Straßenkinder an Weihnachten: Bloß nicht mit den Eltern feiern

Einsam, hungrig und obdachlos: Straßenkinder und Jugendliche wie Melanie schlagen sich allein durch. Bei ihren Eltern halten sie es nicht aus. In Jugendclubs bekommen sie an Weihnachten Gebäck, Kaffee - und Aufmerksamkeit.

Mit Weihnachten kann Kai* wenig anfangen. Seit zwei Jahren lebt der 22-Jährige auf der Straße und beschreibt sich als überzeugten Atheisten. Wenn aber um ihn herum die Mannheimer Familien am 24. Dezember den Weihnachtsbaum schmücken und den Braten zubereiten, will auch er nicht allein auf einer Parkbank sitzen.

Melanie, 19: Ständig Streit mit den Eltern
DDP

Melanie, 19: Ständig Streit mit den Eltern

"Wahrscheinlich gehe ich zu Freezone, da ist es immer ganz nett", sagt er - netter jedenfalls als bei seinen Eltern, die er seit Monaten nicht mehr gesehen hat.

Bei Freezone in Mannheim sitzen an Weihnachten zahlreiche obdachlose Jugendliche und Straßenkinder wie Kai, knabbern Gebäck und trinken Kaffee. Alkohol ist streng verboten. Wahrscheinlich, schätzt Kai, wird es ein Fest, bei dem wie auch an jedem anderen Tag Tischfußball gespielt wird.

"Aber es geht ja nicht darum, Weihnachtslieder zu singen, sondern einen guten Abend in der Gemeinschaft zu verbringen", sagt er. Ganz ohne Weihnachtsdekoration wird es auch bei Freezone nicht gehen. Schon Tage vor Weihnachten liegen dort Tannenzweige auf den Tischen.

Nicht nur essen, sondern reden

Die Angebote richten sich an Kinder ab zwölf und an junge Erwachsene bis 21, die von Obdachlosigkeit bedroht sind oder schon auf der Straße leben. "Wir bieten den Kindern und Jugendlichen tagsüber einen Platz an, wenn sie nicht wissen, wohin", sagt Markus Unterländer, 28. Er ist Erzieher und einer der beiden Vollzeitbeschäftigten bei Freezone.

Es gehe vor allem darum, Vertrauen aufzubauen und Hilfestellung im Alltag zu geben, sagt Unterländer. Wer die Einrichtung besucht, der soll sich wohlfühlen, am besten sogar ein wenig zu Hause. Die Jugendlichen können dort duschen und ihre Klamotten waschen, es gibt ein warmes Essen und vor allem Gespräche.

Die meisten Kinder und Jugendlichen, die zu Freezone kommen, haben sich weitgehend von ihrer Familie oder auch von der Schule abgewandt. "Unsere Klientel besteht etwa zu zwei Dritteln aus Mädchen und jungen Frauen", so Unterländer. Anders als Jungs hätten die Mädchen weniger Probleme, Hilfe anzunehmen.

Claudia, 19, sitzt in ihrer blauen Jogginghose bequem auf der Couch. Auf dem Tisch vor ihr stehen Kerzen, ein Weihnachtstollen liegt auf einem bunten Teller. "Ich werde an Weihnachten zwar auch bei meiner Familie sein, aber ich weiß schon jetzt, dass es bei der Weihnachtsfeier von Freezone schöner wird", sagt Claudia. Daher will sie auch in die Jugendeinrichtung kommen.

Wenn das Geld schon zur Monatsmitte alle ist

Die junge Frau verbringt wegen des schlechten Verhältnisses zu den Eltern viel Zeit bei Freezone. Zu Hause, allein mit dem Vater, sei es kaum auszuhalten, sagt sie. "Es gibt immer wieder Ärger, weil er mich schlecht behandelt." Ihre Mutter sieht sie kaum noch, die große Schwester ist längst ausgezogen. Am liebsten würde Claudia eine Ausbildung machen und schnell ausziehen - "bis dahin bin ich so oft, wie es geht, unterwegs".

