Lästereien im Internet: Wie sich Jugendliche im Netz traktieren

Von Heike Klovert

Jugendliche im Netz: Wer lästert wie und über wen? Fotos
Corbis

Im Internet geht Beleidigen besonders leicht, doch was passiert dort? Das Bündnis gegen Cybermobbing hat Jugendliche, Eltern und Lehrer nach ihren Erfahrungen mit Gemeinheiten im Netz gefragt. Ein Ergebnis: Jeder fünfte Schüler hat schon einmal andere online runtergemacht.

"You only live once" oder einfach "YOLO!" schreiben viele unter ihre Partyfotos, am nächsten Tag oder noch während der Party, und teilen mit der Welt oder zumindest mit den Facebook-Freunden, was sie Schönes erlebt haben. Das ist eine der fröhlichen Seiten des Internets.

Doch wenn ein vermeintlicher Freund einen fiesen Kommentar unter das Foto tippt, ein peinliches Bild vom Abend hochlädt oder ein Gerücht verbreitet, kann es unangenehm werden. Schnell kann man sich dann als Opfer fühlen, besonders weil die Schmähung teilweise oder ganz in der Öffentlichkeit geschieht und nur mit einem gewissen Aufwand wieder zu tilgen ist.

Sich gegen die Lästerei im Netz einzusetzen, das hat sich der Verein "Bündnis gegen Cybermobbing" vorgenommen und zu diesem Zweck Eltern, Lehrer und Schüler nach ihren negativen Erfahrungen gefragt. Ergebnis: Jeder fünfte Schüler hat schon einmal andere im Netz runtergemacht, aus ganz unterschiedlichen Gründen - etwa aus Langeweile, aus Spaß oder weil er oder sie sich selbst belästigt fühlte und sich wehren wollte. Außerdem haben sechs von zehn Pädagogen schon persönlich Fälle von Cybermobbing unter ihren Schülern erlebt. An fast jeder dritten Schule gebe es mindestens einmal in der Woche einen Fall von Cybermobbing, berichten die Lehrer.

Im Bündnis gegen Cybermobbing haben sich unter anderem Eltern, Pädagogen, Forscher, Medienexperten und Mediziner zusammengeschlossen. Vorstandsvorsitzender ist Uwe Leest, dessen Karlsruher Marktforschungsfirma auch die Erhebung "Cyberlife - Spannungsfeld zwischen Faszination und Gefahr" im Auftrag des Vereins durchführte. Für die Umfrage füllten bundesweit rund 3700 Eltern, 1300 Lehrer und 7000 Schüler zwischen 10 und 22 Jahren Fragebögen online und auf Papier aus.

Die Ergebnisse im Überblick:

  • Etwa jeder sechste Schüler gab an, dass er schon selbst Cybermobbing erlebt habe, für rund 80 Prozent sind Probleme mit Online-Lästereien demnach kein Thema. Unter den Betroffenen gab jeder zweite an, beschimpft oder beleidigt worden zu sein, mehr als jeder dritte Betroffene sagte, dass über ihn Lügen und Gerüchte verbreitet wurden. Ein Viertel der betroffenen Schüler gab an, sich unter Druck gesetzt oder ausgegrenzt zu fühlen.
  • Hingegen sagten nur rund 7 Prozent der Eltern, dass ihre Kinder mit Mobbing im Netz in Kontakt gekommen seien. "Cybermobbing erzeugt bei Kindern und Jugendlichen häufig Schamgefühle", erklären die Studienautoren. Die Leidtragenden trauten sich oft nicht, mit Erwachsenen darüber zu sprechen. Wenn sie sich überhaupt jemandem anvertrauen, sind es meist die Eltern oder die Freunde.
  • Lehrer haben offenbar einen anderen Einblick als die Eltern: Sie glauben, dass etwa 17 Prozent ihrer Schüler schon einmal Opfer von Cybermobbing geworden sind. Das deckt sich mit dem, was die Schüler selbst berichten.
  • Am häufigsten beobachten Lehrer an Berufsschulen Fälle von Cybermobbing. Sieben von zehn Pädagogen sagten, das passiere bei ihnen mindestens einmal in der Woche. Je die Hälfte der befragten Haupt- und Gesamtschullehrer berichtet von wöchentlichen Vorfällen. An Gymnasien sind es gut ein Drittel und an Realschulen knapp vier von zehn Pädagogen.

