Von Astrid Herbold
16.29 Uhr - erste CD verkauft
Die ersten Töne, unter einem gläsernen Vordach von Karstadt. "Ich bleib für immer hier / noch niemals sah ich so viel Schönes / komm, wir tanzen hier", singen sie. Zwei Eis essende Pärchen bleiben stehen, dann ein paar Mütter mit Kindern. Nach zehn Minuten ist die erste CD verkauft, an einen Dreijährigen.
Es lief schon besser. Ihr Rekord liegt bei 25 CDs in einer Stunde, das war letzten Sommer in Berlin, bei einem Preis von zehn Euro pro Stück waren das bombastische Einnahmen. Insgesamt sind sie in der letzten Saison 700 CDs losgeworden, "ungefähr 500 verkauft und 200 verschenkt", schätzt Elias. Denn CDs sind ihre Währung für alles, für Mitfahrgelegenheiten, Essenseinladungen, Übernachtungsangebote. In diesem Sommer sollen mindestens 1000 Stück unter die Leute gebracht werden.
17.40 Uhr - Musik macht hungrig
Heute macht die Musik nicht reich, aber trotzdem hungrig. Bei Rewe hat Elias 500 Gramm Graubrot gekauft und drei vegetarische Bioaufstriche, für 8,76 Euro. Wenn sie es sich leisten können, entscheiden sie sich immer für Öko. "Wir hätten auch gerne eine Photovoltaikanlage statt des Generators, aber so was gibt es noch nicht." Die Stullen werden am U-Bahn-Ausgang Landungsbrücken geschmiert, die Tonnen dienen als Stehtische, dazu gibt es Sprudelwasser aus der Flasche.
Es gab schon deutlich magerere Zeiten. Von zwei Euro am Tag haben sie vorletzten Sommer gelebt, da hat Luis für sich und seinen besten Freund nichts als Nudeln und Kartoffeln gekocht. Einziger Luxus: "Instantsoße für 20 Cent." Dahinter steckte weniger die Not als ein strenger Plan: Jeder gesparte Cent wurde damals in Instrumente und Equipment investiert. Alles für den großen Traum von der Straßenmusik, dem sie seither alles unterordnen.
Trotzdem blieben ihre Fixkosten hoch, zu hoch. 600 Euro Miete für zwei Zimmer in der teuren Bankenstadt Frankfurt, "das haben wir jetzt abgestoßen", erklärt Elias. Seit Mai 2010 ist "Guaia Guaia" ohne festen Wohnsitz. Keine Verzweiflungstat, sondern ein künstlerischer Befreiungsschlag. Die beiden Musiker finden es erstens konsequent - und zweitens bequem. "Es ist einfach, seinen Rucksack zu nehmen, irgendwohin zu gehen und dann da zu sein", sagt der eine. Und der andere ergänzt: "Wenn man nichts hat, kann man auch nichts verlieren. Das ist sehr entspannend."
Vor fehlenden Schlafmöglichkeiten hatten die beiden letzten Sommer keine Angst und haben es auch in diesem Jahr nicht. Freunde mit Matratzen gibt es in fast jeder Stadt - und notfalls schlafen sie auf Parkplätzen und zünden gegen die Kälte "eine Tanne an". Solche Sachen haben sie auch schon gemacht, "hinterher waren das oft die besten Nächte". Von Jugendherbergen halten die beiden jedenfalls fast so wenig wie von Reihenhäuschen.
18.45 Uhr - das Wetter ist weisungsbefugt im Leben des Straßenmusikers
Nächstes Ziel war eigentlich der stillgelegte alte Elbtunnel, aber es ist Montag, da fahren Autos durch. Ein paar Touristen spazieren trotzdem herum, schon deshalb verdient der Ort ein Ständchen. Skeptisch lässt der uniformierte Fahrstuhlwärter die beiden gewähren.
Generell geraten Elias und Luis selten mit Ordnungshütern in Konflikt, obwohl ihre Auftritte nie angemeldet und damit immer illegal sind. "Nur in München haben wir mal Innenstadtverbot gekriegt", da schickte die Polizei die beiden stattdessen vor einen Bürokomplex an eine vierspurige Straße. Gespielt haben sie dort trotzdem, "einfach so". Weil die Lust an der Musik nicht zwingend mit Zuschauern zusammenhängt.
Und so singen sie auch heute, trotz röhrender Autos, in melodiösen Rhythmen von ihrem Sehnsuchtsort, ihrem Guaia Guaia: "Es war einmal 'ne Insel / die ist auf keiner Karte drauf / und alle ihre Bewohner / haben 'ne Krone auf." Dem Elbtunnel-Beamten wird das dann doch entschieden zu bunt.
Aber bevor sie ihr Keyboard, die Gitarre, die Posaune und das Mischpult wieder einpacken müssen, wird noch eine junge Frau auf einem Fahrrad durch den Tunnel gefahren kommen. Sie wird spontan anhalten, begeistert irgendwas von "Greenpeace", "AKWs" und "geilen Fotos" erzählen. Luis und Elias werden freundlich nicken, klar, kommen wir mit. Auch so funktioniert Konzert-Booking in der Hamburger Unterwelt.
20.36 Uhr - Reeperbahn, morgen vielleicht
Draußen regnet es nicht mehr, aber die Straßen sind nass und kühl. Der Ausflug zur Reeperbahn wird deshalb auf morgen verschoben. "Heute würde sowieso keiner stehen bleiben." Das Wetter ist weisungsbefugt im Leben eines Straßenmusikers. Wenn es in Hamburg bis Mittwoch nicht besser wird, werden die beiden weiterziehen, immer der Nase nach. Eine Tournee, die von Wolkenlücken bestimmt wird.
Für heute aber ist Schluss. Und das heißt: wieder zu Fuß zurück zu den Landungsbrücken, wieder Treppen rauf, Treppen runter. Die Tonnen hängen mittlerweile ziemlich schwer an den Armen. "Das ist unser Workout", sagt Luis. Und Elias fügt hinzu: "Wir sind jung, wir können es uns ein bisschen ungemütlich machen."
Dann lachen sie wieder, warum auch nicht, es war ja ein guter Tag. Und morgen kommt schon der nächste.
Von Astrid Herbold, "Das Magazin"
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