,50 Euro. 90 unterschiedliche sind im Handel: rote, blaue und schwarze mit männlichen Show-Ringern, violette mit muskelbepackten Frauen. Doch wer die wirklich seltenen Stücke erwischen will, muss Glück haben oder investieren.

Über zehn Euro kann ein Chip im Netz kosten

Der goldene Rey Mysterio wird im Internet für über zehn Euro gehandelt. Deshalb spricht Jeske von "Abzocke". Die hohen Preise sind für ihn auch der Grund, dass sich der Trend in Berlin nicht an allen Grundschulen ausgebreitet - "nur da, wo das Geld ein wenig lockerer sitzt." In einigen Hamburger Grundschulen kursiert derweil eine kostengünstigere Variante des Chip-Spiels: Hier spielen die Kinder mit den Kronkorken von Bier- oder Limonadenflaschen.

Die Erklärung für das Geschäft mit den Wrestling-Chips sei ganz simpel, sagt der Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin. Die Industrie habe festgestellt, dass Grundschulkinder immer mehr Taschengeld haben, "daher setzen die Firmen Trends durch Werbung". Es werde ausgenutzt, wovor selbst Erwachsene nicht immer sicher sind: "Man verspricht Zugehörigkeit. Wer die Chips nicht hat, gehört nicht dazu." Kinder brauchten zwar Identifikationsmöglichkeiten - "aber keine kommerziellen", so der Psychologe.

Wrestling-Chips entwickeln sich zur Währung des Schulhofes. "Das Spielen um Chips kann man nicht zu den Glücksspielen im engeren Sinn zählen", sagt Psychologe und Glücksspielforscher Tobias Hayer von der Universität Bremen. Einige Spielvarianten aber ähnelten dem Glücksspiel. Die Vermutung vieler Eltern, die Spielerei könne süchtig machen, weist Hayer zurück. Dennoch, so betont er, "ist es wichtig, dass Kinder ihr Freizeitverhalten nicht einseitig ausrichten".

Die Schüler der Stechlinsee-Grundschule scheinen die bunten Chips nicht zu vermissen. "Kaum hatte ich das Verbot ausgesprochen, war der Trend mit einem Mal vorbei", sagt Schulleiter Jeske.

Theresa Münch, dpa

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