Auch bei Melanie, die ihren richtigen Namen ebenso wie Claudia nicht verrät, gibt es zu Hause ständig Ärger. Ihre Eltern arbeiten bei einer Reinigungsfirma, trotzdem ist nie genug Geld im Haus. Oft gebe es Streit, klagt die 19-Jährige. "Manchmal haben wir schon in der Mitte des Monats kein Geld mehr zum Einkaufen."

Vor etwa drei Jahren sei sie kurz davor gewesen, in einem Sumpf aus illegalen Drogen und Alkohol zu versinken, erzählt Melanie. "Die Obdachlosigkeit war programmiert." Dank Freezone fing sie sich wieder. Die Mitarbeiter vermittelten zwischen Melanie und ihren Eltern. Nun lebt sie wieder zu Hause - für Melanie nur eine "Notlösung". Bald will sie das Fachabitur machen, studieren und ausziehen.

"Sozialer Stress wirkt sich auf Familien aus"

"Wir stellen fest, dass sich der soziale Stress zunehmend auf die Familien auswirkt", sagt Unterländer. Seit er 2005 bei Freezone arbeitet, habe sich die Lage verschärft. Dass Familien schon am 20. des Monats kein Essen mehr einkaufen können, weil das Geld aus ist, komme nicht mehr nur bei Hartz-IV-Empfängern vor. "Immer mehr berufstätige Eltern sind knapp bei Kasse."

Um die ärgsten Folgen für die Familien zu lindern, geben die Mitarbeiter von Freezone ihren Schützlingen auch schon mal Essenspakete mit auf den Heimweg, notfalls auch an Heiligabend.