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Netz-Polizei: Diese Seiten helfen bei Cybermobbing

  • Lehrer berichteten, dass gemobbte Schüler bedrückt seien, sich schlecht konzentrieren könnten und schlechtere Noten schrieben. Hier zeigt sich allerdings ein Phänomen, das Studien zu dem Thema erschwert: Die Auswirkungen von Lästereien im Netz oder auf dem Schulhof sind kaum zu trennen, denn meistens wird morgens in der Schule und nachmittags im Netz gepöbelt - Opfer und Täter kennen sich.
  • Da etwa drei Viertel der Kinder und Jugendlichen einen eigenen Computer im Zimmer haben und viele ein Smartphone besitzen, holen sie die Attacken auch zu Hause und in der Freizeit ein.
  • Fast jeder fünfte Schüler (19,1 Prozent) gab zu, andere schon einmal gehänselt, beleidigt oder gar bedroht zu haben. Am häufigsten geschieht das über soziale Netzwerke, Handys und in Chatrooms. Oft verfließen die Grenzen zwischen Opfer und Täter: Mehr als ein Drittel der Schüler, die andere mobben, wurden selbst auch schon gemobbt.
  • Eine gute Nachricht: Mittlerweile bilden drei Viertel aller Schulen Schülerscouts aus, die ihre Mitschüler über Stolpersteine im Internet aufklären sollen. Viele bieten auch Workshops und Unterstützerteams für Opfer an.
  • Nur in wenigen Schulen werde jedoch das Internet direkt genutzt, um über soziale Netzwerke wie Facebook aufzuklären oder um sich in Chats mit anderen Klassen und Schulen auszutauschen, kritisiert der Verein. Das Internet als "Lebensraum der heutigen Jugend" werde zu selten thematisiert. Lehrer setzten es vor allem ein, um im Unterricht Sachthemen zu recherchieren und Projekte zu präsentieren.

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1. Einen differenzierteren Blick ...
perspective 16.05.2013
... bietet “Sticks and Stones -- Defeating the Culture of Bullying and Rediscovering the Power of Character and Empathy” von Emily Bazelon. Auch wenn die Fälle darin aus den USA sind, viele Aspekte von Bullying, grad das "Cybermobbing" oft "nur" das Bullying in der Schule fortsetzt, sind auch für Deutschland interessant.
2. optional
philip2412 16.05.2013
Das hat`s doch früher auch alles schon gegeben,vor dem Internet. Heute wird es eben öffentlich und jeder kriegt`s mit.
3. optional
inko.gnito 16.05.2013
Schüler sind Kinder. Diese Kinder werden mittlerweile an den meisten Schulen unter permanenten Druck gesetzt, immer mehr wie Dreck behandelt und hören auch den ganzen Tag, daß sie Dreck sind. Natürlich fein verpackt in wohlgewählte Worte. Das mündet eben in Respektlosigkeit, mangelnder Achtung vor dem Nächsten oder besser gesagt: Sie lassen eben bei jeder Gelegentheit den Frust dadurch raus, daß sie Andere eben noch dreckiger aussehen lassen. Da hilft keine Aufklärung, keine Scouts, da hilft nur der gesunde Menschenverstand beim Umgang mit Kindern. Für jedes Meerschweinchen gilt der Tierschutz, kleine Menschen darf man quälen. Traurig.
4. mehr als fragwürdige Studie
medien-sicher 16.05.2013
An dieser Studie ist sovieles offensichtlich faul, dass es nicht nur dem Fachmann auffallen sollte. Man muss sich nur einmal ansehen, wer diese Studie durchgeführt hat, wer sie finanziert hat (eine Versicherung, die eine Cybermobbing-Versicherung verkaufen will), dass Cybermobbing darin gar nicht definiert wird und die verwendeten Fragebögen nicht einsehbar sind. Ganz abgesehen davon: Zuerst hieß es, jeder 5. sei betroffen, heute war es dann noch jeder sechste, davon wiederum fühlten sich nur 20% "dauerhaft belastet". Da aber gerade Dauerhaftigkeit ein ganz entscheidendes Merkmal von Mobbing ist, bleibt unter dem Strich übrig, dass ein Fünftel von 17 %, also ca. 3,5 %, laut dieser Studie tatsächlich Opfer von Cybermobbing geworden sind, eine Zahl, die sich auch weitaus besser mit meiner Erfahrung im Schulalltag deckt als die reißerische Behauptung “jeder 5. wird im Internet gemobbt!” Details unter http://www.medien-sicher.de/2013/05/neue-studie-zu-cybermobbing-irrefuhrend (falls links hier erlaubt sind, ansonsten bitte löschen!
5. Nur hatten
hinterdir 16.05.2013
Zitat von philip2412Das hat`s doch früher auch alles schon gegeben,vor dem Internet. Heute wird es eben öffentlich und jeder kriegt`s mit.
die Opfer außerhalb der Schule auch Zeit sich zu regenerieren; heute gibt es eine 24 Stunden Beschallung, ist schon ein Unterschied.
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Cybermobbing unter Jugendlichen
Was ist das?
Wenn jemand einen anderen Menschen absichtlich und über längere Zeit beleidigt, bedroht, bloßstellt oder belästigt, und wenn das im Internet oder per Handy geschieht, spricht man von Cybermobbing. Gerade unter Kindern und Jugendlichen kennen sich Opfer und Täter meist aus Schule, Verein oder Wohnviertel. Cybermobbing zwischen Personen, die sich noch nie gesehen haben, ist sehr selten.
Wie entsteht es?
Spannungen in der Klasse verlagern sich oft ins Internet, wo unbeliebte Schüler dann verspottet und belästigt werden. Manchmal brechen auch Freundschaften auseinander und ehemals gute Freunde tragen ihren Konflikt im Netz aus. In manchen Gruppen gehört es zum alltäglichen Umgang, sich gegenseitig herunterzumachen. Cybermobbing kann aber auch aus Unachtsamkeit oder Langeweile entstehen. Oft ist Jugendlichen nicht bewusst, wie verletzend ein flapsiger Kommentar sein kann.
Wie erkennt man es?
Opfer von Cybermobbing sind oft bedrückt, ungewöhnlich schweigsam oder angespannt. Viele können schlecht schlafen und haben morgens vor der Schule Schmerzen oder andere Beschwerden. Sie werden selten zu Geburtstagen oder Partys eingeladen und wollen lieber von ihren Eltern angeholt werden, statt mit dem Schulbus zu fahren. Wenn man sie darauf anspricht, spielen Jugendliche ihre Situation vor Erwachsenen oft herunter.
Wie schützt man sich?
Gebt möglichst wenige persönliche Daten im Internet preis, ladet möglichst wenige Bilder und Videos von euch hoch und macht niemals eure vollständige Adresse oder Handynummer öffentlich. Überprüft eure Sicherheitseinstellungen und gebt euren Privatbereich nicht für jeden frei.
Wie kann man sich wehren?
Nehmt beleidigende E-Mails, Bilder oder Posts nicht einfach hin, aber antwortet auch nicht direkt darauf. Fragt lieber zuerst eure Eltern, einen Lehrer oder einen guten Freund, wie ihr damit umgehen sollt. Redet mit Menschen an, denen ihr vertraut, und fresst den Ärger nicht in euch hinein. Speichert SMS oder E-Mails und macht Screenshots von Seiten, auf denen ihr beleidigt werdet. Sperrt Leute, die euch belästigen du meldet Kommentare an den Betreiber der Webseite. Geht in besonders ernsten Fällen zur Polizei und erstattet Anzeige.
Was droht den Tätern?
Cybermobbing ist kein Staftatbestand, aber in Cybermobbing vereinigen sich einzelne Straftaten. Dazu gehören zum Beispiel Beleidigung, üble Nachrede, Verleumdung, Nötigung, Bedrohung oder Gewaltdarstellung. Alle diese Vergehen können mit bis zu einem Jahr im Gefängnis bestraft werden, in manchen Fällen sogar härter. Kinder unter 14 Jahren sind grundsätzlich strafunmündig. Bei Jugendlichen steht nicht die Bestrafung, sondern der Erziehungsgedanke im Vordergrund. In Betracht kommen deshalb in erster Linie erzieherische Weisungen und Auflagen im Sinne des Jugendstrafrechts.

Quellen: www.klicksafe.de, www.polizei-beratung.de

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