Von Stephan Wolf, ddp

*Namen geändert

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Freiheit die ich meine.
Rainer Helmbrecht 25.12.2008
Zitat von sysopEinsam, hungrig und obdachlos: Straßenkinder und Jugendliche wie Melanie schlagen sich allein durch. Bei ihren Eltern halten sie es nicht aus. In Jugendclubs bekommen sie an Weihnachten Gebäck, Kaffee - und Aufmerksamkeit. ..…
Ich vermute, das Problem mit den Kindern und Jugendlichen besteht darin, dass man den Begriff Freiheit mit Unabhängigkeit verwechselt und Familie auch gelebt werden muss. Wenn schon eine gemeinsame Mahlzeit von den Kindern als Zumutung empfunden wird und die Tatsache, dass Eltern ihre Kinder Ernähren, als ein ihnen zustehendes Recht empfinden, dann wird auch dieser Alte Brauch, mit jemandem das Brot zu brechen entwertet. Die Freiheit besteht darin, alles zu nehmen, aber nichts mehr geben zu müssen. Wer sich bedankt, hat zugegeben, das es etwas Wert war. Diesen Wert wollen die Kinder nicht anerkennen. Da gibt es dann so im Familienstreit die Aussage, dann gehe ich ins betreute Wohnen. Nicht etwa, da suche ich mir woanders Liebe, sondern einen Futterplatz. Das Eltern sich für Kinder krummlegen, hat keinen Wert, weil das den Kindern zusteht. So wurde aus der Familie ein Platz der bestimmten Ansprüchen genügen sollte und die man auch einklagen kann. Väter werden zu Erzeugern degradiert und wer Kinder in die Rolle von Bittstellern bringt, der erfüllt seine Pflichten nicht. Die Jugendlichen können ihre Ansprüche einklagen, so gar unter bestimmten Umständen ein Erbe herausklagen, was allerdings nicht eingeklagt werden kann ist Liebe. Über diesen Zusammenhang von Familie, Pflichten und Liebe sollte man mehr nachdenken. Dann was ich bei solchen Schilderungen von selbst gewähltem Straßenleben oft höre, es geht nicht um Fürsorge und auch nicht um Liebe, es geht um Rechthaben. Diese Unabhängigkeit, die darin begründet ist, dass man bettelt, oder zu einem Amt geht, das ist keine wirkliche Unabhängigkeit, das ist ein Austausch des Versorgungspflichtigen. MfG. Rainer
2. So einfach ist das nicht Helmbrecht
Gurkenbroetchen 25.12.2008
Ich empfehle Ihnen dringend selbst einmal in eine Jugendeinrichtung zu gehen und sich dort mit Betreuern und Jugendlichen zu unterhalten. Zum Beispiel warum sie da sind. In 99% der Fälle werden Sie feststellen, das mehr dahinter steckt als simples "seinen eigenen Kopf durchsetzen".
3. ...
mörk 25.12.2008
Zitat von Rainer HelmbrechtIch vermute, das Problem mit den Kindern und Jugendlichen besteht darin, dass man den Begriff Freiheit mit Unabhängigkeit verwechselt und Familie auch gelebt werden muss. Wenn schon eine gemeinsame Mahlzeit von den Kindern als Zumutung empfunden wird und die Tatsache, dass Eltern ihre Kinder Ernähren, als ein ihnen zustehendes Recht empfinden, dann wird auch dieser Alte Brauch, mit jemandem das Brot zu brechen entwertet. Die Freiheit besteht darin, alles zu nehmen, aber nichts mehr geben zu müssen. Wer sich bedankt, hat zugegeben, das es etwas Wert war. Diesen Wert wollen die Kinder nicht anerkennen. Da gibt es dann so im Familienstreit die Aussage, dann gehe ich ins betreute Wohnen. Nicht etwa, da suche ich mir woanders Liebe, sondern einen Futterplatz. Das Eltern sich für Kinder krummlegen, hat keinen Wert, weil das den Kindern zusteht. So wurde aus der Familie ein Platz der bestimmten Ansprüchen genügen sollte und die man auch einklagen kann. Väter werden zu Erzeugern degradiert und wer Kinder in die Rolle von Bittstellern bringt, der erfüllt seine Pflichten nicht. Die Jugendlichen können ihre Ansprüche einklagen, so gar unter bestimmten Umständen ein Erbe herausklagen, was allerdings nicht eingeklagt werden kann ist Liebe. Über diesen Zusammenhang von Familie, Pflichten und Liebe sollte man mehr nachdenken. Dann was ich bei solchen Schilderungen von selbst gewähltem Straßenleben oft höre, es geht nicht um Fürsorge und auch nicht um Liebe, es geht um Rechthaben. Diese Unabhängigkeit, die darin begründet ist, dass man bettelt, oder zu einem Amt geht, das ist keine wirkliche Unabhängigkeit, das ist ein Austausch des Versorgungspflichtigen. MfG. Rainer
Ihre Aussage ist geprägt von Bitterkeit und einseitigen Schuldzuweisungen. Sie gehen an Symptome heran, fragen aber nicht nach deren Ursachen. Zum einen Leben wir in einem Politik- und Wirtschaftssystem, das jungen Menschen Ideale vorlebt, die hart mit der Realität kollidieren. Frustration ist da vorprogrammiert und nicht zu verurteilen. Zudem scheinen Sie sich nicht vorstellen zu können, dass es Elternhäuser gibt, in denen die Kinder tatsächlich keine Aussicht auf ein menschenwürdiges Aufwachsen haben. Zum Thema "Futterstelle": Wer Kinder in die Welt setzt, der hat die Pflicht, sie zu versorgen und ihnen den Weg zu ihrer persönlichen Entfaltung (die Wunschvorstellungen der Eltern sind dabei unerheblich - ein Kind/Mensch ist kein Eigentum) zu ebnen. Viele können das nicht mehr, weil die wirtschaftliche Realität sie in prekäre Verhältnisse manövriert. Die Schuld an der Verzweiflung und Flucht darüber kann man keineswegs den Kindern geben. Die konservativ-bürgerlichen Wertvorstellungen, die aus Ihrem Beitrag herauszuhören sind, sind legitim. Nicht legitim ist es, sie anderen als einzige Wahrheit aufzwingen zu wollen. Es gibt zahlreiche unterschiedliche Lebenswelten, keine einzihge davon ist allgemein gültig. Stichwort "Toleranz".
4. Na, ich weiß nicht...
imagine 26.12.2008
Zitat von Rainer HelmbrechtIch vermute, das Problem mit den Kindern und Jugendlichen besteht darin, dass man den Begriff Freiheit mit Unabhängigkeit verwechselt und Familie auch gelebt werden muss. Wenn schon eine gemeinsame Mahlzeit von den Kindern als Zumutung empfunden wird und die Tatsache, dass Eltern ihre Kinder Ernähren, als ein ihnen zustehendes Recht empfinden, dann wird auch dieser Alte Brauch, mit jemandem das Brot zu brechen entwertet. Die Freiheit besteht darin, alles zu nehmen, aber nichts mehr geben zu müssen. Wer sich bedankt, hat zugegeben, das es etwas Wert war. Diesen Wert wollen die Kinder nicht anerkennen. Da gibt es dann so im Familienstreit die Aussage, dann gehe ich ins betreute Wohnen. Nicht etwa, da suche ich mir woanders Liebe, sondern einen Futterplatz. Das Eltern sich für Kinder krummlegen, hat keinen Wert, weil das den Kindern zusteht. So wurde aus der Familie ein Platz der bestimmten Ansprüchen genügen sollte und die man auch einklagen kann. Väter werden zu Erzeugern degradiert und wer Kinder in die Rolle von Bittstellern bringt, der erfüllt seine Pflichten nicht. Die Jugendlichen können ihre Ansprüche einklagen, so gar unter bestimmten Umständen ein Erbe herausklagen, was allerdings nicht eingeklagt werden kann ist Liebe. Über diesen Zusammenhang von Familie, Pflichten und Liebe sollte man mehr nachdenken. Dann was ich bei solchen Schilderungen von selbst gewähltem Straßenleben oft höre, es geht nicht um Fürsorge und auch nicht um Liebe, es geht um Rechthaben. Diese Unabhängigkeit, die darin begründet ist, dass man bettelt, oder zu einem Amt geht, das ist keine wirkliche Unabhängigkeit, das ist ein Austausch des Versorgungspflichtigen. MfG. Rainer
Lieber Rainer, aus ihnen spricht ein Erwachsener der meint, die undankbaren Bälger müssten sich aus Dankbarkeit zuvorkommender zeigen. Vieleicht gibt es aber zuweilen wenig Grund für Dankbarkeit? Oder einer, der aufgrund persönlicher Erfahrungen so verbittert kommentiert. Vielleicht sind manche Eltern auch ganz froh, dass ein Esser weniger am Tisch sitzt, wenn das Geld ohnehin nicht reicht. Ich denke, die meisten Kids werden gute Gründe für ihr Handeln haben.
5. ... Freiheit die einem "zusteht" !?
epze030 26.12.2008
Zitat von Rainer HelmbrechtIch vermute, das Problem mit den Kindern und Jugendlichen besteht darin, dass man den Begriff Freiheit mit Unabhängigkeit verwechselt und Familie auch gelebt werden muss. ... MfG. Rainer
Ja, leider wird gern verwechselt, daß "erwachsen sein" nicht automatisch mit dem 18.Geburtstag eintritt ... Man kann dann zwar als Soldat weltweit zum Menschen erschießen verwendet werden, ist aber ggf. selbst kaum in der Lage, einen Antrag auf Kindergeld zu stellen ... Hier klaffen zwischen eigenem Anspruch und realen Fähigkeiten schon noch Welten und 20+xx Jahre mehr Lebenserfahrung sind "wertlos" ... "Gern" wird dann die gerade noch geduldete elterliche Verantwortung auf rein monetären Ansprüche zurückgeschnitten ... und natürlich sind/ist an eigenen Probelem stets alle/alles Andere schuld ...
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